Tag 35+36: Die Schattenseiten des Pilgerdaseins

Mo. 13. Juli 2015, von Kasern nach St. Martin

Langeweile
Langeweile
Vor lauter Langeweile schaffe ich mir meine eigenen Motive.
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Leider gibt es keinen durchgängigen Höhenweg durch das Ahrntal. Deshalb steht heute eine Transit-Etappe an, die mich an den Anfang des Tals bringen soll. Da Bus & Co. ja nicht zulässig sind, bleibt mir wohl oder übel nichts anderes übrig als in Kauf zu nehmen, an der Straße entlanglaufen zu müssen.

 

Augen zu und durch!

Da ich über den Stabeler Höhensteig und den Neveser Höhenweg zum Pfunderer Höhenweg gehen möchte, ist mein Plan, heute möglichst nahe an den Anfang des Aufstiegs zu dem Stabeler Höhensteig zu kommen, also St. Johann. Dort hoffe ich, ein Zimmer zu finden. Ich muss mal wieder einen Tag Pause machen, um meinem kaputten Sprunggelenk Ruhe zu gönnen und kann gleichzeitig meinen Blog auf Stand bringen.

Heute Morgen regnet es, doch die Wettervorhersage verspricht, dass es ab Vormittag trocken sein soll. Deshalb beschließe ich, trotz Regens loszugehen, schließlich erwartet mich ein langer Weg, nicht so viele Höhenmeter aber ordentlich Strecke, ein größerer Teil davon wahrscheinlich auf Teerstraßen, die meine Füße überhaupt nicht mögen. Während ich vor meinem Hotel meinen Rucksack regendicht verpacke, ernte ich fragende Blicke der restlichen Hotelgäste, für die es offensichtlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, im Regen zu wandern. Ich hingegen bin froh, diesem Biedermeier-Muff entfliehen zu können.

Für die ersten Kilometer finde ich einen schönen Höhenweg. Er führt mich an dem St.-Nikolaus-Stollen vorbei durch schöne luftige Wälder. Doch ab Prettau führt mein Weg über die Straße. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn einen Gehweg gibt es hier nicht. Da muss ich durch, ob ich will oder nicht. Ich drücke mich also eng an die Leitplanke, immer bereit, hinter sie zu springen, sollte mir ein Fahrzeug zu nahe kommen. In Momenten wie diesen verfluche ich mein Gelübde, mich nur mit eigener Körperkraft fortzubewegen. Dann könnte ich den Bus nehmen und eine gute halbe Stunde später am anderen Ende des Tals entspannt aussteigen. Aber nein, es muss ja unbedingt Pilger-konform sein.

 

Pietätloser Fauxpas

Nach sieben Kilometer kommt dann die Erlösung! Es gibt wieder einen Fußweg, der weiter oben dem Talverlauf folgt. Ade‘ Busse und LKW’s! Durch Wiesen und Wälder komme ich so gemütlich bis zur Kirche von St. Peter.

Von da aus folge ich dem Weg in’s Dorf. Ich muss unbedingt meine Vorräte an Blasenpflastern und Tapebändern auffüllen, sonst schaffe ich es nicht bis nach Sterzing. Seit ich eine bestimmte Kombination aus Blasenpflaster und Tapen herausgefunden habe, gibt es auch keine Probleme mehr mit meinen Blasen. Doch leider hat der Supermarkt nur Blasenpflaster einer Marke, mir der ich in Punkto Tapeband schon reingefallen bin. Gemäß dem Motto ‚Never change a winning team‘ möchte ich keine neue Marke ausprobieren, aber vorsorglich nehme ich dennoch zwei Packungen mit, wer weiß, ob ich die guten von Comped hier überhaupt bekommen werde.

Weiter geht es nach St. Jakob. Es ist für mich Pflicht und Freude zugleich, in dem Ort einen Stop einzulegen, der den gleichen Namen wie unser Hund trägt.

Hinter St. Jakob sehe ich in der Ferne eine Prozession auf mich zukommen. Sie wird von einem Jungen angeführt, der ein Kreuz trägt, das so groß ist wie er selbst. Ich bereite meine Kamera vor und mache die ersten Bilder, als ich irritiert feststelle, dass an dem Kreuz das Bild eines jungen Mannes befestigt ist, darunter das Geburts- und Sterbedatum. Mein Blick schweift weiter nach hinten und bleibt bei einem Pferdefuhrwerk hängen. Schockiert entdecke ich einen Sarg! Das ist gar keine Prozession, schießt es mir durch den Kopf, das ist eine Beerdigung! Jetzt verstehe ich die ernsten Mienen ader Menschen in dem Tross. Verschämt packe ich gut sichtbar meine Kamera weg, schließlich ist es nicht meine Absicht, mich an den schweren Stunden dieser Menschen zu ergötzen.

 

Langsam werde ich zur Sensation

In Steinhaus gibt es wieder einen Supermarkt und somit wieder eine Chance, meine Blasenpflaster zu bekommen. Doch der Laden macht erst in in zwanzig Minuten auf. Das nehme ich als Wink des Schicksals auf und mache eine Pause. Zwanzig Minuten später ist klar: hier werde ich auch nicht fündig.

Weiter geht es auf einer Nebenstrecke nach St. Johann. Doch auch hier bekomme ich mein Anti-Blaen-Material nicht. „Aber im Nachbarort gibt es eine Apotheke, ist auch nicht weit“, erfahre ich von dem Supermarkt-Inhaber. Ein Blick auf die Karte sagt mir, dass „nicht weit“ sechs Kilometer entfernt ist und für meinen Aufstieg zu weit wäre.

Also konzentriere ich mich erst mal auf die Suche nach einer Unterkunft. Denn inzwischen bin ich seit neun Stunden unterwegs und freue mich sehnlichst darauf, meine Füße hochlegen zu können. Mein erster Versuch scheitert, ab morgen könne er mir was anbieten. Ich lehne dankend ab und setze mich auf eine Bank. Über Google Maps recherchiere ich nach Unterkünften, die für mich taktisch günstig liegen. Das erst beste rufe ich an – und habe Glück! Ich kann dort für zwei Nächte bleiben. Zwei Kilometer später bin ich an meinem heutigen Ziel!

Als der Hotelchef die Kurzfassung meiner Geschichte hört, kann er es kaum fassen und will diese Neuigkeit sofort seiner Frau und seinen Kindern erzählen, die selbst viel in den Bergen unterwegs sind.

Ich für meinen Teil will nach dem Abendessen nur noch ins Bett!

 

Di. 14. Juli 2015, Pause in St. Martin

Heute Vormittag gehe ich nach Luttach zur Apotheke. Hier bekomme ich Gott sei Dank alles Wichtige! Dann haben sich die vier Kilometer ja gelohnt!

Anschließend rufe ich meine Schwester an. Sie will einen neuen Versuch unternehmen, mich zu besuchen. Diesmal alleine, weil mein lieber Schwager sich bei einer Bergtour am Wochenende den großen Zehen ramponiert hat. Es tröstet mich, dass so was auch erfahrenen Bergsteigern passiert! Ich gebe ihr meine Pläne der nächsten Tage durch und wir vereinbaren, dass wir uns am Freitag auf der Chemnitzer Hütte treffen. Alles weitere werden wir dort beschließen, abhängig von Wetter, Verfassung und Lust.

Mittags bekomme ich das Notebook des Hauses. Das ist perfekt, denn es ist wesentlich einfacher, meine Blogeinträge am Computer zu erstellen als über das Smartphone. Außerdem ist es höchste Zeit, von meinen Fotos Sicherungskopien anzufertigen. So vergeht die Zeit im Flug. Um Mitternacht bin ich mit allem fertig, doch freischalten werde ich die neuen Berichte erst morgen früh, dann kann ich mit frischem Kopf noch mal über alles schauen.

An dieser Stelle möchte ich mich mal bei meiner lieben Bianca bedanken, die meine Texte immer gegenliest und die gröbsten Fehler ausmerzt!

 

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