Tag 3: Was wäre, wenn ich dauerhaft alleine sein müsste?

11. Juni 2015, vom Stöhrhaus nach Berchtesgaden

 

Geschenk am Morgen
Geschenk am Morgen
Der erste Blick nach Draußen wird gleich so fürstlich belohnt: ein Regenbogen vor dem Watzmann!
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Da ich gestern mit den Hühnern zu Bett gegangen bin (bei uns bedeutet das, mit Einbruch der Dunkelheit), wache ich auch entsprechend früh auf. Der erste Kontrollblick aus dem Fenster beschert mir ein schönes Naturschauspiel: vor dem Watzmann zeigt sich für einen Augenblick ein Regenbogen.

 

Wenn Wasser zur knappen Ressource wird

Ich lege mich noch mal hin, da es noch viel zu früh für’s Frühstücken ist. Noch nicht mal den Rucksack kann ich packen, da als erstes meine Trinkblase rein muss und der einzige Ort, an dem es Trinkwasser gibt, ist die Küche, die noch verschlossen ist. Das Stöhrhaus hat es, wie viele Hütten, schwer an Wasser zu kommen. Erstens liegt es so gut wie ganz oben, so dass keine höher liegenden Quellen „angezapft“ werden können. Außerdem ist hier oben das Gestein sehr porös und durchlässig, so dass sich keine Seen bilden können. Deshalb ist das Störhaus auf Regenwasser angewiesen, das in unterirdischen Zisternen gesammelt wird. Eine UV-Anlage bereitet es bei Bedarf zu Trinkwasser auf. Das macht es notwendig, mit Wasser sehr sorgsam umzugehen. Duschen gibt es sowieso nicht, aber in Trockenzeiten passiert es durchaus, dass auch der Waschraum verschlossen bleibt. Für die Toiletten gibt es ungefiltertes Wasser, das man sich mit einem Eimer draußen holen muss.

 

Wer hoch hinaus will, muss auch wieder tief absteigen

Später ist es dann soweit, ich kann mein morgendliches Ritual abspulen, bevor es endlich losgeht. 1100 Höhenmeter geht es jetzt bergab, meine Füße und Knie werden mich im Laufe des Tages dafür noch hassen.

Und tatsächlich, weil ich beim Tapen meiner großen Zehen etwas falsch gemacht habe handele ich mir promt eine kleine Blase ein, das hat mir noch gefehlt! In Maria Gern gönne ich mir deshalb auch eine ausgiebige Pause, bevor ich die das letzte Stück bis Berchtesgaden gehe. Ich steuere direkt die Touristeninformation an, um mir eine Unterkunft für zwei Nächte zu finden, denn hier ist meine erste Pause geplant. Die brauche ich auch, damit meine Füße Zeit zur Hornhaut-Bildung haben und meine Muskelkater verschwindet. Es gleich am Anfang zu übertreiben wäre einfach nur dumm. Leider ist die Auswahl an Unterkünften sehr überschaubar, obwohl nur zwei Kriterien erfüllt sein müssen: nicht weiter als einen Kilometer vom Zentrum entfernt und W-LAN auf dem Zimmer, damit ich meinen Blog füttern kann. Also nehme ich das einzige Angebot zähneknirschend an, obwohl es über meinem Budget liegt. Vor Ort stellt sich dann jedoch heraus, dass es auch noch ein 20 € günstigeres Zimmer gibt, das ich dankend nehme.

 

Vom Speed-Dining zum Syrien-Krieg sind es nur wenige Meter

Nach zwei Tagen Katzenwäsche freue ich mich auf eine ausgiebige schöne warme Dusche! Das ist wieder so ein Phänomen, das ich am Bergwandern so schätze: man wird genügsam (ja, man kann sehr wohl ohne tägliches Duschen überleben!) und weiß dann den Luxus um so mehr zu schätzen. Gleich nach der Dusche ist Wäsche waschen angesagt, damit sie Zeit zum Trocknen hat.

Nach einer kleinen Pause beschließe ich, runter ins Zentrum zu gehen. Als ich vorhin ankam, nahm ich die Aufbauarbeiten für eine Gourmet-Meile wahr, und die möchte ich besuchen. Hier heißt das ganze „Gusto Fest“. 16 Lokal-Gastronomen kredenzen jeweils ein Gericht. Die Portionen sind klein, so dass man dank Flatrate verschiedene Gerichte probieren kann. Meine Wahl des Abend lautet:

  • Burger mit Grillgemüse
  • Garnelenspieß vom Grill auf Paprika-Nudeln mit Mango Sauce
  • Gesottener Tafelspitz aus dem Wurzelsud auf Wirsing-Kartoffel-Stampf mit geriebenem Kren (Meerrettich)
  • Hirschkalbsgulasch aus heimischer Jagd, mit Canberrys und Gemüseknödel
  • Rehpflanzerl (Frikadellen vom Reh) frische Preiselbeeren, Pfifferlingrahmspätzle mit Bohnen im Speckmantel

Das ganze läuft für mich wie eine Kombination aus Speed-Dining und Speed-Dating ab. Mit jedem neuen Gericht findet man an einem anderen Stehtisch Platz und trifft dort neue Menschen. Aber irgendwie kommen heute kaum schönen Gespräche zustande. Ob es an mir liegt oder an den anderen? Ich weiß es nicht.

Statt dessen verziehe ich mich mit einem Gläschen Wein an ein ruhiges Plätzchen etwas abseits des Trubels und denke so darüber nach, wir schrecklich es wäre, wenn man ganz alleine wäre, ohne Partnerin, Familie und Freunde. Als hätte eine unsichtbare Macht meine Gedanken gelesen, kommt eine junge Frau vorbei und drückt mir einen Flugzettel in die Hand: „Von Syrien nach Berchtesgaden – eine schwere Reise Richtung Frieden.“ Ein Vortrag, der in einer halben Stunde beginnen soll. Nicht zuletzt aufgrund des Enthusiasmus der Frau beschließe ich, mir diesen Vortrag anzuhören.

Der 25-jährige Syrer Abdulmuti Lolo berichtet von seiner Heimat, ihrer Geschichte, dem Krieg und von seiner waghalsigen Flucht, die von April bis Oktober 2014 dauerte. Immer wieder wurde er von Polizisten aufgegriffen und nach Griechenland zurückgeschickt, da er dort erstmalig Europäischen Boden betrat. Irgendwann konnte er sich bis nach Deutschland durchschlagen, wurde aber schon kurz nach der Grenze von deutschen Polizisten aufgegriffen. Das erste, was der Polizist zu ihm sagte war: „Welcome in Germany!“ Da wusste er, er war das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Sicherheit. Inzwischen hat er hier viele Freunde gefunden, die ihm und seinen Landsleuten helfen, z.B. mit Deutschunterricht. Der studierte Englischlehrer hatte in weniger als acht Monaten so viel Deutsch gelernt, dass er seinen Vortrag heute das erste Mal in Deutsch abgehalten hat.

Ein wirklich beeindruckender Mensch, der mir meine Frage von vor zwei Stunden beantwortet hat: man muss nie dauerhaft alleine sein! Es gibt überall auf der Welt Menschen, die zu Freunden werden können – wenn man es nur will. Mit diesem und vielen weiteren Gedanken gehe ich schlafen.

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