Tag 13: Soll ich es wagen?

So., 21. Juni 2015, von Saalfelden zum Statzerhaus

 

Rauchender Baum
Rauchender Baum
Was der Himmel tagelang heruntergeschüttet hat, treibt die Sonne wieder nach oben.
« 1 von 13 »

 

Bevor ich frühstücke, packe ich meinen Rucksack wieder ordentlich, damit ich gleich nach dem Essen los gehen kann. Ich erkundige mich telefonisch kurz beim Statzerhaus, ob sie heute Abend einen Schlafplatz frei haben. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, die Hüttenwirtin will mich nicht oben haben, jedenfalls rät sie mir dringend ab, hochkommen. Es liege noch viel Schnee von gestern herum und nebelig sei es auch.

 

Meine heutige Strategie: Procrastination

Hier unten sieht es dagegen gar nicht so übel aus, wobei der Wetterbericht vereinzelt Schauer meldet. Ich diskutiere anschließend beim Frühstück auch mit meinen Wirtsleuten darüber, was wohl die richtige Entscheidung ist. Auf der einen Seite mißhagt es mir, unten im Tal zu laufen. Auf der anderen Seite kann ich schlecht einschätzen, wie die Verhältnisse oben wirklich sind, immerhin liegen 1.400 Höhenmeter zwischen unten und oben.

Ich lasse die Entscheidung erst mal offen und frühstücke kräftig, um für den Tag gewappnet zu sein.
Der Senior-Bauer rät mir dringend davon ab, in den nächsten Tagen in die Hohen Tauern zu gehen. Es liegt noch viel zu viel Schnee und gestern ist wieder ordentlich was dazugekommen. Statt dessen empfiehlt er mir den Pinzgauer Höhenweg, der verläuft parallel zu meiner Route, aber fast 1.000 Meter tiefer. Er ist ein erfahrener Bergmensch, das habe ich aus unseren diversen Gesprächen schon herausgehört, deshalb nehme ich seine Bedenken sehr ernst. Also werde ich in Kaprun wohl oder übel ein größeres Stück meiner Planung über den Haufen werfen müssen.

Die Verabschiedung ist sehr herzlich und fällt mir auf der einen Seite schwer, da ich mich auf dem Hinterkasbichlhof total wohl gefühlt habe, auf der anderen Seite freue ich mich natürlich darauf, dass endlich wieder Bewegung in mein Projekt kommt.

Immer noch unschlüssig, was ich machen soll, gehe ich erst mal bis Gerling. Meine Entscheidung, wo ich entlang gehen werde, fälle ich auf dem letzten Drücker. Ich werde die 3,5 Stunden bis zur Schwalbenwand hochgehen. Dort kann ich immer noch die Reißleine ziehen und in weiteren drei Stunden nach Thumersbach absteigen. Oder aber ich gehe weiter zum Hundstein und übernachte im Statzerhaus.

 

Stehe ich am Ende des Tages vor verschlossener Türe?

Als es zu Regnen beginnt, möchte ich den Regenschutz über meinen Rucksack ziehen, doch das Fach, in dem er normalerweise ist, ist leer! So ein Mist! Den habe ich dann wohl auf dem Riemannhaus am Ofen hängen lassen. Das ist wirklich doof, denn die Sachen im Rucksack sollten nach Möglichkeit nicht nass werden. Gut, das Wichtigste ist in einem wasserdichten Sack bzw. in Zipper-Beuteln verpackt. Aber es gibt trotzdem noch genug Sachen, die nicht wasserdicht verpackt sind. Also hänge ich erst mal meine Regenjacke über den Rucksack. Ob ich ohne Jacke vom Regen nass werde oder in der Regenjacke vom Schwitzen, macht keinen Unterschied. Jedenfalls jetzt noch nicht, denn warm genug ist es noch.

Doch je weiter ich hoch komme, desto frischer wird es und nun muss mein Rucksack die Jacke an mich abgeben.
Ein-einhalb Stunden später – es schneit inzwischen wieder – stehe ich endlich auf der Schwalbenwand. Da sich inzwischen aber zu dem Schnee noch starker Wind gesellt, gönne ich mir nur einen kurzen Augenblick, um mich in das Gipfelbuch einzutragen. Immerhin habe ich mir extra für diese Fälle einen Bergpilger-Stempel anfertigen lassen, da soll er ja auch mal zum Einsatz kommen. Schnell noch Mütze und Handschuhe aus dem Rucksack und weiter geht es.

Plötzlich merke ich, dass die Entscheidung offensichtlich schon gefallen ist: ich versuche mein Glück und gehe weiter hoch zum Hundstein. Bei schönem Wetter soll dieser Grat wegen seiner Sicht wunderbar sein, doch heute bei Nebel und Sichtweiten von zum Teil weniger als 30 Metern ist von Genuss nicht viel zu spüren. Statt dessen bin ich wieder mal bis auf die Unterhose nass, was bei 2° C kein Vergnügen ist. Also immer schön in Bewegung bleiben, ich möchte es nämlich herauszögern – oder besser noch vermeiden – mich das zweite mal heute umzuziehen, denn dann hätte ich keine trockenen Sachen mehr auf der Hütte.

In regelmäßigem Auf und Ab schleiche ich dahin, bis ich an die Wegzweigung komme, an der ich die Wahl habe, 40 Minuten zum Statzerhaus zu gehen oder in drei Stunden nach Bruck abzusteigen. Ich bin hin und hergerissen: was ist, wenn die Hüttenwirte wegen des schlechten Wetters ins Tal gefahren sind? Dann wäre ich zwei mal 40 Minuten umsonst gelaufen. Auf der anderen Seite lockt die Aussicht, in 40 Minuten raus aus den nassen Klamotten und rein in eine warme Stube zu kommen.

Ich setze also alles auf die Karte „Statzerhaus“. Doch die Zweifel wollen keine Ruhe geben. Klar, dort vor verschlossener Türe zu stehen, wäre eine mittelprächtige Katastrophe. Denn nach acht Stunden ist der Akku schon recht leer. Aber es hilft ja nix, ich muss irgendwie weiter. So werden die letzten Meter zur echten Qual. Psychisch, weil die Nerven bis zum Anschlag angespannt sind, und körperlich, weil so langsam die Beine streiken. Dann plötzlich, wie so oft in den letzten Tagen, schimmert die Hütte durch den Nebel. Und ich sehe etwas, das meine Nerven schlagartig entspannt: es stehen zwei Geländewagen vor der Hütte. Also ist noch jemand da!

 

Das Glück des Bescheidenen

Nass wie ein begossener Pudel betrete ich die Stube. Am anderen Ende des Raums sitzen offensichtlich die Wirtsleute mit zwei Besuchern. Stück für Stück pelle ich mich aus meinen klitschnassen Klamotten. Unauffällig ziehe ich mir unter dem Tisch auch noch eine trockene Hose an. Ahhh, ist das ein herrliches Gefühl. Wie wertvoll trockene Kleidung ist, merkt man erst, wenn man keine mehr hat!

Und zum inneren Einheizen gibt es einen halbe-Liter-Humben Tee. Der Wirt heizt extra für mich im Nebenzimmer den Bollerofen ein, damit ich all meine nassen Sachen aufhängen kann. Der Tee zeigt erste Wirkung, doch es braucht noch einen zweiten, damit ich wieder durch und durch warm werde.
Später gibt es warmes Esseen und einen Rumtee! Ich bin immer wieder in solchen Situationen ergriffen, wie wenig es braucht, um Glück zu empfinden.

Heute Abend bin ich mal wieder der einzige Übernachtungsgast. Kein Wunder, wer sonst geht freiwillig bei dem Wetter hier hoch! Entsprechend ruhig wird es, als die Tagesgäste sich wieder auf den Weg ins Tal machen. Ich nutze den restlichen Abend, um meine Berichte von gestern und heute zu schreiben, bevor ich es mir in meinem urigen Lager unter zwei Pferdedecken gemütlich mache.

 

< Tag 12  |  Tag 14 >

facebooktwittergoogle_pluspinterestmailfacebooktwittergoogle_pluspinterestmail

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>