Tag -1: Vier Jahrzehnte glaubte ich fälschlicherweise, Höhenangst zu haben!

7. Juni 2015, am Tegernsee

Heute steht der letzter Punkt auf meiner recht ansehnlichen Vorbereitungs-Liste an: ich möchte meine Höhenangst besser in Griff bekommen, damit ich die kommenden Gipfelerlebnisse so ungetrübt wie möglich genießen kann. Zu diesem Zweck bin ich heute am Tegernee mit Sport- und Mental-Coach Heike von Oettingen von www.bergschubser.de verabredet.

Begehe ich gleich zu Beginn meiner Bergpilger-Reise einen Tabu-Bruch?

Die Fahrt mit der Wallberg-Bahn (nein, das ist noch kein Verstoß gegen meine selbst auferlegten Regeln, da die Tour ja noch nicht begonnen hat) nutzen wir für das erste Beschnuppern. Schließlich muss ich – um den Erfolg dieses Trainings nicht zu torpedieren – meine innersten Ängste preisgeben. Das ist eine Tugend, die in der Geschäftswelt seltenst förderlich ist und noch viel seltener gefördert wird. Schnell ist klar, dass wir kompatibel sind, gleiche Erfahrungen sind eben gute Brückenbauer. Denn nichts finde ich schlimmer, als dass ich „meinen“ Trainer oder Coach nicht mag oder ihm sogar meinen Respekt verweigere.

An der Bergstation angekommen kommen wir an einem Panoramabild vorbei, das wie ein Preview meiner Route ist: mit meinen Fingern fahre ich schon mal meine Route vom Großglockner über den Großvenediger und Hochfeiler immer weiter gen Westen ab. Alles nolralgische Punkte, bei denen ich hoffentlich noch dankbar sein werde, dieses Coaching heute gemacht zu haben.

Was, ich habe gar keine Höhenangst?

Bei guter Sicht kann man vom Wallberg aus über den Tegernsee hinweg bis nach München schauen
Phantastische Sicht vom vom Wallberg aus über den Tegernsee bis nach München

Das Coaching beginnt ganz klassisch: zuerst gibt es ein Tässchen Kaffee zum Wachwerden. Dann fängt es mit der Theorie an und einige PowerPoint-Folien führen durch den Stoff. Und doch ist heute einiges anders als üblicherweise: die PPT z.B. ist ganz analog ohne Beamer und Laptop. Und der Schulungsraum ist der Coolste, in dem ich je saß – besser gesagt AUF dem ich saß. Es ist nämlich die Panoramaterrasse der Bergstation. Strahlend blauer Himmel und eine Sicht bis München konkurrieren mächtig mit Heikes Ausführungen um meine Aufmerksamkeit. Doch ich hab ja ein Ziel, das mir hilft, Prioritäten zu setzen und mich auf’s Wesentliche zu fokussieren.

Ich erfahre gerade, dass ich gar keine Höhenangst habe sondern „lediglich“ eine Höhenunverträglichkeit. Wo da der Unterschied ist? Ich versuche es mal in meinen Laien-Worten: während eine Phobie eine psychische Reaktion ist, die im fortschreitendem Stadium auch körperliche Auswirkungen mit sich bringt, wird eine Unverträglichkeit eher als eine körperliche Reaktion gesehen, die bis in die Psyche wirken kann. Bin ich einem Abgrund ausgesetzt, werden also jede Menge Hormone feuerwerksartig abgefeuert, meine Atmung gerät aus den Fugen, meine Sinne verlassen mich und irgendwann fangen meine Muskel an, verrückt zu spielen. Das ist prinzipiell von Mutter Natur so gewollt, aber bei Menschen wie mir hat sie versehentlich die Reizschwelle falsch justiert. Die schlechte Nachricht: eine Unverträglichkeit lässt sich selten ganz heilen. Aha! Und jetzt?!? Feierabend, mit der Seilbahn wieder runter und dann ab in Tegernsee zur Abkühlung? Ne ne, so schnell werde ich nicht entlassen. Schließlich gibt es ja noch eine gute Nachricht! Ich kann es trainieren, meine Höhenangst, pardon, meine Höhenunverträglichkeit unter Kontrolle zu halten. Ich mache keinen Hehl daraus, die spontane Heilung wäre mir lieber gewesen, aber so gib’s ja immerhin auch noch Hoffnung.

Ich lerne also einiges über meine körperlichen Reflexe und Reaktionen, die mir die Evolution unter größten Anstrengungen und mit viel Geduld über die Jahrtausende hinübergerettet hat, und erfahre im Anschluss jede Menge Gegendstrategien, die mir helfen werden, mein evolutionäre Mitgift in Zaum zu halten.

Bereits einige Male hatte ich in meinem Leben Begegnungen mit dem Phänomen der Vorstellungskraft gemacht, nicht immer aber doch meistens in positivem Sinne. Heute darf ich wieder einmal die positive Kraft und Macht der Vorstellungskraft erleben. O.K., um das Berge Versetzen geht es heute nicht, aber wenn ich den Berg schon nicht versetzen kann, so soll ich ihm zukünftig dank der erlernten Methoden zumindest seinen Schrecken nehmen können!

 

Taugt die Theorie auch in der Praxis?

Was ist all die wohlklingende Theorie Wert, wenn sie in der Praxis scheitert? Damit genau das nicht passiert, geht es nach ca. 1 1/2 Stunden raus und hoch auf den Wallberg. Bei meinen Recherchen im Vorfeld dachte ich ja noch, was kann man denn auf dem Grashügel in Punkto Höhenangst üben? Aber zum Einen werde ich eines Besseren belehrt, da es durchaus Stellen der Schwierigkeitsklasse T4 gibt, zum Anderen ist das ganze hier ja kein „Verschiebe-Deine-Grenzen“ Workshop. Neben vielen nützlichen Tips zum sicheren Gehen im Gelände habe ich hier nun die Gelegenheit, Gelerntes durch Tun selbst zu erleben und dadurch zu festigen.

Ohne Höhenangst kann ich den Blick vom Wallberg-Gipfel genießen
Ganz ohne Höhenangst oben auf dem Gipfel des Wallberg

Auch wenn wir heute keine bergsteigerischen Spitzenleistungen erbracht haben – das Vesper am Gipfelkreuz lassen wir uns bei der tollen (Aus-) Sicht nicht nehmen. Selbstredend nutzen wir auch den Abstieg zum Üben. Zurück an der Bergstation lassen wir das Training gemütlich ausklingen, bevor die Wallbergbahn uns wieder nach unten befördert.

Übung macht den Meister!

Der Bergpilger sitzt am Ufer des Tehernsers und genießt den Sonnenuntergang
Abends genieße ich den Sonnenuntergang am Ufer des Tegernsees

Danke, Heike, für einen interessanten, kurzweiligen und lehrreichen Tag! Ich werde bestimmt oft an heute zurückdenken, denn jetzt fängt die eigentliche Arbeit erst richtig an: üben, üben, üben! An Gelegenheit wird es mir ja in nächster Zeit nicht fehlen.

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