Tag 31: Von Bergpilger zum Alm-Praktikant

Do. 9. Juli 2015, von Krimml zur Jaidbachalm

 

Krimmler Wasserfälle
Krimmler Wasserfälle
Nein, das ist nur ein kleines Rinnsal abseits der Krimmler Wasserfälle
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Kurz vor halb acht sitze ich, fertig gepackt, unten beim Frühstück. Ich will zeitig los. Zum einen, da ich mich bei den Krimmler Wasserfällen bestimmt länger aufhalten werde, zum anderen bin ich auf die Jaidbachalm gespannt, in der ich heute – ausnahmsweise – übernachten darf.

 

Wasser lässt die Erde erbeben

Auf dem Weg zu den Wasserfällen packe ich mir etwas Sand in eine Tüte. Nein, mir ist der Rucksack nicht zu leicht geworden! Ich hatte aber mit meinem Mini-Stativ kein Glück. Im Steinernen Meer ist mir eines der drei Beine abgegangen. Offensichtlich war der Kunststoff in der Kälte nicht mehr biegsam genug. Ich konnte das Bein zum Fotografieren aber wieder reinstecken. Auf dem Pinzgauer Spaziergang dann muss ich die zwei guten Beine verloren haben, so dass ich jetzt nur noch ein Bein des Stativs habe. Warum ich das noch mitschleppe, weiß ich selbst nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich es tun soll. Der Sandsack wird heute also mein Ersatz-Stativ sein. Den Sack kann ich überall hinlegen und die Kamera leicht in den Sack reindrücken. An den Wasserfällen möchte ich nämlich gerne mit Langzeitbelichtungen experimentieren, schließlich möchte ich das Graufilter-Set nicht umsonst mitgeschleppt haben.

Die Krimmler Wasserfälle sind wirklich beeindruckend. Ich habe es normalerweise nicht so mit Touristenattraktionen. Doch zum einen flößen einem die 385 Meter Gesamthöhe ordentlich Respekt ein, viel mehr aber ist es die unbändige Gewalt, mit der das Wasser den Berg hinunterstürzt. Immer wenn ich in der Nähe einer Stelle bin, an der das Wasser unten aufschlägt, bilde ich mir ein, die Erde vibrieren zu spüren.

Oberhalb der Wasserfälle wird das Tal relativ flach. So gibt sich der Rest der Strecke eher als ein Spaziergang.

 

Erste Aufgabe: Ausbrecher einfangen

Um kurz vor zwei Uhr komme ich endlich bei der Jaidbachalm an. Ob die schon Bescheid wissen? Was ist, wenn ich da doch nicht bleiben kann? Um noch bis zu meinem nächsten Etappenziel, der Birnlückenhütte, weiterzugehen, ist es schon zu spät. Durch eines der kleinen Fenster sehe ich eine Person. In dem Moment, als ich klopfe, sehe ich das Schild „Mittagsruhe“ an der Türe hängen. Super, denke ich mir, da falle ich Trampel schon negativ auf, bevor es zum ersten Eindruck kommen kann!
Die junge Frau, die mir öffnet, stellt sich als Tochter der Alm-Bäuerin heraus. Sie hat schon von mir gehört, aber dass ich über Nacht bleiben will, ist ihr neu und holt ihre Mutter. Marianne, heißt diese und macht einen wahnsinnig gelassenen Eindruck. Dass ich über Nacht bleiben will, obwohl sie gar nicht für fremde Übernachtungsgäste eingerichtet ist, scheint sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Hinter ihr erscheint auch schon Anna, die vor fünf Tagen ihr Praktikum begonnen hat.

Ich bin noch fasziniert von der Gastfreundschaft, als ich eine erste Almführung von Anna bekomme, ihre Prämieren-Führung. Die Alm liegt traumhaft! Eingebettet in das Krimmler Achental hat man von hier aus einen herrlichen Blick auf den Krimmler Kees-Gletscher. Er schenken dem Tal hier oben seinen fruchtbaren Charakter.

Neben 17 Milchkühen gibt es auf der Jaidbachalm zwei Pferde, drei Hühner und neun Schweine – richtig glückliche Schweine! Sie leben hier, weil so auch die Molke aus der Käserei noch als Schweinefutter Verwendung findet.

Gegenüber liegt die dazugehörige Hochalm. Auf der 400 Meter höher gelegen Hochebene lebt das Jungvieh während der Sommermonate recht autark. Die Sennerin steigt nur einmal in der Woche auf um nach dem Rechten zu sehen.

Da hier der Betrieb nicht einfach eingestellt werden kann, wenn ein – noch dazu sich selbst einladender – Gast ankommt, werde ich einfach in ein paar Gummistiefel gesteckt und mutiere so vom Bergpilger zum Alm-Praktikant.

Ich kann nun zeigen, was ich aus meiner Kindheit und Jugend noch weiß und kann. Ich wuchs zwischen vier Bauernhöfen auf und habe viel Zeit auf diesen verbracht. Das dringendste sind die Kühe. Sie haben sich aus ihrer eingezäunten Weide gestohlen, denn bekanntlich ist das Gras auf der anderen Seite immer grüner! Die müssen also wieder zurück in ihre Weide getrieben werden. Bis auch die letzte oben auf einem Hang entdeckt und wieder heruntergetrieben ist, verrinnt die Zeit, die eigentlich für andere Aufgaben bestimmt ist.

 

Ein langer Tag endet früh

Um vier Uhr wird der Stall für das abendliche Melken vorbereitet und dann dürfen die Damen in kleinen Grüppchen rein, bis sich eine jede auf ihrem Stammplatz eingefunden hat. Fasziniert bestaune ich die Kombination aus historischen Stall und modernster Melkanlage. Es kommt aber nur so viel Technik in Stall, wie sinnvoll ist, Technik der Technik wegen gibt es hier oben nicht. Statt dessen legen Marianne und ihre Familie sehr viel Wert darauf, so viel wie möglich von dem Ursprünglichen zu erhalten.

Während die Kühe nacheinander gemolken werden, mache ich mich mit Holzhacken nützlich. Dann wird wieder ein Ausbruch gemeldet: diesmal erkunden die Schweine die Welt jenseits des Zauns. Dabei haben sie doch schon so viel mehr als die allermeisten ihrer Kollegen: Wiese, Morast, sogar ein Stück Wald nennen die ihr Eigen! Und der Knaller ist ihre Behausung: in den Berg ist aus Bruchstein ein Stall gebaut – wie eine Höhle. Ich glaube, es gibt viele schlimmere Schicksale als hier als Schwein zu leben. Während ersten Phase des Schweine zurücktreibens folgen sie mir willig (oder neugierig?). Ich fühle mich ein wenig wie der Rattenfänger von Hameln. Doch je näher wir zum Zaun kommen, desto widerwillig zeigen sich die Freundchen. Hier kann schließlich nur noch Marianne mit Leckereien überzeugen. Ich kann hier nur noch ein wenig mit Druck von hinten helfen.

Währenddessen bereitet Anna in der uhrig eingerichteten Wohnküche das Abendessen vor. Es gibt Kaspressknödel mit Salat.

Gegen neun Uhr endet der Tag auf der Alm. Wenn Marianne allein hier oben ist, fängt ihr Tag um halb vier an. Jetzt, wenn sie Unterstützung hat, dann leistet die es sich, „erst“ gegen halb fünf aufzustehen. In jedem Fall ist es ein langer und anstrengender Tag auf einer Käserei-Alm. Aber Marianne ist das nicht anzusehen. Sie ist immer gut gelaunt. Böse Worte haben offensichtlich keinen Platz in ihrem Wortschatz gefunden.

 

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