Tag 34: Berauscht

So. 12. Juli 2015, von der Birnlückenhütte nach Kasern im Ahrntal

 

Ein schöner Tag
Ein schöner Tag
Doch zum Abend hin soll es lokale Gewitter geben, wo auch immer das sein wird.
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Obwohl ich schon kurz nach sechs Uhr mit fertig gepacktem Rucksack runtergehe, sitzt da schon ein Mann in meinem Alter. Ich bin überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit und Neugier ich mich inzwischen zu anderen hinzusetze. Diese Begegnungen sind für mich inzwischen zu einem festen und wichtigen Bestandteil meiner Wanderung geworden.

Es stellt sich heraus, dass ich einem Exil-Südtiroler gegenüber sitze, der aber offensichtlich schon länger in München lebt, jedenfalls schließe ich darauf, da er ein astreines Hochdeutsch spricht. Wir werden heute offensichtlich den gleichen Weg gehen, nämlich den Lausitzer Weg. Kurze Zeit später gesellt sich noch sein Freund dazu, ein älterer Herr, der leider nur Italienisch spricht.

 

Jeder Rauschzustand hat ein ernüchterndes Ende

Mich hält es nicht mehr länger auf der Hütte, was nicht nur an dem wunderschönen Wetter liegt, das allerdings heute Abend im Gewitter enden soll. Zugegebenermaßen habe ich vor der Etappe heute auch großen Respekt. Zum einen ist sie sehr lang und ich weiß noch nicht, wo ich heute Abend übernachten kann. Meine Wunsch-Alm hat leider heute keinen Platz für mich. Ich werde also unterwegs entscheiden, ob ich einen früheren Abstieg wähle oder nicht. Zum anderen sagt mein Alpenvereinsführer, dass der Lausitzer Weg selten vor Ende Juli begangen werden kann. Der Hüttenwirt ist jedoch der Meinung, dass ich das machen kann. Mal sehen, wer Recht haben wird.

Was dann kommt, ist eine Achterbahn der Gefühle! Der Lausitzer Weg führt mehr oder weniger konstant auf 2500 Höhenmetern am Südhang des Ahrntals entlang. Häufig geht es durch Blocksteinfelder. Damit man nicht von einem zu dem nächsten der teilweise auto-großen Blöcken springen muss, haben viele Freiwillige der Sektion Lausitz (1904) und der Sektion Sand in Taufers (in den 1970ern) mit kleineren Steinen so etwas wie einen Weg geschaffen, wobei die kleineren Steine immer noch häufig die Größe eines Sofatisches haben. Solche Wege sind aber genau das, wonach mir ist! Hier bin ich so eins mit der rauhen Natur wie selten. Ich fühle mich gerade wie im Siebten Himmel! Es ist wahrscheinlich die schönste Etappe seit Salzburg!

Nach einer Weile kommt mir ein älterer Mann mit Hund entgegen. Er ist auf der Suche nach seinen Ziegen, doch außer Ziegenkot kann ich ihm leider nichts über den Verbleib seiner Tiere sagen. Er erkundigt sich nach meinem Woher und Wohin und nach einigen Minuten verabschieden wir uns wieder, ausgestattet mit den Guten Wünschen des anderen.

An der Krimmler-Tauern-Hütte mache ich das erste mal Rast. Leider wird diese Hütte nicht bewirtschaftet, da sie Gegenstand eines Streites zwischen der autonomen Provinz Südtirol und den Italienischen Zollbehörden ist. Ein Jammer! Ich bin gerade dabei, mich wieder aufbruchfertig zu machen, als meine beiden Italienischen Kammerade auftauchen. Ich bleibe noch ein wenig, bevor ich aufbreche. Ich frage mich, ob wir uns noch mal sehen werden?

Immer noch springe ich wie berrauscht von Stein zu Stein. Doch das Gehen in diesen unwegsamen Steinfeldern fordert nach drei Stunden seinen ersten Tribut. Das erste mal seit längerem macht sich meine alte Verletzung im Sprunggelenk bemerkbar. Kein Wunder, da jeder Schritt anders verläuft und von den Sprunggelenken viel Ausgleichsarbeit abverlangt wird. Da hilft nur eine weitere Pause, dich ich nach fünf Stunden kurz unterhalb des Heilig-Geist-Jöchl einlege. Diese Pause nutze ich, um meinen weiteren Weg zu bestimmen. Wenn ich weiter hier oben bleiben möchte, werde ich noch mindestens sechs bis sieben Stunden rechnen müssen. Das traute ich mir und meinem Füßen nicht zu unt entscheide mich, die Abstiegsmöglichkeit von hier zu nutzen und in Kasern eine Unterkunft zu suchen.

 

Unverhofft kommt oft

Nach gut 500 Höhenmetern Abstieg setzte ich mich in den einzigen Schatten, den eine Alm wirft und gönne mir eine Pause. Ich bin gerade dabei, meine Schuhe wieder anzuziehen, als zwei Wanderer in meine Richtung kommen. Als sie näher kommen erkenne ich sie wieder: es sind dei beiden Italienischen Freunde! Wir haben beide nicht mehr daran geglaubt, dass wir uns noch mal begegnen werden. Sie nicht, da sie fälschlicherweise dachten, ich wäre nach unten gegangen, ich nicht, da ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe und ebenfalls davon ausging, dass sie schon bei der Krimmler-Tauern-Hütte abgestiegen sind.

In jedem Fall freuen wir uns, uns noch mal getroffen zu haben und gehen die restlichen 400 Hühenmeter gemeinsam runter. Am großen Parkplatz in Kasern trennen sich dann endgültig unsere Wege. Ich mache mich auf die Suche nach einer Bleibe und habe Glück: gleich mein erster Versuch ist erfolgreich!

Meine Schuhe kann ich für heute endgültig ablegen. Doch mein kaputtes Sprunggelenk pocht vor Schmerzen. So schlimm war es auf dieser Tour noch nie. Hoffentlich legt sich das bis morgen früh wieder!

 

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