Tag 10: Wie, die Milch kommt nicht aus dem Tetra Pak?!?

Do., 18. Juni 2015, Pause in Saalfelden

 

Da komme ich her
Da komme ich her
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Heute hatte ich einen Pausentag eingeplant und angesichts meiner Blase bleibt es bei diesem Plan. Als ich die Frühstücksstube betrete muss ich schmunzeln: am Fenster steht ein Tisch, für eine Person gedeckt, und auf der Bank liegt ein Stapel Wäsche. Das ist dann wohl mein Platz! Zum Frühstück gibt es selbstredend frische Milch und Wurst aus eigener Schlachtung. So fängt der Tag gut an!

 

Zur Sonnenwende brennen die Gipfel

Später setze ich mich an den Tisch vor dem Haus, breite meine Unterlagen aus und fange an, die nächsten Tage zu planen. Zu allererst weite ich meine Pause um einen Tag aus. Von meinen Gastgebern habe ich nämlich die Information, dass am Samstag zur Sonnenwende auf den umliegenden Gipfeln von Feuerwehr, Bergwacht und vielen weiteren Helfern Feuer angezündet werden. Von meinem nächsten Ziel, dem Hundstein aus würde ich am Samstag einen tollen Blick haben, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

 

Habe ich mich bei der Planung überschätzt?

Anschließend muss ich mir Gedanken machen, ob die Glocknerbesteigung eine gute Idee ist. Zu diesem Zweck telefoniere ich mit dem Büro der Kalser Bergführer und lasse mich über die aktuellen Verhältnisse und Ausgesetztheiten aufklären. Am Ende unseres wirklich guten Gesprächs ist mir klar: es kommen einfach zu viele negative Umstände zusammen: mein lädierter Fuß, der recht schwere Rucksack, meine noch nicht beherrschte Höhenangst, noch viel Schnee und schlechte Wetterprognosen. Den Großglockner streiche ich besser von meiner Liste. Um herauszufinden, ob ich mich bei meiner Planung hoffnungslos überschätzt habe, bekomme ich im Verlauf meiner Tour noch genug Gelegenheiten.

Diesen Entschluss teile ich meinem Schwager mit, der mit auf den Großglockner gegangen wäre. Jetzt muss ich mir überlegen, welche Alternativroute ich gehen werde. Dazu aber brauche ich den neuen Führer und die Karten. Also vertage ich die weitere Planung auf nächste Woche, möge die Post es gut mit mir meinen!

Statt dessen widme ich mich dem Schreiben der Blog-Artikel. Ich versuche, sie zeitnah auf meinem Handy zu schreiben, aufgrund der vielfältigen Ablenkungen gelingt mir das aber nicht immer. Und so habe ich bis in frühen Nachmittag hinein gut zu tun. Leider habe ich hier keinen Zugriff auf einen Rechner. Theoretisch könnte ich die Artikel auch von meinem Handy aus hochladen, aber mit den Bildern ist es eine ziemliche Fummelei, weshalb ich lieber auf eine Möglichkeit in Kaprun warte.

 

Erinnerungen an meine Kindheit

Mir kommt gerade die Idee, meine Gastgeber zu fragen, ob ich mal mitkommen kann, wenn sie zum Melken hoch auf die Alm fahren. Zu diesem Zweck klopfe ich an der Küchentür und prompt werde ich in die Küche an Tisch gebeten, wo alle drei gerade Pause machen. Ich habe große Mühe, die Bäuerin davon abzuhalten, mir etwas zu kochen. Ihre Gastfreundschaft kennt keine Grenzen denn sie kann sich offensichtlich nicht vorstellen, dass ein Mann ohne Mittagessen auskommen kann. Wie gut, dass sie nicht weiß, dass ich in meinem bisherigen Arbeitsleben sehr häufig sogar ohne Frühstück aus dem Haus gegangen bin und meine erste und einzige richtige Mahlzeit das Abendessen war. So richtig verstehe ich mich heute selbst nicht mehr! Wir können uns letztendlich darauf einigen, dass ich ein paar Kirschen esse.

Meine Frage, weshalb ich eigentlich angeklopft hatte, wurde natürlich bejaht. Zur Auswahl werden mir „morgen Früh um halb fünf“ und „heute bzw. morgen Abend, ebenfalls gegen halb fünf“ angeboten. Ich bin es ja aus den letzten Tagen durchaus gewohnt, früh aufzustehen aber dennoch entscheide ich mich lieber für heute Abend. In ihrem Jeep ist kein Platz, da auf den hinteren Plätzen das Milchfass steht, in dem die frisch gemolkene Milch von der Alm heruntergefahren wird. Das kommt mir gelegen, muss ich somit auch nicht ausdiskutieren, dass ich aufgrund meines selbst auferlegten Gelübdes gar nicht mitfahren dürfte. Statt dessen mache ich mich zu Fuß auf den Weg, damit ich pünktlich oben bin, wenn das große Melken losgeht.

Ich bin mächtig gespannt, wie das ablaufen wird. In meiner Kindheit und Jugend habe ich viel Zeit auf den Bauernhöfen der Nachbarn verbracht, weshalb mir das Melken durchaus vertraut war, doch mit der Hand wird hier schon längst nicht mehr gemolken.

Die Alm ist zweigeschossig, sozusagen im Souterrain ist der Stall, oben drüber die Scheune. Daneben steht noch die alte, inzwischen verfallene Alm. Die soll aber in den nächsten Jahren wieder neu aufgebaut werden. Vater und Sohn beeindrucken mich als perfekt eingespieltes Team. Es braucht nur wenige Worte, und die Arbeitsaufteilung ist für Beide klar. Während der Vater vom Boden Heu herunterwirft, verteilt sein Sohn Alexander es unten im Stall. Es dient als Motivationshilfe für die Kühe, in Stall zu kommen, denn zum Melken alleine würden sie sich nicht bemühen.

Dann kommt der magische Moment: Alexander pfeift ein, zwei Mal und schon wissen die Damen, dass angerichtet ist. Zwölf Kühe machen sich gemächlich auf den Weg. Eine jede kennt genau ihren Platz. Insbesondere die Kühe mit Hörnern haben ihren Platz auf der rechten Seite, denn links kämen sie mit ihrem Kopf nicht durch das Gatter zum Futter. Im nächsten Schritt werden die Euter sorgfältig gesäubert, sonst drohen Preisabschläge durch die Molkerei, die regelmäßig die Milch untersucht. Zeitgleich bereitet Alexander die Melkanlage vor. Und dann geht es los: immer vier Kühe werden gleichzeitig automatisch gemolken. Die Milch wird durch ein Rohrleitungssystem in den Anlagenraum gepumpt, dort gefiltert und durch einen Wasserkühler geschickt, der vom Brunnen vor Ort versorgt wird. So können sie die Milch schon an Ort und Stelle auf 15° C herunterkühlen. Da die Molkerei die Milch nur abnimmt, wenn sie unter 4° C gekühlt ist, ist dies ein wertvoller Zeitvorteil, da unten auf dem Hof nicht mehr so lange nachgekühlt werden muss. Anschließend wird sie direkt in das Milchfass im Jeep gepumpt.

Es ist eine Freude, Alexander zuzuhören, der vor gut drei Jahren seine Meisterprüfung in der Landwirtschaft abgelegt hat. Ich spüre, dass er diesen Beruf aus tiefster Überzeugung und aus Liebe zu den Tieren ausübt. Seine Eltern freut es auch, da so der Fortbestand ihres Hofes gesichert ist, was heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist!

Nachdem alle Kühe gemolken sind und das eine Kälbchen, das zur Zeit im Stall steht, seine ganz persönliche Portion Milch bekommen hat, reicht wieder nur ein Pfiff und die Tiere wissen, dass es wieder auf die Weide geht. Zielsicher gehen sie dort hin, wo Alexander’s Vater in der Zwischenzeit den Kühen ein Stück frische Weidefläche eingezäunt hat.

Nach zwei Stunden ist die gesamte Prozedur beendet und die Beiden tuckeln langsam mit ihrem Jeep, die wertvolle Ladung hinter sich, den steilen Weg wieder hinunter zum Hof, wo die Arbeit weitergeht.
Glücklich, heute dabei gewesen zu sein, laufe ich wieder runter und freue mich auf mein Abendessen.

 

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