Tag 23: Eine Begegnung der anderen Art

Mi., 1. Juli 2015, Von der Unterstandhütte Klingertörl zur Bürglhütte

 

Schattenspiele
Schattenspiele
Noch wirft die Sonne lange Schatten, doch ich merke schon deutlich ihre Kraft.
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Um drei Uhr bin ich wieder mal am Nachtwandern. Wo andere Schäfchen zählen, überschlage ich, welche Strecke ich heute Nacht wohl auf dieser Veranda zurückgelegt habe:
5 x 20 min. x 0,5 m/sec. = 3000 m!

 

Gefährliche Verharmlosung

Gefrustet lege ich mich wieder hin in der Gewissheit, um vier wieder aufzuwachen. Dann würde die Sonne langsam aufgehen, ich würde meine Sachen packen und losgehen, sobald das Licht ausreicht. Doch zum Ende der Nacht habe ich einen Lauf! Ich schlafe glatte zwei Stunden durch und wache erst um fünf Uhr auf.

Rasch mache ich mich geh-fertig, sprich ich lege ein paar Klamotten ab. Mütze und Handschuhe lasse ich aber noch an, zu frisch ist es mir nach dieser Nacht noch. Eigentlich sollte ich das öfters machen – ich meine das frühe Aufstehen. Die ersten Morgenstunden sind von einem unbeschreiblichen Frieden erfüllt. Während die Vögel schon fleißig ihre Lieder trellern, fangen die Kuhglocken erst so langsam an zu erklingen. Kaum lugt die Sonne über den Berg, wickelt sie mich mit ihren wärmenden Strahlen ein. Noch tief stehend wirft sie lange Schatten von mir in das Tau-nasse Gras und treibt lustige Schattenspiele mit meiner Silhouette. An der noch kühlen Luft kann ich mich kaum satt riechen.

Meine erste obligatorische Fuß-Trocknungs-Pause nutze ich, um mir wieder die klassische Kleider-Kombi anzulegen. Denn schon morgens um halb acht gibt mir die Sonne zu verstehen, dass sie heute alles geben will! Und so wie es aussieht, wird ihr kein einziges Wölkchen den Platz am azurblauen Himmel streitig machen.

Die Strecke von der Pinzgauer Hütte bis hinter mein heutiges Etappenziel heißt offiziell „Pinzgauer Spaziergang“. Dieser Name spielt wohl darauf an, dass dieser Weg fast durchwegs auf einer Höhe verläuft und sich tatsächlich wie bei einem Spaziergang gehen lässt. Wenn da nicht ein kleiner Haken wäre: die normale Tagesetappe geht von der Pinzgauer Hütte bis zur Bürglhütte und umfasst 23 km und jeweils 600 Meter Anstieg und Abstieg. Je nach Gewicht im Rucksack kann das eine vollwertige und kräftezehrende Unternehmung werden. Kaum auszudenken, was ist, wenn hier einer der berüchtigten Wetterstürze einbricht! Und deshalb stelle ich mir die Frage, wer sich diesen verharmlosenden Namen ausgedacht hat. Oder sind die Pinzgauer einfach solche Energiepakete, dass das hier oben einfach nur ein Spaziergang ist?

So langsam sind meine Energiereserven verbraucht. Zumindest die, auf die der Körper schnell zugreifen kann. Längst hat mein Körper komplett auf Fettverbrennung umgeschaltet. Dazu kommt, dass die Mittagssonne sich offensichtlich vorgenommen hat, durch meinen Schlapphut hindurch aus meinem Gehirn Eierstich zu kochen.

 

Back to the Roots

Um so mehr freue ich mich, als ich endlich zu den letzten hundert Höhenmetern zu der Bürglhütte hinunter ansetzen kann. Unten auf dem Hof angekommen, quert ein Mann mittleren Alters, vermutlich der Wirt und Bauer von hier, einen Meter vor mir meinen Weg, ohne sich nach mir umzudrehen, geschweige denn meinen Gruß zu erwidern! Nanu, denke ich, Gastfreundschaft hat sich noch nicht in diesen hintersten Winkel von Pinzgau herumgesprochen. Als ich vorne am Eingang ankomme, begrüßt mich eine Frau ähnlichen Alters äußerst zurückhaltend. Auf meine Frage, ob sie noch einen freien Schlafplatz für mich hat, zögert sie lange. Ihrem Gesichtsausdruck nach überlegt sie gerade, wie sie mich abwimmeln kann. Es fühlt sich wie eine kleine Ewigkeit an, bis ich das erlösende JA vernehme.

„Außerdem hätte ich gerne eine Apfelsaft-Schorle und etwas zu Essen“, gebe ich ihr meine weiteren Bedürfnisse kund. Während sie drinnen verschwindet, mache ich es mir vor der Hütte erst einmal gemütlich. Nach wenigen Minuten bekomme ich tatsächlich mein Getränk. Doch dann ward sie nicht mehr gesehen. Statt dessen – ich sitze draußen vor dem geöffneten Fenster, bei dem nur Fliegendraht verhindert, dass ich reinschauen kann – erlebe ich einen Ehestreit erster Güte. Wenn ein gestandener Pinzgauer Bauer so richtig in Rage kommt, dann bin ich schnell am Ende mit meinen Sprachkenntnissen. Es reicht gerade noch, herauszuhören, dass der Sohn endlich auch mal – wie seine Schulfreunde – ins Freibad will. Die Mutter will ihm diesen Herzenswunsch erfüllen, der Vater ist offensichtlich gar nicht begeistert von dieser Schnapsidee.

Während ich hier draußen halb verhungernd darauf warte, etwas zu Essen bestellen zu können, fährt nun Mutter und Sohn vor meinen Augen weg ins Freibad! Ich habe in den letzten 48 Stunden nur EIN FRÜHSTÜCK gehabt und schiebe kräftigen Kohldampf – und die Wirtin fährt mit Sohnemann ins Freibad!!!

Aber offensichtlich hat der Mann den Auftrag bekommen, sich um mein leibliches Wohl zu kümmern, jedenfalls kommt der Stoffel, der mich eben keines Blickes gewürdigt hat, raus und fragt wortkarg, was ich essen will. Ich bestelle Rühreier mit Speck und muss sagen, so ein gutes Rührei hätte ich diesem raubeinigen Genossen nicht zugetraut.

Gesättigt lasse ich mir mein Lager zeigen. Der Weg dorthin führt durch den Flur in Stall und von dort die Treppe hoch. Die Zimmer sind also direkt über dem Stall. Nur eine Schicht Bretter trennt die beiden Ebenen, auf dem Flur kann man sogar an der einen oder anderen Stelle durch ein Loch auf die Kühe hinunterblicken.

Ich packe mich und meine Sachen aus, genieße eine warme Dusche und schlafe erst mal ne Runde. Der Tag ohne Energiezufuhr in der brütenden Hitze hat mir offensichtlich mehr zugesetzt, als ich tagsüber merkte.
Gegen Abend raffe ich mich auf, das Abendessen möchte ich heute auf keinen Fall verpassen. Mein Weg führt also zurück in Stall. Dort ist in der Zwischenzeit jemand ganz tief in Kuhschei… getreten und anschließend wild auf dem – immerhin – gefliesten Gang zum Flur auf- und abgegangen. Wie auf rohen Eiern tänzelnd, versuche ich, mit meinen Hüttenschlappen ohne größere Berührungen mit den grünlich-braunen Fußabdrücken in den Flur zu kommen. Irgendwie fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, als ich zwischen vier Bauernhöfen aufwuchs.

 

Heute bin ich nicht gesellschaftsfähig

Draußen auf der Terrasse angelangt, setzte ich mich zu zwei Einheimischen an ihren schattigen Tisch. Zu meiner Verwunderung kann der Bauer mit ihnen in ganzen Sätze sprechen! Nicht nur das, er entpuppt sich zum Alleinunterhalter. Leider verstehe ich höchstens ein Viertel des Gesprochenen, zusätzlich kann ich mir noch das ein oder andere zusammenreimen, so dass ich ein völlig neues Bild von diesem Mann bekomme. Er ist intelligent und hat Witz! Ich hingegen werde immer noch links liegen gelassen. Inzwischen glaube ich, es liegt an meiner schlechten Laune, die offensichtlich unübersehbar ist. Mich plagen immer noch Kopfschmerzen und ich fühle mich auch nach meinem Mittagsschläfchen noch K.O. Bis eben hatte ich als alternative Erklärung die Tatsache in Betracht gezogen, dass ich als Fremder einfach als Gesprächspartner uninteressant bin. Doch diese Theorie wird gleich zweifach widerlegt. Zum einen sitzt an einem anderen Tisch ein Deutsch-Holländisches Pärchen, mit dem sich der Wirt lange unterhält, zum anderen kommen noch zwei jüngere Pärchen an, doch auch mit ihnen schaffe ich es nicht, ein Gespräch aufzubauen. Gut, auch mit denen wird der Bauer nicht warm, was aber wohl daran liegt, dass zwei von ihnen Vegetarier sind, etwas, das in dem Vorstellungs-Repertoire des Herrn Bauern nicht vorhanden zu sein scheint. Die Frage nach einem Salat hat dieser Beziehung endgültig den Garaus bereitet. Aus der Küche jedenfalls höre ich, wie er verächtlich bei seiner Frau zwei Salate bestellt. Abschätzig schiebt er hinterher: „nimm, was weg muss“!

Es ist, wie es ist, heute ist für mich kein guter Tag für Gesellschaft. Deshalb verziehe ich mich gleich nach dem Abendessen auf mein Lager. Herrlich, so eine Matratze. Und die grobe Pferdedecke erst! Was hätte ich gestern Nacht dafür gegeben!

 

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