Tag 22: Böse Überraschung!

Di., 30. Juni 2015, Pinzgauer Hütte zur Bürgl-Hütte

 

Frühstück
Frühstück
Ein Tag kann nicht besser anfangen, als mit einem Frühstück auf der Terrasse!
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Alles an diesem Morgen verspricht einen guten Tag! Strahlend blauer Himmel, ein gut gelaunter Hüttenwirt und Frühstück auf der Terrasse mit Blick auf die örtliche Bergprominenz der Hohen Tauern. Das denkt sich auch die Hüttenkatze Munni und leistet mir Gesellschaft. Aber nur, bis Christian ihr Milch gibt, dann bin ich abgeschrieben.

 

Meine Blasen-Taktik funktioniert

Voller Übermut mache ich mich auf den Weg. Ich steuere direkt den ersten Gipfel an, den Maurerkogel. Der Weg führt mich durch von vereinzelten Fichten besiedelte „Heidelandschaft“. Meine Blasen scheinen heute verschlafen zu haben, jedenfalls merke ich sie nicht.

Ein lautes Knacken reist mich aus den Gedanken. „Wahrscheinlich wieder eine Kuh“, denke ich, aber kaum biege ich um die nächste Kurve, ist klar, wer mich da aufgeschreckt hat: eine ganze Herde Pferde hat sich über eine große Fläche verteilt und genießt ebenfalls ihr Frühstück.

Auf dem Maurerkogel treffe ich auf ein Pärchen. Zuerst fotografieren wir uns gegenseitig, das erspart mir die teilweise zeitraubende Prozedur von Selfies: geeigneten, leicht erhöhten Standort finden, mein lädiertes Mini-Stativ zusammensetzen, Kamera ausrichten und einstellen, Timer starten, loslaufen, abwarten bis die Kamera auslöst, schnell Pose variieren, da die Canon PowerShot G7 X
mehrere Bilder machen kann, dann wieder zurücklaufen und alles einpacken. Mit menschlicher Hilfe geht das schon einfacher, allerdings muss ich dann die gestalterischen Vorlieben des Anderen akzeptieren.

Für den weiteren Weg beschließe ich, auf die kommenden Gipfel zu verzichten und meine Blasen zu schonen, denn so langsam rührt sich der Neuzugang von gestern, der quasi als Anhängsel einer der „alten“ daherkommt. Ich merke auch, dass ich vom Tempo her nicht mit den Angaben mithalten kann, vor allem wegen der vielen Pausen, doch diese Taktik scheint aufzugehen: trockene Füße bekommen eben nicht so schnell Blasen. Tja, die elenden Blasen bestimmen immer noch mein ganzen Tag.

 

Kommunikation ist Glücksache!

Da ist sie endlich! So langsam habe ich mein heutiges Etappenziel, die Hochsonnberghütte, herbeigesehnt. Jetzt muss ich laut Karten nur noch 120 Höhenmeter absteigen und kann mich auf ein kühles Getränk freuen! Doch da, wo der Pfad runtergehen soll, sehe ich weder Weg noch Markierung. Ich wundere mich zwar ein wenig, denke dann aber, dass ich doch den Weg hätte nehmen sollen, der vor einem Kilometer abzweigte. Aber zurückgehen will ich nicht, deshalb entscheide ich mich für die Direttissima querfeldein.

Beim Näherkommen wundere ich mich noch mehr, dass es keinerlei Anzeichen von Bewirtschaftung gibt – sieht man mal von den vielen Kühen ab. Als ich vor der Tür ankomme, verstehe ich auch, warum: diese Hütte ist sorgfältig mit einem Vorhängeschloss gesichert, hier gibt es heute ganz sicher nix.

Ich verstehe das nicht. Bei meiner Planung hatte ich gesehen, dass es eine Hochsonnbergalm und eine Hochsonnberghütte gibt. Die Alm wäre mir aber viel zu nah an der Pinzgauer Hütte gewesen, deshalb fand ich diese Hütte hier ideal als Etappenziel. Im Internet habe ich ein PDF auf dem Server der Zell am See-Kaprun Tourismus GmbH gefunden mit diversen Adressen von Hütten der näheren Umgebung, so auch die der Hochsonnberghütte. Im Rahmen der Planung hatte ich diese Nr. angerufen und explizit nach einer Übernachtungsmöglichkeit auf der Hochsonnbergütte gefragt. Ja, wäre möglich, soll mich aber einen Tag vorher noch mal melden, ob dann wirklich was frei ist, da sie nur 6-8 Plätze hat, meinte die Frau am anderen Ende.

Gestern Abend dann hatte Christian von der Pinzgauer Hütte für mich angerufen und einen Schlafplatz klar gemacht – wohlgemerkt für die Hochsonnberghütte! Und dann das!
Ich habe Glück im Unglück, da hier ausnahmsweise Handy-Empfang ist, wenn auch nur mit einem Balken. Also rufe ich die gute Frau an und berichte ihr, dass ich hier vor einer verschlossenen Hochsonnberghütte stehe. „Jaaa, neee, die is net offe“ schallt es aus dem Telefon, sie sei drei Stunden entfernt.

Nun frage ich mich, worüber wir die beiden letzten Male gesprochen haben. Doch bevor ich meinen Unmut loswerden kann bricht die Handy-Verbindung ab. Ist vielleicht auch besser so, ich hätte ohnehin keine netten Worte gefunden. Ja, in dem Moment muss ich an meinen früheren Arbeitskollegen Klaus denken, dessen Leitspruch es ist: Kommunikation ist Glücksache, wobei ich ja eher der Meinung bin, Kommunikation erfordert hohe Präzision und Empathie, dann spielt Glück keine so große Rolle mehr.

 

Wird meine Wahl wirklich das kleinste Übel sein?

Ich merke Verzweiflung in mir aufkommen. Was soll ich machen? „Als aller erstes einen kühlen Kopf bewahren“, sagt mir mein innerer Klugscheißer. Welche Alternativen habe ich?

  1. Drei Stunden zurückgehen – nö, das sehe ich nicht ein; und außerdem hätte ich morgen dann eine zu lange Etappe, das will ich meinen Füßen nicht antun.
  2. Sechs Stunden weiter zur Bürgl-Hütte gehen – kommt auch nicht in Frage. Wenn ich das mache, dann sind meine Füße garantiert wieder im Eimer!
  3. Es führt ein Wirtschaftsweg hier hoch. Ich könnte versuchen, mich von einem Taxi abholen zu lassen. Tabubruch – geht gar nicht!

Was nun? In diesem Moment fällt mein Blick weiter oben auf eine Minihütte. Ich erinnere mich, auf der Karte war ein Notunterstand eingezeichnet. Das könnte doch Option 4 sein! Ich beschließe, wieder hoch auf den eigentlichen Weg zu steigen, zu dem Unterstand zu gehen und mir die Sache aus der Nähe anzuschauen.

 

Luxus, wo kein Luxus ist

Eine Stunde später stehe ich vor dem Verschlag. Von außen macht er einen soliden Eindruck. Mal sehen, wie es um die Innenausstattung bestellt ist: Tür auf und – tada: drei Sitzbänke, sonst nix! War ja auch klar, das Ding heißt ja auch Unterstandhütte und nicht Selbstversorgerhütte. Leider sind die Bänke sehr schmal, aber wenn ich zwei zusammenschiebe, dann könnte das was werden. Doch aus dem Plan wird nichts, denn sie sind zum Schutz vor Vandalismus am Boden festgeschraubt. Im Kopf gehe ich schnell noch mal die Optionen 1-3 durch – und entscheide mich! Ich bleib hier. Wird zwar kein Wellness-Aufenthalt, das ist mir klar, aber besser als alles andere.

Beim genaueren Inspizieren fällt mir doch noch ein Gegenstand auf: ein Besen! Na, wenn das nicht die Luxusausgabe einer Unterstandhütte ist, da kann man bei Gewitter wenigstens noch schnell reine machen, bevor die Licht-Ton-Show losgeht. Ich will hier natürlich keinen Luxus auslassen und fege als erstes mal mein neues Heim aus, wer will schon in dem – nicht vorhanden – Dreck anderer schlafen.

 

„Heiliges Holz“ zerstreut meine Bedenken

Inzwischen ist es Nachmittag und ich frage mich, was ich mit dem restlichen Tag anstellen soll. Zum Italiener um’s Eck geht ja leider nicht. Wobei – Essen ist ein gutes Thema. Heute Morgen habe ich mir vom Frühstück zwei Scheiben Brot, belegt mit mit Käse und Wurst, aufgespart. Die eine Hälfte habe ich am späten Vormittag gegessen, somit habe ich noch exakt ein belegtes Brot. Keine Nüsse, keine Kaminwurzn, nur dieses eine belegte Brot! Mein erster Gedanke ist, es mir im Sinne der Rationierung für morgen früh aufzuheben. Dann bekomme ich aber wegen der Wurst Bedenken und beschließe, dieses eine Brot heute Abend zu essen. Das muss dann fast 24 Stunden halten!

Zuvor gehe ich aber noch los, etwas zu Trinken zu finden, denn auch diese Vorräte sind inzwischen leer. Das ist hier oben aber Gott sei Dank kein Problem, denn hier wimmelt es nur vor kleinen Quellen. Die nächste kann auch gar nicht so weit weg sein, denn als ich ankam, hörte ich es von irgendwo her glucksen. Und tatsächlich, keine fünf Minuten entfernt finde ich ein Rinnsal, das von einem darüberliegenden Schneefeld gespeist wird. Diese Gelegenheit nutze ich doch gleich mal für eine ausgiebige Katzenwäsche. Also alle Klamotten vom Leib und einmal von unten bis oben das Salz mit Wasser abreiben. Und da ich natürlich kein Handtuch dabei habe, gehe ich den Weg zurück zur Hütte eben so, wie Gott mich schuf – um diese Uhrzeit wird wohl keiner mehr kommen, und wenn doch, dann hat er eben Pech!

Zurück an meiner Hütte fällt mir etwas ein, für das jetzt der richtige Moment ist. Als ich in Saalfelden Babsi und Gerry kennenlernte, haben die Beiden mir etwas geschenkt: „Palo Santo“, was peruanisch ist und Heiliges Holz bedeutet. Dem Palo Santo werden Heilkräfte und das Vertreiben böser Geister und negativer Energien nachgesagt. Es gilt als spirituelles Hilfsmittel zur atmosphärischen Reinigung, zur Unterstützung bei der Heilung von Krankheiten und um sich von allem Unheil zu befreien. Ich zünde also das Heilige Holz an bis es von alleine glimmt und lasse den wohlriechenden Rauch auf mich wirken. Schon irre, wie mich das runterfährt. Danke, Babsi und Gerry, für dieses kleine aber feine Geschenk!

 

Mein Kampf gegen die Kälte

So langsam verschwindet die Sonne hinter dem Hochkogel und damit auch ihre wärmende Wirkung. Es wird Zeit, mein Nachtlager vorzubereiten: Rettungsdecke als Untergrund-Isolierung, darüber meine dünne Hose als Polsterunterlage, darüber der Biwaksack. Fertig! Nein, etwas fehlt noch, ein Kopfkissen. Die Regenjacke wickele ich in die Kapuze ein, und so wird sie heute Nacht mein Kopfkissen sein. Der Biwaksack ist im Grunde ein mumienförmiger Plastiksack, der theoretisch atmungsaktiv sein soll. Normalerweise ist er dafür bestimmt, sich vor Regen, Schnee und Wind zu schützen, ein wirksamer Wärmeschutz ist er jedoch nicht. Zwar entsteht in dem Sack mit der Zeit durch die eigene Körperwärme ein warm-feuchtes Klima, aber auf Erfahrung kann ich noch nicht zurückgreifen. Deshalb ziehe ich im Laufe der nächsten drei Stunden so ziemlich alles an, was ich an Kleidung dabei habe: lange Unterhose, darüber die warme Softshell-Hose, darüber die normale Hose. Oben sorgen zwei T-Shirts, ein Fleecepulli und die Softshell-Jacke für Isolierung. Wollmütze und Handschuhe runden mein Outfit ab.

Ein mulmiges Gefühl habe ich dennoch. Schon jetzt merke ich, wie die Kälte durch alle Schichten kriecht. Und da ich im Augenblick überhaupt nicht an Schlafen denken kann, wandere ich die Mini-Veranda auf und ab und beobachte, wie die Nacht über den Hohen Tauern hereinbricht. Irgendwann gewinnt die Müdigkeit Hoheit über meine Gedanken und treibt mich in den Biwaksack.

So ein Holzfußboden ist verdammt unbequem! Entsprechend unruhig schlafe ich. Nahezu im Stundenrhythmus werde ich wach. Damit ich wieder warm und müde werde, gehe ich immer wieder im Schein des Vollmonds auf meiner Veranda auf und ab. Fünf Schritte hin, fünf zurück. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten schlüpfe ich wieder in den Biwaksack und decke mich sorgfältig mit dem Rest der Rettungsdecke zu. Doch jedesmal, wenn ein Windstoß durch die recht zugige Hütte weht, fällt die Decke wieder von mir ab und ich erkenne, wie gut sie isoliert. Immerhin wird es hier oben auf 2000 Metern nachts noch ganz schön frisch. Draußen sind es jetzt um Mitternacht 6° C, drinnen immerhin 9° C.

 

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