Tag 27: Wenn Kinder vor ihren Eltern aus dem Leben gerissen werden

So., 5. Juli 2015, vom Gasthof Vieregg nach Krimml

Kitschig
Kitschig
Diese Szene kommt fast schon ein wenig zu kitschig rüber, in Natura aber ist es einfach nur ein toller Augenblick.
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Um 5:30 Uhr wache ich auf. Verwundert überlege ich, warum ich vollständig angezogen auf meinem Bett liege. Dann fällt es mir wieder ein. Ich wollte doch nur kurz etwas ausruhen und dann noch mal unten auf der Terrasse was trinken. Na, dafür ist es jetzt auch zu spät. Also drehe ich mich noch mal um und schlafe bis um sieben Uhr weiter. Gutes Timing, denn um halb acht gibt es Frühstück und so komme ich heute früh los.

 

Eiskalter Schauer läuft mir den Rücken herunter

Mein Weg führt zuerst durch die Trattenbach-Klamm, bevor es abwechselnd durch Wälder oder über Wiesen geht. Vor dem Gruberbauern mache ich an einem Marterl kurz Rast und genieße den Blick auf den Großvenediger und die Gegend, durch die ich in den nächsten Tagen auf die Italienische Seite in das Ahrntal wechseln möchte. Die Route werde ich in Krimml ausarbeiten, sobald das nächste Päckchen mit Führer und Karten von zuhause ankommt.

Noch aber liegt ein Stückchen Weg vor mir, deshalb treibe ich mich weiter an. Nach einiger Zeit komme ich auf ein Kapellchen zu, das ich mir für meine erste größere Pause ausgucke. Im Inneren hängen wie immer viele Sterbebilder an der Wand, weitere liegen in einer Metallkiste. Andachtsvoll lese ich sie mir durch und bin von so viel erfülltem Leben ergriffen. Ich möchte gerade wieder raus gehen, als mir etwas einen kalten Schauer den Rücken hinuntertreibt! Da hängen die Sterbebilder von drei noch ganz jungen Menschen. Sie tragen alle den gleichen Familiennamen und sind innerhalb von nur vier Jahren nacheinander in Alter von 16, 19 und 22 Jahren aus dem Leben gerissen worden. Welch unfassbarer Schicksalsschlag hat nur diese Familie heimgesucht!

Betroffen packe ich meine Sachen und gehe gedankenversunken weiter. Insbesondere der Text, der bei der 16-jährigen Tina stand, hat mich tief berührt, vielleicht auch deshalb, weil er aus einer ganz unüblichen Perspektive formuliert ist, nämlich aus der der Verstorbenen:

Ade, ihr guten Eltern,
die mir mein alles waren,
ich dank‘ für Sorg‘ und Segen,
noch auf der Totenbahr.
Kann euch nicht weinen seh’n,
ich werde ja im Himmel
glücklich immer sein.
Geschwister all‘ und Freunde,
ich sage still ade!

Nach einer Weile muss ich mich dann doch wieder mehr auf den Weg konzentrieren. Der führt nun die letzten dreihundert Höhenmeter recht steil durch Wald und Gestrüpp runter ins Tal. Unterwegs treffe ich wieder mal zwei Pferde an. Die schwarze Stute interessiert sich besonders für mich. Von oben bis unten, von hinten bis vorne werde ich auf’s  genaueste beschnuppert. Das Brötchen in meiner Seitentasche erregt ihre besondere Aufmerksamkeit. Offensichtlich spürt sie, dass ich schon länger ohne Zärtlichkeiten auskommen muss und gibt mir zum Abschied noch ein feucht-warmes Küsschen auf mein Gesicht.

Eine halbe Stunde später muss ich mich entscheiden. Links, um nach fünf Minuten beim Gasthof Falkenstein Pause zu machen, oder rechts direkt weiter gehen. Ich entscheide mich für eine Pause, die ist eh fällig. Den Wirt frage ich, ob ich auf seiner Terrasse mein Brötchen essen darf, wenn ich etwas trinke. Nein, das ginge nicht, „wehret den Anfängen“ so das Argument. Ich frage zurück: „wirklich nicht?“, und bekomme zur Antwort: „Nein, das kann ich nicht“. „Na gut,“ sage ich, „und ich muss nicht!“, und gehe wieder. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich noch ausreichend Kraft- und Wasserreserven habe, und mir diesen Abgang leisten kann. Das verdatterte Gesicht des Wirtes war es allemal wert, der hat offensichtlich nicht mit meiner Konsequenz gerechnet.

Eine knappe viertel Stunde später sitze ich gemütlich im Wald auf einer Bank und lasse mir mein Brötchen mit doppeltem Genuss schmecken!

Pünktlich zum mittäglichen Glockenschlag erreiche ich Krimml. Die Suche nach einer passenden Unterkunft klappt schnell und so kann ich bald schon frisch geduscht bei einer Apfelschorle auf acht Tage ununterbrochenen Wanderns zurückblicken. Offensichtlich ist meine Strategie der kleinen aber kontinuierlichen Etappen aufgegangen.

Die Wirtin wäscht mir freundlicherweise etwas Wäsche und ich gehe mit meinem Rucksack noch mal unter die Dusche. Er strotzt vor Dreck, Blutflecken und Schweiß und braucht dringend eine Wäsche.

Am Abend unternehme ich einen kleinen Spaziergang zu dem unteren der Krimmler Wasserfälle, um schon mal einen kleinen Ausblick zu bekommen. Meinem Plan nach werde ich nämlich in ein paar Tagen seitlich an den Wasserfällen entlang das Krimmler Tal hochgehen. Doch jetzt mache ich erst mal zwei oder drei Tage Pause!

 

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