Tag 33: Was mich mit Schmugglern und Huren verbindet

Sa. 11. Juli 2015, von der Jaidbachalm zur Birnlückenhütte

 

Krimmler Kees
Krimmler Kees
Der Gletscher dominiert das ganze obere Tal.
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In aller Früh ist Toni heute gekommen, Mariannes Mann. Er betreibt unten im Tal eine erfogreiches Bauunternehmen für Hoch- und Holzbau und ist darüber hinaus spezialisiert auf Bauhandwerkskunst und Renovierungen historischer Gebäude. Die Wochenenden verbringt er nach Möglichkeit hier oben, um seiner Frau nah zu sein, aber auch, um ihr bei der schweren Arbeit zu helfen. Leider reicht unsere Begegnung nur für ein Hallo und Aufwiedersehen, ich hätte Toni gerne besser kennengelern. Doch um Acht Uhr ist die Zeit gekommen, mich von Marianne und Anna zu verabschieden. Das erste Mal wird mir bewusst, dass ich durch das Bergpilgern nicht nur viele neue Menschen kennenlerne, sondern im nächsten Moment diese neuen Verbindungen auch schon wieder wieder zerreiße. Auf Dauer wäre so ein Vagabundenleben nichts für mich, so können sich ja kaum Freundschaften entwickeln.

 

Von Schmugglern und Huren

Während die Morgensonne den Krimmler Kees-Gletscher bereits in gleißendes Licht hüllt, ist es im  Tal noch schattig und recht frisch. Doch je weiter ich an das Ende des Tals vorstoße, desto wärmer wird es.

Ob ich heute Probleme bekomme, auf der Birnlückenhütte einen vernünftigen Schlafplatz zu bekommen? Auf der benachbarten Warnsdorfer Hütte ist es in jedem Fall voll, sagte mit der dortige Hüttenwirt, da die Bergwacht heute mit einer Gruppe zur Ausbildung dort sein wird. Auf der Birnlückenhütte habe ich mal wieder nicht angerufen. Diese Hütten haben während der Öffnungszeiten immer offen. Und ein einzelner Wanderer wird wohl immer irgendwo unterkommen.

Nach einer Weile kommt mir ein älterer Herr von oben entgegen. Wir unterhalten uns ein wenig. Es stellt sich heraus, dass er aus dem Nachbartal stammt und das schöne Wetter für eine Zweitages-Tour nutzt. Ich finde diese Fünf-Minuten-Unterhaltungen mit Einheimischen immer wieder schön. Sie zeigen mir, dass diese Menschen sich für mich und meine Geschichte interessieren. Denn dass ihnen da einer entgegenkommt, der nicht in die üblichen Schubladen zu stecken ist, sieht man mir offensichtlich schon von weitem an. Im Gegenzug erhalte ich wiederum kleine Einblicke in das Leben Einheimischer.

Auch wenn der Aufstieg zur Birnlücke, dem Übergang von Österreich nach Italien, es in sich hat, ich gehe wie ein Uhrwerk – langsam aber mit gleichbleibender Geschwindigkeit. Hinter mir sehe ich zwei Personen. Sie sind schneller als ich, doch dann müssen sie eine Pause machen und schon fallen sie wieder zurück. Kurz vor dem Joch holen sie mich endgültig ein. Anerkennend erzählen sie mir, dass sie schon seit zweieinhalb Stunden versuchen, mich einzuholen. Das erfüllt mich mit Stolz, denn wenn die beiden auch zehn Jahre älter sind als ich: die sehen gut durchtrainiert aus und tragen nur leichte Tagesrucksäcke. Ich komme offensichtlich langsam in Form!

Auf dem Joch steht ein Kreuz. Der Mann steckt dem Jesus an diesem Kreuz zwei Blüten an. Er erzählt mir, dass sein Vater dieses Kreuz aufgestellt hat und es deshalb für ihn eine wichtige Erinnerungsstätte ist. Das ergreift mich so sehr, dass ich ihn, den Sohn des Mannes, der das Kreuz vor einem halben Jahrhundert hier aufgestellt hat, bitte, mich vor eben diesem Kreuz zu fotografieren.

Ich frage ihn, wie es dazu kam, dass sein Vater dieses Kreuz aufgestellt hatte. Er holt mit seiner Antwort weit aus. Ich komme in den Genuss eines viertelstündigen Vortrages über die Schmuggler und Schmugglerwege. Der Übergang über die Birnlücke war solch ein Schmuggelweg. Seinen Ausführungen nach wurde nicht nur Taback, Alkohol und Drogen geschmuggelt, auch Vieh und sogar Kinder und Menschen wurden geschmuggelt! Da die Menschen früher viel schlechtere Kleidung hatten, sind hier oben viele Menschen ums Leben gekommen, sei es durch einen der berücktigten Wetterstürze oder im Winter in Schnee und Eis. Den Soldaten, die in Sichtweise in dem Zollhaus Krimmler Tauernhütte ihren Dienst verrichteten, wurden demnach extra Freudenmädchen hochgebracht.

Nach der viertel Stunde habe ich zwar jede Menge spannender Geschichten mehr im Gepäck, was aber sein Vater mit all dem zu tun hat, das habe ich leider nicht herausbekommen, denn die Beiden wollen weiter, um bei der Birnlückenhütte etwas zu essen. Anschließend gehen sie den Weg wieder zurück. Unten am Anfang des Aufstiegs liegen ihre Fahrräder, mit denen sie wieder zurück nach Krimml fahren werden. Ich hingegen möchte noch einen Moment Aussicht und Ruhe hier oben genießen und bleibe noch sitzen.

Eine Dreiviertelstunde später komme auch ich an der Birnlückenhütte an und setzte mich zu den beiden an Tisch. Wir unterhalten uns noch lange, bevor sie wieder aufbrechen müssen.

 

Beurteile den Baum nicht nach seiner Rinde!

Die Hütte ist – es war an einem sonnigen Samstag in der Hochsaison nicht anders zu erwarten – ziemlich voll. Da ich nicht reserviert hatte, muss ich noch eine Weile warten, bevor ich dann ein erstaunlich guten Platz bekomme: das Sechser-Zimmer teile ich mir mit dem Sohn des Wirtes und drei Bergsteigern. Glück gehabt! Es kam nämlich eine große Gruppe Italiener an, und mein Vorurteil besagt, dass Italiener, wenn sie im Rudel auftreten, recht laut sind.

Apropos Vorurteil: ich könnte mich selbst mal wieder ohrfeigen, denn eigentlich möchte ich Menschen nicht (mehr) nach ihrem ersten äußeren Eindruck hin (vor-) verurteilen. An der Bank neben mir sitzt ein Pärchen. Ich mustere sie kurz von oben bis unten und sofort sticht mir ihre helle, sonnengerötete Haut ins Auge, die durch reichlich frisch aufgetragener Sonnenmilch nun hellrosa schimmert. Reflexartig stecke ich sie in die Schublade „unerfahrene Touristen“.

Als ich mein Päckchen Karten und Führer raushole um meine morgige Route anzuschauen, spricht mich eines der Bleichgesichter an: „Na, das sieht auch nach was größerem aus!“ Da war ein Wörtchen, das nicht zu meinem Vorurteil passen möchte! Warum AUCH? Skeptisch gehe ich auf den Kontaktversuch ein und reise knapp meine Geschichte an. Und dann kommt die Klatsche: wir machen gerade unsere zweite Alpenüberquerung! Bums, das sitzt. Von wegen unerfahrene Touristen. Mit diesem Satz ist das Eis gebrochen und wir hängen den Rest des Tages zusammen rum. Die Beiden haben schon deutlich mehr auf dem alpinem Kerbholz als ich! Mit schlechtem Gewissen nehme ich mir erneut vor, vorsichtig mit Vorverurteilungen zu sein!

Wir verbringen den Nachmittag und Abend gemeinsam beim Erzählen und Erfahrungen austauschen, wobei ich neidvoll erkennen muss, dass die Beiden über wesentlich mehr Erfahrung verfügen als ich!

Die Italiener-Gruppe ist tatsächlich recht laut. Somit hat sich dieses Vorurteil bestätigt, wobei man da ja fast schon von einer soziologischen These reden kann. Während sie noch bis in die Hüttenruhe hinein Halli-Galli machen, verziehe ich mich schon früh in mein Bett. Die Nacht endet früh, da wir vom Wirt aus organisatorischen Gründen schon um 6:30 zum Frühstücken eingeteilt sind, offensichtlich hat er nicht so viele Plätze wie Gäste. Außerdem wird Morgen wird wieder ein anstrengender Tag!

 

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