Tag 24: Wiederkehrende Begegnungen

 Do., 2. Juli 2015, von der Bürglhütte zum Pass Thurn

 

Bürgl-Hütte
Bürgl-Hütte
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Um fünf Uhr kommt Leben in die Bude – besser gesagt in den Stall. Es ist Melkzeit und bis jede Kuh so ihren Platz gefunden hat, bedarf es doch dem einen oder anderen harschen Befehlston des Bauern. Und weil das ganze Gebäude super hellhörig ist, denke ich im ersten Moment, das Kühemelken findet bei mir im Lager statt! Aber die Hellhörigkeit hat auch was Gutes. Der Wecker aus dem Zimmer der Vierergruppe ist durch die dünnen Holzwände so gut zu hören, dass auch ich mitbekomme, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Ich hatte gestern Abend nämlich vergessen zu fragen, ab wann es Frühstück gibt.

 

Annäherung in mehreren Akten

Wieder fängt der Tag mit bestem Wetter an, Grund für mich, mein Frühstück draußen auf der Terrasse zu genießen. Anschließend fängt das große Fertigmachen-zum-Aufbruch an. Zeitgleich mit mir packen die beiden Pärchen ihre Sachen und siehe da – mit frischer Laune scheine ich wieder gesellschaftsfähig zu sein. Jedenfalls kommen wir locker ins Gespräch und fast habe ich das Gefühl, als bedauern die Vier, dass wir nicht schon gestern Abend ins Gespräch kamen.

„Bis bald, ihr werdet mich bestimmt bald einholen“ verabschiede ich mich von ihnen und und steige wieder auf zum „Pinzgauer Spaziergang“. Irgendwann stelle ich aber fest, dass ich eine Abzweigung verpasst habe und darf schön wieder hundert Höhenmeter zurück. Somit sind die Vier nun vor mir. Nach einer Weile hole ich sie aber wieder ein. Das zeigt mir, dass ich doch gar nicht so langsam bin, wie es mir immer vorkommt. Zwar habe ich inzwischen ganz gut meinen Rhythmus gefunden, aber durch das Solo-Gehen fehlt mir jegliche Vergleichsmöglichkeit. Gemeinsam unterhaltend gehen wir einige hundert Meter weiter, doch bald darauf trennen wir uns wieder, da meine Füße zum Trocknen an die Luft müssen.

Nach meiner Pause dauert es nicht einmal eine halbe Stunde, da stoße ich wieder auf die vier, die nun ihrerseits Pause machen. Wir kommen intensiver ins Gespräch, ich erzähle mehr von meinem Woher und Wohin und irgendwann meint eine der beiden Mädels: ich habe auf der Pinzgauer Hütte eine Karte von einem liegen sehen, der drei Monate am Alpenkamm entlang wandern will, bist Du das? Tja, da hat sie die Karte gesehen, die ich Christian, dem Hüttenwirt gegen hatte.

Ich erfahr nun, dass Anna, eine aus dem Quartet, ab nächster Woche hinter Krimml auf der Jaidbachalm ein zweimonatiges „Social Sabattical“ machen wird. Meine nächsten Pläne sehen ohnedies vor, dass ich durch dieses Tal zum Ahrntal wechseln will, da werde ich bestimmt auf ein Hallo reinschauen.

 

Kann ein Smart Business fair sein?

Von nun an war das Eis vollends gebrochen und es ergibt sich, dass wir ein ganzes Stück gemeinsam gehen. Insbesondere mit Anna unterhalte ich mich intensiver über meine zukünftigen beruflichen Pläne, erzähle ihr von den Smart Business Conzepts (SBC), und bevor ich mich versehe, stecke ich in einer Reihe von Etik-Diskussionen. Sie legt viel Wert auf fairen Umgang mit der Welt und ihren Bewohnern, insbesondere findet sie Fair-Trade-Konzepte großartig, bezweifelt aber, dass so was im SBC gehen kann. Mit meinem bisher zugegebenermaßen theoretischen Wissen, ist das SBC gerade für Fair-Trade-Produkte ideal. Zum einen lassen sich die höheren Herstellkosten durch das Vermeiden von Handelsketten kompensieren. Zum anderen ist heute – leider immer noch – Fair-Trade ein absolutes Nischen-Thema. Kann mit dieser Kritik gleich vor der eigenen Haustüre kehren. Wie auch immer, Nischenthemen sind prädestiniert, um sie online zu vertreiben. Ein Vertrieb über Geschäfte bedeutet noch höhere Kosten (Ladenmiete etc.) bei beschränktem Markt (Einzugsgebiet des jeweiligen Ladens).

Ein weiterer Stein des Anstoßes ist das Stichwort Freelancer. Damit ist gemeint, dass man bei einem SBC keine Angestellten hat sondern ausschließlich mit externen Partnern arbeitet. Da kam schnell das Argument der prekären Situation von Freelancern auf. Es stimmt, viele Freelancer krebsen am Existenzminimum rum. Das ist aber häufig ein selbst gemachtes Problem. Nicht jedem liegt die Selbständigkeit im Blut. Denn man muss nicht nur sein Fach beherrschen, sondern gleichzeitig ein Vertriebsprofi sein. Das Produkt: die eigene Kompetenz. Des Weiteren machen sich viele selbständig, ohne kaufmännische Kenntnisse zu haben. Das, was benötigt wird, ist kein Hexenwerk, aber man sollte schon eine klare Vorstellung von seiner Kostenstruktur und dem Thema Kalkulation mitbringen. Das nächste Problem ist, dass man gegenüber seinen Kunden zu sehr kostenorientiert argumentiert. Da kommt man unweigerlich in eine Preisdiskussion, und in dieser zieht man als Auftragnehmer so gut wie immer den Kürzeren.

Der Blogger Walter Epp von www.schreibsuchti.de hat zu diesem Thema einen – wie ich finde – sehr treffenden Gastbeitrag verfasst.

 

Was haben 30 Dänen gemeinsam?

Wir sind fünf Leute, ausgestattet mit Karten und GPS, alle des Karten Lesens mächtig, und dennoch haben wir irgendwo eine Abzweigung verpasst. Doch als wir es feststellen, ist es zum Zurückkehren zu spät. So müssen wir uns früher trennen, als geplant. Die vier gehen runter zum Zug, ich muss mich durch eine Klamm auf die andere Seite schlagen. Zuerst ist der Weg noch ein Weg. Doch kurz vor dem Wasser ist es plötzlich nur noch ein matschiger Pfad. Er führt an eine Stelle, an der das Wasser auf eine Länge von 20 Meter geschätzte 50 Meter in die Tiefe fällt. Und ausgerechnet an der Absturzkante scheint dieser Pfad rüberzugehen, zumindest deuten die Spuren auf der anderen Seite darauf hin. Ich drehe kurz meine Konzentration bis zum Anschlag auf und balanciere über die recht glitschigen Steine. Links möchte ich nicht runterfallen, das wäre für die Knochen schlecht, rechts bildet das Wasser ein Mini-See, das wäre das kleinere Übel, am Ende komme ich dann aber doch trockenen Fußes auf die andere Seite.

Von da an führt mich erst eine normale Teer-Straße, später ein geschotterter Wirtschaftsweg auf relativ gleichbleibender Höhe bis zum Pass Thurn. Hier auf halber Talhöhe treibt die Sonne die Säule in meinem Thermometer auf stolze 36 ° C hoch. Mir rinnt der Schweiß so schnell aus allen Poren, dass ich mit dem Nachgießen gar nicht mehr hinterherkomme. Irgendwann sind meine Wasservorräte erschöpft und da ich hier unten nicht mehr einfach Wasser aus einer Quelle schöpfen kann, klingele ich an einem Haus und bitte um etwas Wasser. Argwöhnisch mustert mich die ältere Dame, vermutlich überlegt sie, ob das ein Strolch ist, der da vor ihr steht oder einfach nur ein armer dürstender Wandersmann. Sie deutet mir an, draußen zu warten und füllt dann meine PET-Flasche auf, die ich seit einigen Tagen als zusätzliches Reservoir bei mir habe. Höflich bedanke ich mich für das Wasser und setzte die letzte halbe Stunde bis zum Pass weiter.

Hin und hergerissen überlege ich, ob ich nach einer längeren Pause noch die fünfhundert Höhenmeter hoch zum Berggasthof Resterhöhe aufsteigen soll.

Doch zuerst gibt es eine große Apfelschorle. Währenddessen telefoniere ich ein wenig herum. Zum einen mit meiner Schwester, die überlegt hatte, mich zusammen mit ihrem Mann ein Stück zu begleiten, doch ihre Kunden haben Vorrang. Anschließend rufe ich zuhause an um ein Lebenszeichen anzugeben, immerhin gab es die letzten drei Tage keinen Handy-Empfang. Und zu guter letzt telefoniere ich die Hütten der nächsten Tage ab, um meine Optionen zu kennen. Der Berggasthof Resterhöhe wird im Sommer nicht mehr bewirtschaftet! Man sollte also nicht stumpf auf einen Wanderführer vertrauen, das könnte ins Auge gehen. Somit ist klar, heute Abend bleibe ich hier am Pass.

Als Individualist habe ich grundsätzlich etwas gegen Halbpension, deshalb gehe ich am zweiten Hotel am Ort einen Salat essen. Dort sitze ich inmitten von ca. 30 Dänen, wobei sie nicht zusammengehören. Es gab wohl in Dänemark ein Sonderangebot: 6 Tage Hotel mit Vollpension, inkl. Getränke bis 21 Uhr für 50 € p.P. und Nacht. Somit vereint alle Dänen, dass sie dieses Schnäppchen gebucht haben. Irgendwie komisch.

Am Abend sitze ich in meinem Hotel auf der Terrasse, genieße den lauwarmen Abend, flöße mir etwas Inspiration in Form eine Weines ein und mache mich daran, die Berichte über die letzten Tage ins Handy zu tippen. Die letzten Tage hatte ich einfach keinen Kopf dafür. Erzwingen lässt es sich eben nicht, obwohl die Erinnerung mit zunehmender Zeit nachlässt. Das Durchblättern der Fotos hilft meinem Gedächtnis aber wieder auf die Sprünge. Als der Kellner alles rings um mich herum abgeräumt und für die Nacht vorbereitet hat, kommt für mich der Zeitpunkt, ins Bett zu gehen.

 

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