Tag 14: Ist das das Ende meiner Tour?

Mo., 22. Juni 2015, vom Statzerhaus nach Kaprun

 

Endlich wieder Sicht
Endlich wieder Sicht
Man sieht gut, dass auf den Hohen Tauern noch viel Schnee liegt.
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Über Nacht ist die Hütte ganz schön abgekühlt. Zwar hat es draußen immerhin +2° C, doch im Lager ist es inzwischen auch nur noch 8° C, im Waschraum sogar nur 6° C. Da geht das Waschen ganz von alleine flott.

Der erste Blick nach draußen verspricht für heute gutes Wetter. Auch wenn die hohen Gipfel wie der Großglockner noch von Nebel umhüllt sind, kann ich einen Großteil der umliegenden Gebirgszüge gut einsehen.

 

Eins mit der Natur

Inzwischen sind meine Sachen – bis auf die Schuhe – wieder trocken, so dass ich meinen Rucksack, den ich gestern zum Trocknen komplett entleert hatte, wieder ordentlich packen kann.
Noch ein Foto vor dem Gipfelkreuz und um 8:15 Uhr breche ich gut gelaunt auf. Endlich mal wieder einen Tag mit Fernsicht!

Mein Weg führt mich durch weich dahinfließende, grasbewachsene Hügel, mal auf einem Wirtschaftsweg, mal auf schönen kleinen Pfaden. Zwei-einhalb Stunden später lege ich eine längere Pause ein, damit meine Füße trocknen und sich erholen können. Ich genieße den schönen Blick in Richtung Großglockner, der sich aber immer noch hinter Wölkchen versteckt. Die Sonne leckt das Wasser der letzten Tage von den Blättern und die Vögel feiern das schöne Wetter mit fröhlichem Gezwitscher. Viele Menschen begegnen mir auch heute nicht. Nur vereinzelt kommt ein Mountainbiker den Berg hoch geächzt, ansonsten genieße ich die himmlische Abgeschiedenheit.

 

Der Weg wird zur Qual

Als ich mittags nach Bruck reinlaufe, ist diese Idylle bereits Geschichte. In einem Imbiss kaufe ich mir eine Apfelschorle und mache dann am Kirchplatz wieder eine längere Pause, die Füße betteln danach. Hier in Bruck scheint der Hund verfroren zu sein, da werde ich die 6 Kilometer bis Kaprun doch noch schaffen, zumal der Weg fast flach verlaufen wird. Also raffe ich mich nach einer Weile wieder auf.

Inzwischen entwickelt hier unten im Tal die Sonne respektable Kraft. In der Hitze zieht sich der Weg und ich spüre, wie meine Fersen anfangen zu schmerzen, offensichtlich bekommt meine linke Blase Gesellschaft von rechts. Aber was soll ich noch machen? Beide Füße habe ich mir heute Morgen, als die Haut noch trocken war, ordentlich verklebt, die Zehen mit Tape, die Fersen mit Gel-Blasenpflaster. Mehr geht nicht. Es bleibt mir also nur, die Zähne zusammenzubeißen und mich Schritt für Schritt voranzutreiben.
Die letzten drei Kilometer teile ich mir im Kopf in 500 Meter Etappen ein. Jede Etappe feiere ich als einen Meilenstein und motiviere mich für den nächsten halben Kilometer. Zum Ende hin muss ich die Abschnitte sogar auf 200 Meter verkleinern. Jeder Schritt schmerzt inzwischen fürchterlich. Und dann das: der Track, nach dem ich laufe, endet an einer, von mir bei der Planung willkürlich gesetzten Stelle am Ortseingang. Google Maps verrät mir statt dessen, dass es bis zur Touristik-Information noch mal 300 Meter weiter ist. Ich bin kurz vor der Verzweiflung. Wie in Trance eiere ich dahin, als laufe ich über heiße Kohlen. Die Menschen, die mir entgegenkommen, registriere ich nur noch am Rande.

Hundert Meter vor meinem Ziel sehe ich aus dem Augenwinkel eine Apotheke. Diese Gelegenheit nutze ich, um noch rasch meine Vorräte an Anti-Blasen-Mittel aufzufüllen, bevor ich mich die letzten Meter zur Information schleppe.

 

Am Boden zerstört!

Dort angekommen, frage ich als erstes, ob mein Päckchen angekommen ist. Aufgrund der anstehenden Planänderungen wegen des vielen Schnees in den Hohen Tauern ist der Inhalt des Päckchens für mich möglicherweise wertlos geworden, aber gespannt bin ich trotzdem, ob es sich trotz des Poststreiks in Deutschland durchschlagen konnte. Und ja, heute Morgen ist es angekommen! Die Damen in der Information hatten sich schon gefreut, weil sie dachten, einen neuen Kollegen zu bekommen, doch da muss ich sie nun leider enttäuschen.

Quasi als Wiedergutmachung frage ich noch nach einer Unterkunft. Die Kriterien, wir immer: 1. W-LAN, 2. nicht weit weg von hier, da ich keinen Schritt mehr machen kann. Ich habe Glück und in 900 Metern ist was frei. Mit letzter Kraft schleppe ich mich, das Päckchen unter den Arm geklemmt, den Berg hoch.

Heute lasse ich sogar mein Gelübde Gelübde sein und benutze den Fahrstuhl. Mein schlechtes Gewissen findet heute kein Gehör. Auf dem Zimmer angekommen ziehe ich als erstes Schuhe und Strümpfe aus. Ich habe mich die letzten Stunden geweigert, darüber nachzudenken, wie meine Fersen wohl aussehen mögen. Doch jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen.
Während des Laufens verbindet sich am Rand der Gelkissen der Kleber mit den Socken. So ziehe ich zwangsläufig mit den Socken die Gelkissen, und mit diesen ein Stück meiner Haut ab. Der Anblick, der sich mir dann bietet, lässt mich schaudern. Links hat sich die Blase stark ausgeweitet und rechts ist nun auch eine veritable, offene Blase dazugekommen.

 

Das war es dann!

Verzweiflung übermannt mich! Das dauert ja ewig, bis diese Blasen verheilt sind! Ist das das vorzeitige Ende meiner Tour?

Zu einem klaren Gedanken bin ich nicht mehr in der Lage. Das einzige, was ich noch schaffe, ist zu duschen und dann falle ich frustriert und kaputt ins Bett.

Erst abends gegen 20 Uhr wache ich wieder auf. Ich rufe zuhause an um den Stand der Dinge auszutauschen und anschließend verfalle ich wieder in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich immer wieder kurz aufwache. Gedanken, wie es weiter geht, quälen mich, bis die Müdigkeit wieder Regie übernimmt und mich zurück in den Schlaf schickt.

 

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