Tag 26: Gehe, wenn es am schönsten ist!

Sa., 4. Juli 2015, von der Panoramaalm zum Gasthaus Rechtegg

 

Kapelle
Kapelle
Eine Radt nutze ich, um mir diese Kapelle anzuschauen.
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Ich überlege hin und her, ob ich nicht noch einen Tag hier bleiben soll. Am Ende entscheide ich mich bewusst für’s Weitergehen. Der gestrige Abend war unvorhersehbar passiert. Da war nichts geplant. Ein einziges Wörtchen hätte den Verlauf meines Abends grundlegend anders aussehen lassen: wenn ich auf die Frage, ob ich rüber an den anderen Tisch kommen möchte, mit Nein geantwortet hätte.

Einen zweiten Tag zu bleiben, ist was völlig anderes. Meine Erfahrung sagt mir, dass sich schöne Abende nicht ohne Weiters wiederholen lassen. Zum einen mogeln sich unauffällig Erwartungshaltungen rein, zum anderen sind die Bedingungen einen Tag später schon wieder ganz andere. Der eine ist noch müde vom Vortag, der andere will nicht schon wieder, etc.

In dem Spruch „Gehe, wenn es am Schönsten ist“ ist viel Wahres dran. Allerdings ist es nicht immer einfach, diese Entscheidung zu treffen. Denn das ist wieder mal eine „Verzicht-Entscheidung“, wie beim Priorisieren.

Es ist genau so mit meinem Job gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass mein persönlicher Wohlfühl-Zenit überschritten war. Mit meiner freien und proaktiven Entscheidung, zu kündigen, habe ich mir das Positive, das ich in der Firma erleben durfte, in meine Erinnerung hinüberretten können. Ich hätte es mir auch leichter machen können: Warten, bis die Umstände mich dazu zwingen, zu gehen. Dann wäre die Entscheidung für mich getroffen worden, ich hätte sie nicht selbst fällen müssen. Aber es wäre eben nicht mehr meine Entscheidung gewesen.

 

Wer Abends saufen kann…

Morgens um Acht Uhr schmilzt die Sonne schon den Käse auf meinem Brötchen dahin. Das wird ein noch heißerer Tag werden. Außerdem erwartet mich heute die längste Etappe seit meinem Blasen-Gate. Ich bin gespannt, wie der Tag so wird.

Der Abschied fällt mir nicht leicht, auf der anderen Seite bin ich stolz auf mich, trotz der kurzen Nacht im üblichen Zeitrahmen, also vor neun Uhr, aufzubrechen. Ja, da kommt die harte Erziehung wieder durch. Früher, wenn ich Freitags länger gezecht oder gar die Nacht durchgemacht hatte, wurde ich am Samstag Morgen mit dem Spruch „Wer abends saufen kann, kann am nächsten Morgen auch arbeiten!“ empfangen und dann durfte ich in Wald, Holz machen, oder sonstige „Samstagsarbeit“ verrichten.

Ich bin gerade im Begriff zu gehen, als ich auf der Rückseite der Alm Clemens noch mal begegne. Er hat mich gestern mit Blasenpflastern und einem speziellen Hirschtalg-Stift versorgt, wofür ich ihm sehr dankbar bin! Jetzt gibt er mir noch den scheinbar einfachen Rat mit auf den Weg: gehe langsam! Tja, wenn der Gute von meiner erblichen Veranlagung wüsste! Von meinem Vater habe ich es, sehr schnell zu gehen, obwohl ich proportional sehr kurze Beine habe. Damit treibe ich regelmäßig meine Umwelt zur Schnappathmung. Immer wenn ich denke, dass ich jetzt super langsam bin, bewege ich mich gerade auf das Mittelmaß zu. Es steckt so tief in mir drin, dass es viel Konsequenz und permanente Aufmerksamkeit kostet, diesen Tipp umzusetzen.

 

Hier oben verändert sich mein Verhältnis zum Glauben

Nach einer Stunde kommt mir ein Geländewagen entgegen und hält neben mir an. Dem Nummernschild nach ein Salzburger. Im Auto sitzt ein älteres Ehepaar, offensichtlich mit der Gegend sehr vertraut. Sie erkundigen sich ganz freundlich nach meinem Weg und dauert es nicht lange, bis wir in einen längeren Plausch versunken sind. Es ist leider selten geworden in unserer schnelllebigen Welt, dass fremde Menschen so viel Interesse an dem Anderen zeigen. Solche Begegnungen, und sind sie noch so kurz, sind das Salz in der Suppe des Pilgers! In diesem Moment muss ich wieder an den Mann denken, der mir kurz unterhalb des Zeppezauerhauses begegnet ist. Ob er inzwischen auf dem Großglockner war?

Nun steht ein Anstieg an. Mein Kreislauf ist nicht so preußisch eingestellt und jammert ob der letzten Nacht rum, ich möge ihm Ruhe gönnen. Das Gejammere ertränke ich statt dessen mit einem kräftigen Zug aus meiner Trinkblase und tatsächlich, für eine Weile kehrt Ruhe ein.

Kurze Zeit später komme ich auf einer Alm an, die nur von Kühen bewohnt wird. Ein guter Zeitpunkt für eine Pause, die ich nutze, um die winzige Kapelle von innen zu bestaunen. Hier oben empfinde ich Glauben als etwas Natürliches. Der an der Realität vorbei lebende Klerus ist hier so weit weg wie der Neptun vom Zentrum unseres Sonnensystems. Vielmehr zeigt sich mir Glaube hier als eine authentische Methode der Alltagsbewältigung. Diese Form des Glaubens verlangt mir Respekt ab.

 

Eine schlechte Nachricht bringt mich nicht mehr aus der Ruhe

Der Große Rettenstein ist mit seinen 2366 Metern seit meinem Aufbruch gut sichtbar und markiert heute ungefähr die Hälfte meiner Etappe. Doch noch ist er weit weg. Von einem kräftigen Anstieg abgesehen, verläuft aber auch heute der Weg in einem angenehm seichten Auf und Ab dahin. Als ich ihn umrundet habe freue ich mich, dass ich gut in der Zeit liege!

Weitere zwei Stunden geht es am Kamm entlang bevor der letzte Teil ansteht: der Abstieg zur Steiner Alm, meinem heutigen Tagesziel. In der Ferne laufen zwei Menschen mit einem Hund und über mir schraubt sich ein Gleitschirm-Pilot in den strahlend blauen Himmel empor.

An der Steiner Alm angekommen belohne ich mich erst mal mit einer Apfelsaft-Schorle. Auf meine Frage, ob ich heute Nacht hier schlafen kann, bekomme ich aber leider ein Nein. Die Wirtsleute fahren heute Abend runter, deshalb kann ich heute hier nicht über Nacht bleiben. Ich ärgere mich kurz, dass ich ausgerechnet hier und wider besseren Wissens nicht angerufen hatte. Zu offensichtlich erschien es mir, dass hier offen ist.

Die Tatsache, dass diese schlechte Nachricht mich überhaupt nicht weiter beunruhigt, zeigt mir aber, dass meine physische Verfassung langsam Formen annimmt. Entspannt bestelle ich noch eine Apfelschorle und döse ein bisschen vor mich hin, während sich neben mir am Tisch einheimische angeregt unterhalten. Auch wenn – oder vielleicht gerade weil – ich wenig verstehe, wirkt die Unterhaltung zusätzlich entspannend auf mich. Witzigerweise sind zwei von ihnen wieder Motor-Cross-Fahrer, es sind aber nicht meine Freunde von gestern.

 

Mein Körper bestimmt, was er braucht

Frisch gestärkt nehme ich die vier Kilometer Zugabe in Angriff. Von meinem Weg aus sehe ich bereits die nächste mögliche Unterkunft: da ich aber keine Lust habe, umsonst runterzugehen, vergewissere ich mich vorher telefonisch, dass ein Zimmer für mich frei ist. Erst jetzt tausche ich meine Höhe zugunsten eines Schlafplatzes ein.

Kaum habe ich mich frisch gemacht, gibt es auch schon Abendessen. Ich entscheide mich für den Vitalsalat mit Hänchenstreifen. Überhaupt, sseit einigen Tagen habe ich Salat für mich entdeckt. Hatte ich früher immer befürchtet, etwas zu verpassen, wenn ich einen Salat statt was „Richtigem“ bestelle, lechzt mein Körper im Moment nach frischen Vitaminen. Dann soll er die bekommen!

Da ich früh mit Essen fertig bin, gehe ich noch mal hoch auf mein Zimmer um einen Moment auszuruhen. Später dann möchte ich noch etwas auf der Terrasse trinken. Deshalb lege ich mich nur kurz mit Klamotten auf das noch zusammengelegte Bett.

 

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