Tag 25: Schaukel der Glückseligkeit

Fr., 3. Juli 2015, vom Pass Thurn zur Panorama Alm

 

Blick von der Resterhöhe
Blick von der Resterhöhe
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Die heutige Etappe will ich bewusst kurz halten, so können meine Füße noch besser abheilen. Deshalb stehen heute nur 5 km und 750 Meter Aufstieg an. Ich mache dennoch den Fehler und unterschätze den „Grashügel“. Obwohl der Aufstieg anfangs durch Wald geht, stehe ich im Handumdrehen wieder im eigenen Saft.

 

Schnee-Vorrat für den nächsten Winter

Ich nehme einen kleinen Umweg in Kauf, um das Gipfelkreuz der Resterhöhe „mitzunehmen“. Dort angekommen, kommen mir die ersten Rentner am Stock entgegen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier in unmittelbarer Nähe die Bergstation einer Seilbahn sein muss. Völlig entgeistert schauen sie mich an. Aus ihrem Gesicht lese ich Gedanken ab: „Wie kann man nur zu Fuß den Berg hochgehen, wo es doch extra dafür eine Seilbahn gibt? Kann der sich die Fahrt etwa nicht leisten? Ein bisschen runtergekommen sieht er ja schon aus!“.

Schnell möchte ich mich in das Gipfelbuch eintragen, doch leider ist es völlig durchnässt. Also nix wie weg hier, ich kann mich nicht mit meiner Rolle als Zoo-Attraktion anfreunden.

An der Bergstation sehe ich einen riesigen Schneehaufen, sorgfältig mit Folie abgedeckt. Am Abend werde ich erfahren, dass man hier Schnee für den nächsten Saison-Start speichert. Auch wenn er dann von schlechter Qualität ist, als erste Grundlage soll er wohl ganz gut einsetzbar sein. Überrascht hat mich die Aussage, dass es über den Sommer hinweg lediglich 15% Schwund gibt!

Die letzte knappe Stunde führt mich ein Wirtschaftsweg kontinuierlich hoch zur Panorama Alm. Als ich ankomme, muss ich anerkennen, diese Alm hat ihren Namen mehr als verdient! Quasi auf dem höchsten Punkt gelegen, bietet sie einen sagenhaften Rundum-Blick! So ungefähr sieht mein Traum von einem Haus aus.

 

(Wieder-) Entdeckung der Glückseligkeit

Die Bedienungen machen einen lockeren und freundlichen Eindruck auf mich. Da ich mich telefonisch angemeldet hatte, werde ich schon erwartet. Zu erst aber brauche ich was zu trinken. Die Hitze treibt mir wie ein Kompressor das Wasser aus den Poren.

Ich setze mich draußen in den Selbstbedienungsbereich und beobachte das Treiben. Jetzt um die Mittagszeit sind hier relativ viele Tagesausflügler, wobei mir schon bei dem Anblick der ganzen Infrastruktur klar ist, dass das heute nur ein laues Lüftchen ist im Vergleich zu dem Ansturm, der im Winter hier hereinbricht. Und trotzdem bin ich mittelmäßig entsetzt, wie wenig Anstand das Publikum hier oben hat. Links von mir schreien irgendwelche Mountainbiker über die ganze Außenfläche hinweg ihren Kumpels was zu und von rechts verdirbt mir ein vulgärer Rülpser den Augenblick. Die meisten hier sind laut, olbern (mir fällt leider kein adäquates Wort im Hochdeutschen ein) und verbreiten eine fürchterliche Unruhe. Als der Wind einen Schirm aus seiner Verankerung bläst, schauen sich alle nur hilflos um, wo die nächste Bedienung ist, die das wieder richten könnte, anstatt dass sie einfach selbst ihren Allerwertesten in Gang setzen und den Schirm einklappen. Ich erlöse sie irgendwann aus ihrer hilflosen Starre und fange den Schirm ein. Aus dem Kopfschütteln kaum herauskommend frage ich mich, ob das so den ganzen Tag und Abend gehen wird.

Ich verziehe mich erst einmal auf mein Zimmer, dusche mich und wasche etwas Wäsche. Nach knapp drei Wochen bekomme ich mit der Handwäsche einfach den Muff nicht mehr richtig raus.

In neuer Frische gehe ich wieder runter, hänge meine Wäsche zum Trocknen an einem Zaun auf, und stelle zufrieden fest, dass sich der Mittagstrubel aufgelöst hat.

Den Nachmittag über lasse ich einfach meine Seele baumeln. Irgendwann entdecke ich eine große runde Schaukel. Ich lege mich hinein und muss nur ein wenig die Unterschenkel baumeln lassen, um die entspannende Schaukelbewegung aufrecht zu halten. Mit geschlossenen Augen spüre ich, wie die Sonne meinen Körper wärmt und vergesse alles um mich herum. Ich lasse es geschehen und genieße den Augenblick. Das ist Glückseligkeit!

Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, wo denn der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit ist. Als ich vor vielen Jahren mal gefragt wurde, ob ich glücklich sei, war meine Antwort, dass ich zufrieden sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, immerwährend glücklich sein zu können. Dafür hat mein Leben zu viele Hochs und Tiefs. Erst vor kurzem habe ich deshalb Dirk Ottenhyme von EINFACH SEIN gebeten, zu der Frage nach dem Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit mal einen Artikel auf seinem Blog zu schreiben. Als er in diesem Artikel von Glückseligkeit schrieb, war ich recht skeptisch, ob mir das auf meiner Tour widerfahren würde. Jetzt weiß ich, es ist passiert!

 

Ungeplante Begegnungen sind die schönsten

Von den Bedienungen werde ich angenehm unaufdringlich umsorgt. Zum Abend hin bestelle ich mir einen schönen frischen Salat, dazu ein Wein und genieße beides draußen auf der Terrasse. Für das Auge gibt es zusätzlich noch dieses herrliche Panorama. Was braucht man mehr?

Später fragt mich eine der beiden Bedienungen, ob ich mich nicht mit rüber an den Einheimischen-Tisch setzen möchte. Nachdem ich genug Zeit für mich alleine hatte, nehme ich die Einladung gerne an und setze mich zu zwei Burschen in meinem Alter. Ich habe vorhin wahrgenommen, dass sie mit ihren Motor-Cross-Maschinen angebraust kamen. Sie kommen regelmäßig vom Tal hier hoch. Sporadisch gesellt sich abwechseln eine der beiden Bedienungen Kristin und Brini zu uns an Tisch, später setzt sich auch Koch Clemens dazu, und noch ein Weilchen später rücken zwei weitere Gäste, Chris und Samko, vom Nachbartisch auf.
So entsteht eine große, lustige Runde mit den unterschiedlichsten Charakteren. Der Exil-Oberfranke Clemens z.B. lernt in Chris einen Fast-Nachbarn aus seiner alten Heimat kennen und ich entdecke in Kristin eine weitere Vita-Brecherin. Ich bin gerade auf Menschen und deren Geschichten neugierig, die irgendwann in ihrem Leben einen starken Bruch gewagt haben. Im Laufe des Abends hat sich so jeder mit jedem angeregt unterhalten. Angeheitert löst sich um drei Uhr morgens die Runde auf, schließlich sind nicht alle am nächsten Tag dem Nichtstun verpflichtet.

Danke, Euch allen, für diesen unerwarteten, schönen Abend!

 

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