Tag 18+19: Nichtstun will gekonnt sein

Fr., 26. Juni 2015, Kaprun

Hier oben kann ich entspannt lesen. Außerdem habe ich einen herrlichen Blick auf die anstehende Route, den Pinzgauer Höhenweg.
Hier oben kann ich entspannt lesen. Außerdem habe ich einen herrlichen Blick auf die anstehende Route, den Pinzgauer Höhenweg.

Zum Nichtstun verdonnert, nutze ich die Tage mit Lesen. Auch mache ich, was ich sonst nie tue: ich setzte mich einfach im Zentrum Kapruns auf eine Bank und beobachte. Eigentlich eine entspannende Sache, bei der ich so meinen Gedanken nachhängen kann.

 

Warum Fokussieren ein wichtiger Erfolgsfaktor ist

Ja, meine liebe Schwägerin Silvia hat es so schön auf den Punkt gebracht: sie hat sich bei Ihrer Arbeit vor lauter Unternehmungsdrang in zu vielen parallelen Vorhaben verzettelt und ist stecken geblieben. Genau wie bei mir. Ich wollte zu vieles in meine Tour packen und am Ende sitze ich hier fest.

Priorisieren und Fokussieren ist eine Tugend, die vielen Menschen schwer fällt. Selbst  ansonsten hochprofessionelle Manager überschätzen sich gerne und erliegen der Versuchung, mit zu vielen Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Wie oft hatten wir in der Firma hitzige Debatten, welche Projekte, Kundenanfragen oder Märkte wir angehen wollen und welche wir zu deren Gunsten NICHT angehen. Natürlich war jedem klar, dass wir nicht alles realisieren können. Die Entscheidung FÜR etwas ist dabei nicht das Problem. Viel schwerer ist es, eine Entscheidung zu treffen, etwas NICHT zu machen. Denn solche Entscheidungen sind immer mit einer Portion Spekulation verbunden, da keiner in die Zukunft schauen kann. Und so treibt die Angst, das Falsche sein zu lassen, viele Menschen dazu, sich für ALLES zu entscheiden, denn dann sind sie auf der vermeintlich sichern Seite. Doch bei dieser Rechnung haben sie das Thema Ressourcen geflissentlich ausgeblendet.

Wenn es z.B. Um Projekte ging, bei denen etwas entwickelt werden musste, haben wir unsere Entwicklungskapazitäten als Spielchips bezeichnet. Von diesen Spielchips hatten wir – naturgemäß – nur eine begrenzte Anzahl. Von der Gesamtzahl Jetons war aber immer ein Teil geblockt, z.B. für Neuprodukt-Entwicklungen oder für die Produktpflege, so dass die Zahl frei verfügbarer Spielchips chronisch begrenzt war. Hatte nun ein Vertriebsleiter mehrere Kundenprojekte, die er am liebsten alle bedienen wollte, bekam er virtuell eine bestimmte Anzahl der frei verfügbaren Jetons. Das hat ungemein geholfen, unter Berücksichtigung der spekulativen Komponente, die Projekte richtig zu priorisieren. Anschließend war es ein Einfaches, die Jetons der Prioritätenliste entsprechend zu verteilen.

Bei mir ist es ähnlich. Aus Angst, etwas zu verpassen, wollte ich für alle Fälle gewappnet sein. Doch auch hier hätte ich mir mehr Gedanken über meine Ressourcen machen sollen. Meine Spielchips sind die Kilogramm, die ich tragen kann und die Tagesleistung in Form von Höhenmetern und Laufstrecke. Von diesen habe ich mehr gesetzt, als mir zur Verfügung stehen. Die Quittung kam prompt.

 

Multitasking ist Out

In diesem Zusammenhang noch ein Gedanke. Viele meinen ja, das Nadelöhr Resource durch Multitasking ausweiten zu können. Doch die Wissenschaft hat längst erkannt, dass es kein echtes Multitasking beim Menschen gibt, egal ob Männlein oder Weiblein. Schließlich sind wir ein Wesen, das auf chemischen Prozessen beruht und kein prozessorgesteuerter Computer.

Ganz im Gegenteil. Heute geht man davon aus, dass Multitasking nicht nur ungesund sondern auch ineffizient ist.

Das hat auch Timothy Ferries erkannt und in seinem Buch Die 4-Stunden-Woche sehr radikale Methoden beschrieben, wie man die Multitasking-Falle vermeiden kann.

Ich für meinen Teil habe bei meinem Projekt „Marktübersicht Bollerwagen“ am eigenen Leib erleben können, wie smart es sich arbeitet, wenn man nur einen Ball gleichzeitig in der Luft hält. Deshalb ist es mein großer Vorsatz, was auch immer ich in der Zukunft machen werde, ich möchte Multitasking so gut es geht vermeiden.

 

Sa., 27. Juni 2015, Kaprun

Diese Zwangspause ist eine echte Lektion für mich. Ich hasse es, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich es will, und ich es nicht ändern kann. Und gewohnt war ich das auch nicht.

 

Zu passivem Nichtstun verdonnert

Vor allem in meinem beruflichen Kontext habe ich mich in der Regel nicht einfach mit einer Situation zufrieden gegeben. Meistens gab es irgendetwas, das ich noch unternehmen konnte, um eine Situation zu ändern. Manchmal brauchte es etwas Geduld, taktisches Geschick, oder ganz beliebt – zusätzlich Zeit. Beispielsweise bei der Planung einer Messe: wenn mir etwas nicht gefiel oder plötzlich noch eine Idee aufkam, von der ich überzeugt war, dann haben wir uns dran gesetzt. Und wenn es zusätzliche Wochenendarbeit bedeutete. Aber wir behielten das Heft des Handelns immer in der Hand. Obwohl ich auf fast zwei Jahrzehnte Messeerfahrung zurückblicken kann, finde ich ein Phänomen bis heute faszinierend: da arbeitet man Wochen- oder gar monatelang auf einen fixen Messetermin hin, hat aber permanent das Gefühl, die Zeit reicht vorne und Hintern nicht. Man ackert und ackert wie ein Berserker, und jedes Mal wird es eine Punktlandung! Ein monatelanges Projekt wird auf die Stunde genau fertig, jedes Mal.

Nein nicht ganz. Ich kann mich an eine Messe erinnern, da waren wir sage und schreibe einen Tag vorher fertig! Am Abend verabschiedeten wir uns noch von unseren Messebauern mit der Frage, was wir morgen nur bis zum Abnahme-Termin machen sollen. Am nächsten Morgen, ich saß mit meinem Team beim Frühstücken, rief unser Messebauer an. Um diese Uhrzeit war das sehr ungewöhnlich. Die ganz aufgelöste Projektleiterin meinte nur: „Wir haben ein Mega Problem! Ihr müsst sofort zum Stand kommen. Euer Aquarium ist über Nacht ausgelaufen und hat Euren Stand und einige Nachbarstände unter Wasser gesetzt!“

Na, das war es dann wohl mit unserem Frühstück. Vor Ort angekommen, dachte ich, das schaffen wir nie, bis heute Abend alle Schäden zu beseitigen, immerhin haben 300 Liter Wasser auf der Suche nach dem tiefsten Punkt der Halle unseren Stand und etliche Nachbarstände unter geflutet. Wir mussten den Teppich aufreißen und den doppelten Boden öffnen, da alle elektrischen Leitungen unter unserem Boden entlangliefen und nun im Wasser lagen. Und bei den Nachbarständen musste neuer Teppich verlegt werden. Somit hat sich unsere Sorge von gestern Abend, was wir nur den ganzen Tag machen sollten, in Luft – ich sollte besser sagen – in Wasser aufgelöst. Aber irgendwie haben wir auch das mit vereinten Kräften geschafft. Punkt 17 Uhr war alles fertig zur Abnahme

Doch meine aktuelle Situation ist da ganz anders. Ja, auch hier braucht die Problemlösung Zeit. Aber hier bin ich zu einer passiven Rolle verdonnert. Ich kann nichts tun, bin voll und ganz darauf angewiesen, dass mein Körper seinen Job gut macht.

 

Das Ende ist in Sicht!

Aber so wie es aussieht, tut er genau das. Ich bin recht zuversichtlich, dass das Warten ein Ende hat und ich langsam wieder einsteigen kann. Am morgigen Sonntag werde ich zwar noch kleine Brötchen backen aber ich werde schon mal nach Schüttdorf gegen. So kann ich zum einen sehen, was meine Füße darüber denken, außerdem habe ich von da aus einen guten Einstieg in den Pinzgauer Höhenweg, der ja meine neue Route sein soll.

 

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