Tag 20+21: Erste Gehversuche

So., 28. Juni 2015, von Kaprun nach Schüttdorf

Endlich, nach 6 Tagen des Festhängens geht es heute wieder weiter! Zwar nur 6 km im Tal, quasi zum Aufwärmen, aber so komme ich wenigstens wieder etwas in Bewegung.

So langsam hat nämlich der Talkoller Macht über mich ergriffen. Es lag ganz bestimmt nicht an meiner Unterkunft, aber im Tal fühle ich mich einfach nicht sonderlich wohl. Es ist ein Phänomen, das ich jedesmal erlebe, wenn ich vom Berg runterkomme. Oben grüßt sich jeder, der sich begegnet. Nicht selten bleibt man sogar stehen und wechselt ein paar Worte. Je weiter ich runter komme, desto seltener grüßen die Menschen mir zurück, bis ich irgendwann selbst nicht mehr grüße, weil es mir zu doof wird, mich zum Affen zu machen. Naja, und im Ort selbst dominiert der Touristen-Zirkus. Da ist man nur noch der Geldbeutel auf zwei Beinen. Der Mensch, der an dem Geldbeutel dran hängt, interessiert hier kaum noch einen. Und das ist wohl auch der Grund, warum ich mich unten im Tal so fehl am Platz fühle. Oben hingegen, wo ich nur noch vereinzelt Menschen begegne, fühle ich mich überhaupt nicht mehr alleine.

 

Ich fange an, Gefallen am Nichtstun zu finden

Da ich zeitig aufgebrochen bin, konme ich bereits um zehn Uhr in Schüttdorf an. Gegenüber der Kirche frage ich in einem Hotel nach einem Zimmer. Ja, Zimmer seien frei, aber jetzt hätten sie so viel mit dem Check-Out zu tun, da hätte man keine Zeit für mich. Ab 15 Uhr wäre Check-In, dann soll ich wiederkommen. Wenn das meine Mitarbeiterinnen wären, wären sie das die längste Zeit gewesen! Aber sie sind es ja Gott sei Dank nicht. Und Alternativen gibt es zu dieser Jahreszeit ja auch genug. Also lasse ich mich auf der Bank vor der Kirche nieder und befrage das Online-Portal der Touristen-Information Zell am See. Denn eines finde ich toll: in den meisten größeren Orten gibt es inzwischen Free-WiFi. Als Ausländer spare ich so schon ordentlich Roaming-Gebühren. Wie auch immer, im Handumdrehen habe ich ein Zimmer in einem preiswerten Bead&Breakfast gleich um die Ecke ausfindig machen können.

Am Nachmittag gehe ich in meinen Hausschlappen die drei Kilometer nach Zell. Da ich mit einem Besuch der Therme liebäugele, stecke ich vorsichtshalber die Badehose ein.

Und so verbringe ich den Nachmittag abwechselnd im Schwimmbad, in der Sauna und auf der Sonnenterrasse. Leider habe ich Schussel vergessen, meinen eBook-Reader mitzunehmen, weshalb mal wieder Nichtstun angesagt ist. Doch heute ist es das erste Mal, dass es mir nichts ausmacht, einfach nur zu sein.

 

Mo., 29. Juni 2015, Von Schüttdorf zur Pinzgauer Hütte

Heute ist der Tag der Wahrheit. Während die Strecke gestern nichts darüber aussagen konnte, wie meine Blasen sich bei Beanspruchung verhalten, wird es heute spannend. Wenn ich richtig recherchiert habe, gibt es auf den 11 km und 1200 Metern Aufstieg zur Pinsgauer Hütte zwar etliche Einkehrmöglichkeiten, aber keine Übernachtungsgelegenheit. Somit muss ich durchkommen, die Frage ist nur, ob mit heilen Füßen oder nicht.

 

Wellnessprogramm für meine Füße

Gemäß dem Motto "Nur wo Du zu Fuß warst, warst Du wirklich" lasse ich die Seilbahn links liegen und quäle mich zu Fuß hoch.
Gemäß dem Motto „Nur wo Du zu Fuß warst, warst Du wirklich“ lasse ich die Seilbahn links liegen und quäle mich zu Fuß hoch.

Betont langsam gehe ich, zwinge mich dazu, kleine Schritte zu machen und lasse mich auch dann nicht aus der Ruhe bringen, wenn mich betagtere Jahrgänge überholen. Da muss ich eben zu stehen, hilft ja nix.

Zweites Mittel zur Beruhigung meiner Fußhaut ist, dass ich wirklich konsequent jede Stunde meine Schuhe und Strümpfe ausziehe und Strümpfe und Füße trocknen lasse. Doch mit jedem Mal sehe ich, dass die neuen Blasenpflaster leider auch kein Wundermittel sind, sie rutschen nämlich nach unten, obwohl ich sie mit Tape großflächig fixiert habe. Zu stark scheint offensichtlich die Scheuerbewegung im Schuh zu sein.

Endlich gewinne ich langsam wieder an Höhe und ich komme raus aus dem Tal - in jedem Sinne.
Endlich gewinne ich langsam wieder an Höhe und ich komme raus aus dem Tal – in jedem Sinne.

Was hingegen zu helfen scheint ist die Hirschtalg-Creme. Das war ein Tipp eines älteren Ehepaares, das in Kaprun beim Frühstück immer neben mir saß. Eines Morgens brachte sie mir ihre Tube Hirschtalg zum Probieren mit. Und der Test fühlte sich so gut an, dass ich mir noch am selben Tag eine Tube kaufte.

 

Ein klassischer Downshifter

Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es endlich geschafft. Und – bis auf eine kleine Stelle – sehen meine Fersen nicht schlechter aus als am Morgen! Das ist zumindest ein Hoffnungsschimmer.

Hier oben auf der Pinzgauer Hütte wirken auch diese Details authentisch!

Wieder einmal bin ich der einzige Übernachtungsgast. Wie ich gestern geschrieben habe, kommen hier oben die Gespräche von alleine in Gang. Innerhalb von fünf Minuten entsteht eine angenehme Unterhaltung zwischen dem Hüttenwirt Christian und mir.

Und ein Wirt, der nur einen Gast hat, hat viiieeel Zeit! So sitzen wir noch lange auf der Terrasse und genießen unseren Wein und die schöne Aussicht. Er erzählt mir unter anderem davon, dass er sein 360-Tage-im-Jahr-Betrieb unten im Tal vor vier Jahren gegen diesen Hüttenbetrieb eingetauscht hat, um mehr vom Leben zu haben. Der Mann hat es begriffen. Ich habe den Eindruck, dass auch er erst eine Weile brauchte, um mit den Ruhephasen umgehen zu können. Aber ganz muss er ja nicht auf Adrenalin verzichten. In den Hochsaisons Sommer und Winter brummt dort der Bär, dann ist er sicherlich wieder in seinem Element. Beneidenswert, wer auf diese Weise seine Balance im Leben gefunden hat.

 

Die Katze im Sack gepachtet

Wo es Streicheleinheiten gibt, ist Munni nicht weit weg!
Wo es Streicheleinheiten gibt, ist Munni nicht weit weg!

Irgendwann gesellt sich noch die Hüttenkatze zu uns. Sie heißt Munni und ist mit ihren 16 Lenzen nicht mehr die Jüngste. Vor vielen, vielen Jahren hat sie ein Bauer hier hochgebracht und da lebt sie seither. Christian hat sie vor vier Jahren samt der Hütte übernommen.

Munni lebt das ganze Jahr über hier oben und ist außerhalb der Saison-Zeiten Selbstversorger, wobei sie den Schuppen nebenan bewohnt. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie taub ist, findet sie den Trubel, der hier an manchen Tagen herrscht, total klasse. Nur die Hütte selbst betritt sie nie, da fühlt sie sich nicht wohl.

 

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