Tag 1: Pläne sind dafür da, geändert zu werden

9. Juni 2015, von Salzburg bis zum Zeppezauerhaus

 

Salzburg ade
Salzburg ade
Entlang einer vielbefahrenen Straße geht es raus aus Salzburg.
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Um 5:50 klingelt der Wecker. Zum Nachmittag ist schlechtes Wetter gemeldet, deshalb muss ich früh aufbrechen.

Mann, geht mir die Düse!

über 7 Monate ist es her, als ich meiner Partnerin Bianca meinen Wunsch offenbart hatte, am Alpenkamm entlang zu wandern. Das Während die meiste Zeit von Vorfreude geprägt war, hat sich in den letzten Tagen zunehmend Aufregung dazwischen gemogelt. Seit heute Morgen hat sie mich nun vollständig im Griff. Ich versuche mich mit Duschen und Rucksack Packen abzulenken, jedoch ohne Erfolg. Ich werde später noch feststellen, dass ich vor Aufregung sogar das Zähne Putzen vergessen habe!

 

Planänderung, die erste

Zum Frühstück nehme ich meinen Alpenvereins-Führer und Karte mit, um mich mit meiner heutigen Strecke vertraut zu machen. Hunger habe ich überhaupt keinen, ich zwänge mir dennoch zwei Mehrkorn-Brötchen rein, schließlich werde ich die Energie später noch brauchen.

Beim Studium des Führers dann der erste Dämpfer: bei Nässe kann der der landschaftlich attraktivere Dopplersteig in keinem Fall begangen werden. Und es ist nass! Gestern Nacht hat Petrus die Schleusen so weit geöffnet, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Na gut, dann gibt’s halt ne Planänderung und ich gehe den etwas einfacheren Reitsteig hoch.

Ich schmiere mir gerade noch zwei Brötchen als Proviant, als die Frühstücks-Kellnerin einen anderen Gast nach allen Regeln der Kunst vor den anderen Gästen zu Sau macht, dass er sich doch nicht einen Apfel, ein Brötchen und eine Tasse Kaffee mitnehmen könne! Wobei ich mich frage, warum man denn dann Coffe2Go Pappbecher neben den Automaten stellt. Ich beschließe, mir nicht auch den Zorn dieses Zerberus auf mich zu ziehen und warte geduldig einen passenden Moment ab, um meine so wichtige Wegzehrung völlig unauffällig in meiner Hosentasche verschwinden zu lassen. Geschafft! Herrlich, so ein Erfolgserlebnis!

 

Ade, altes Leben

Es ist eines der typischen Bussiness-Hotels, in denen ich schon häufig abgestiegen war, aber so unwohl wie heute hab ich mich noch nie gefühlt. Nix wie weg hier. Geschwind hole meinen Rucksack vom Zimmer und checke aus. Vor der Tür dann der nächste Dämpfer: es regnet schon wieder! So hab ich mir den Anfang meiner Tour nicht vorgestellt! Aber hier bleiben ist auch keine Option. Also rein in die Regenjacke und los geht’s. Nach kaum zehn Schritten spüre ich plötzlich, dass meine Aufregung verflogen ist. Was jetzt zählt, sind nur noch die nächsten Schritte. Schritte, die mich im morgendlichen Berufsverkehr aus Salzburg führen werden. Bewusst starte ich in Salzburgs Zentrum, da es gleichsam mein bisheriges (Berufs-)leben verkörpert. Schön (wenn man nicht zu genau hinschaut) aber auch laut, hektisch und vom Konsum bestimmt. Und so führt mich eine lange Ausfallstraße aus diesem Gewusel hinaus auf meinen persönlichen Pilgerweg.

 

Schnee verhagelt meine Pläne

Nach einer Weile halt ich an, um einen Bergführer erneut anzurufen, den ich gestern in einem ungünstigen Moment erwischte. Er soll mir jemanden zuteilen, der mit mir über den Watzmann geht. „Wie, jetzt schon an Wochenende? Das wird nix.“, schallt es lakonisch aus dem Telefon. Der bei guten Verhältnissen schon extrem anstrengende und steile Abstieg ist noch komplett mit Schnee bedeckt. Buff, der nächste Dämpfer. Naja, denke ich, was soll’s. Genau dafür habe ich doch Alternativ-Routen ausgearbeitet. Denkste. Beide Alternativen verlaufen an einer Stelle im Steinernen Meer, an der ebenfalls noch sehr viel Schnee liegt, erfahre ich aus dem Telefon. Und schon stehe ich ohne Plan da! Naja, morgen werde ich mal im Riemannhaus anrufen und mir Infos aus erster Hand besorgen. Dann ist immer noch genug Zeit, einen neuen Plan D auszuarbeiten.

 

War das Training der vergangenen Monate wirklich vergebens?

Jetzt geht es erst mal weiter und kurze Zeit später erreiche ich Glanegg und damit den Einstieg in den Aufstieg zum Zeppezauerhaus, der 1200 Höhenmeter am Stück für mich bereit hält. Der Reitsteig zeigt recht schnell sein wahres Gesicht, zum Reiten ist der Steig nämlich ganz und gar nicht geeignet. Er stellt ohne Gnade meinen Trainingsweg an unserem Hausberg in Schatten. Es dauert nicht lange, bis ich den ca. 19 kg schweren Rucksack merke. Gott sei Dank nicht am Rücken oder auf den Schultern, nein meine Oberschenkel und meine Po-Backen protestieren ob der ungewohnten Quälerei. Nach einer Stunde Aufstieg zwinge ich mich zur ersten Pause. Damit mein rastloses Innere nicht merkt, dass es nicht mehr weiter geht, fange ich an, Fotos zu machen, obwohl bei dem inzwischen aufgezogenen Nebel die Motivwahl die eigentliche Herausforderung ist. Aber egal, das Ganze hat ja ne therapeutische Aufgabe.
Zu den nächsten Pausen musste ich mich nicht mehr zwingen und die Abstände zwischen ihnen wurden von mal zu mal kleiner. Viele Leute treffe ich heute nicht. Aber die drei, die sich bei diesem Wetter auch raus trauten, ziehen zu meiner weitern Demotivation an mir vorbei als würden sie am Deich entlangflanieren. „Naja“, tröste mich, „die tragen ja auch höchstens viertel so schwere Rucksäcke wie ich“. Und dennoch: da muss sich bei mir konditionstechnisch noch gewaltig was tun, sonst wird das nix mit meinen Bergzielen! Was wäre nur, wenn ich ganz ohne Vorbereitung losgezogen wäre?!?

 

Ankommen ist das Ziel

Die letzten zweihundert Höhenmeter werden zur Qual. Keine fünfzig Schritte schaffe ich am Stück. Da kommt ein Bergkollege wie gerufen von oben herabgestiegen, läd das doch zu einer willkommenen Pause ein. Nach einem netten Plausch und dem Austausch unserer anstehenden Bergprojekte geht es weiter und wenige Minuten später erscheint – wie aus dem Nichts – mein Tagesziel, das Zeppezauerhaus!

Ich liebe dieses Gefühl, an einer Hütte anzukommen! Als erstes ziehe ich alles aus! Nachdem es mehr oder weniger den ganzen Tag geregnet hat, ist selbst die Unterhose zum auswringen nass. Ein heißer Tee bringt meine Glieder wieder auf Normaltemperatur. Währenddessen muss ich schon das erste Mal mein Nähzeug rausholen, eine Gürtellasche ist abgegangen.
Am Ausschank arbeitet ein Nepalese, der schon etliche Jahre während der Sommermonate hier arbeitet. Er freut sich sichtlich über mein Erscheinen, bin ich heute offensichtlich der erste – und wie sich später zeigen wird – auch der einzige Gast. Die Zeit bis zum Abendessen nutze ich für eine Siesta. Der Abend verspricht recht ruhig zu werden, so alleine am Tisch. Dafür gibt es, frisch und nur für mich gemachtes, leckeres Bauerngrüstl! So geht der erste Tag gemütlich bei einem Buch zu Ende…

 

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