Tag 37: Mit Taktik und Geduld ans Ziel

Mi. 15. Juli 2015, von St. Martin zur Schwarzensteinhütte

 

Leben
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Noch bin ich weit unten, wo das Leben sich entfalten kann
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Nach dem Tag Pause bin ich wieder hochmotiviert, weiterzuziehen. Die alte Verletzung an meinem linken Sprunggelenk hat sich auch wieder beruhigt, also steht neuen Abenteuern nichts im Wege. Doch ich bin mir überhaupt nicht sicher, was ich heute machen soll! Am liebsten möchte ich hoch auf die Schwarzensteinhütte. Da gibt es aber zwei große Fragezeichen. Zum einen liegt die Hütte auf 2922 Metern. Das macht 1900 Höhenmeter Aufstieg von St. Martin aus. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das packen werde. Das viel größere Problem ist allerdings das Thema Schwierigkeit. Für die letzten dreihundert Höhenmeter gibt es zwei Aufstiegsvarianten. Variante eins beinhaltet einen Klettersteig. Da ich meine Klettersteig-Ausrüstung nach Hause geschickt habe, um meinen Rucksack zu erleichtern, scheidet sie aus. Da bliebe nur noch Variante zwei. Die führt über einen kleinen, schneebedeckten Gletscher, weiter oben gibt es seilversicherte Passagen und eine Leiter. Die Frage ist, ob ich mir das zutraue!

 

Ein tauber Oberschenkel weckt mein schlechtes Gewissen

Der Hüttenwirt war am Telefon sehr reserviert, als ich nach den Eigenschaften beider Wege fragte. Er hat immer nur darauf verwiesen, dass es absolutes hochalpines Gelände sei und ich selbst wissen müsse, was ich mir zutraue. Damit war er mir keine große Hilfe. Der Hotelchef meint, wenn ich schwindelfrei bin, dann empfiehlt er mir den Klettersteig.

Ich überlege hin und her, doch trotz allen Abwägens komme ich zu keiner Entscheidung. Statt dessen tue ich, was ich während meiner Tour schon öfter erfolgreich getan habe: ich verschiebe die Entscheidung auf einen Zeitpunkt, der der Sache gerechter wird. Das bedeutet, ich gehe erstmal bis zur Daimerhütte, die liegt ungefähr auf der Hälfte der Strecke. Dort kann ich erstmal darüber entscheiden, ob ich heute überhaupt noch weitergehen möchte.

So schalte ich wieder meinen Uhrwerks-Modus ein und arbeite mich Schritt für Schritt nach oben. Nach einer Stunde holt mich langsam aber unaufhaltsam ein Italiener ein. Mangels Überschneidung unserer Sprachkenntnisse kann leider kein richtiges Gespräch entstehen und so zieht er langsam von dannen. Als ich eine halbe Stunde später eine Pause einlege, ist von dem Italiener nichts mehr zu sehen.

Irgendwann fällt mir im rechten Oberschenkel ein Taubheitsgefühl auf. Beim Anfassen merke ich, dass der Muskel sehr hart ist. Nicht so, wie sich ein gut trainierter Muskel anfühlt sondern total verkrampft! Da fällt mir siedend heiß und mit viel schlechtem Gewissen ein, was mir meine beiden Trainer Erich und Kolja eingetrichtert hatten: ich soll immer vor und nach einer Tour meine Muskeln dehnen! Zugegeben, diesen guten Rat hatte ich aus den Augen verloren. Also probiere ich es gleich mal aus. Schmerzen durchströmen meinen Oberschenkel als ich den Unterschenkel mit der Hand zum Gesäß ziehe. So schlimm fühlte sich das damals beim Training nicht an. Nach dreißig Sekunden lasse ich los und tatsächlich: das Taubheitsgefühl ist weniger geworden. Ich nehme mir vor, nun regelmäßiger daran zu denken, wenigstens die wichtigsten Dehnungsübungen zu machen.

 

Nur das eigene Urteil zählt

Nach 2:40 Stunden habe ich die 900 Höhenmeter bis zur Daimerhütte geschafft. Ich werde herzlich von der Almerin und einer jungen Frau begrüßt, die zu Besuch da ist. Da ich der einzige Gast bin, kommen wir schnell ins Gespräch. Ich möchte gerne wissen, wie schwer es ist, auf die Schwarzensteinhütte zu kommen. Ich fühle mich noch fit und hätte schon Lust, weiter zu gehen. Die Almerin rät mir, über den schneebedeckten Gletscher zu gehen, da er keine Spalten hat und für Höhenunverträgliche wie mich leichter sei. Ein Bekannter von den Beiden geht aus genau diesem Grund auch immer diesen Weg, auch wenn er länger ist und das Gehen im Schnee wesentlich mehr Kraft verschlingt.

Als sie mir versichert, dass ich heute Abend in jedem Fall bei ihr übernachten könne, beschließe ich, hoch zum Gletscher zu gehen und mir die Sache aus der Nähe anzuschauen. Und wenn es mir mißhagt, kann ich jederzeit wieder zur Daimerhütte absteigen.

Zufrieden mit dieser Lösung mache ich mich nach einer ausgiebigen Pause wieder auf den Weg. Ca. Dreihundert Meter vor dem Schneefeld kommt mir ein wesentlich älteres Paar entgegen, die gerade den Weg abgestiegen sind, den ich mir anschauen will. Er schimpft über den Weg wie ein Rohrspatz. Die Worte, die er zur Beschreibung der Route benutzt, kann ich hier leider nicht wiedergeben. Seiner Frau hingegen hat die Route offensichtlich sehr gemundet, denn sie ist ganz hin und weg. Tja, so subjektiv können Wegbeschreibungen sein.

Deshalb mache ich mir jetzt mein eigenes Bild! Nach den ersten Schritten im Schnee ist klar, er ist recht aufgeweicht, so dass ich gut ohne Steigeisen gehen kann. Die gut achthundert Meter über das zuletzt 35° steile Schneefeld erweisen sich für mich schon mal als machbar. Jetzt steht mir der letzte Abschnitt bevor. Es geht über Felsen, die im Laufe von Jahrtausenden vom Gletscher glattgeschliffen wurden. Die Seilversicherung ist in jedem Fall sehr hilfreich, Höhenangst kommt aber keinen Moment lang auf. Selbst die Leiter macht mir keinen Kummer, obwohl ich seit meinem Unfall mit Leitern etwas auf Kriegsfuß stehe. Die letzten vierhundert Meter geht es über ein Blockfeld. Und dann ist es soweit: was ich heute Morgen noch für unmöglich hielt, habe ich tatsächlich geschafft. Ich bin heute 1900 Höhenmeter über Gletscher und Leiter zur Schwarzensteinhütte aufgestiegen. Meine Strategie, mich nicht schon im Vorfeld verrückt zu machen, sondern die Dinge auf mich zukommen zu lassen, ist aufgegangen. Von nahem betrachtet sind die Dinge nämlich oft nicht mehr so schlimm wie sie von weitem scheinen.

 

Von Gämsen, die Schlitten fahren

Wieder werde ich sehr nett begrüßt, diesmal von einer Mitarbeiterin. Ich habe nie nach ihrem Namen gefragt, deshalb nenne ich sie Claudia.

Hier hoch kommen nicht die typischen Tagesausflügler. Wer hier nur für den Tag hochkommt, startet meist vor oder bei Sonnenaufgang, geht zügig hoch über die Gletscher auf den Gipfel, hält auf dem Rückweg vielleicht auf ein Bier an der Hütte an und steigt dann ebenso zügig wieder ab ins Tal.

Folglich bin ich zur Zeit der einzige Gast, weshalb ich mich mit Claudia sehr lange unterhalte. Sie lebt unten im Tal. Als pensionierte Lehrerin arbeitet sie die drei Monate, während die Hütte offen hat, hier oben, weil es ihr so gut gefällt. Sie liebt die Ruhe und Abgeschiedenheit hier oben. Nur selten, wenn es sein muss, geht sie runter ins Tal. Für sie ist das hier ihre Auszeit vom Alltag.

Nach zwanzig Minuten normalisiert sich meine Atmung langsam wieder. Ich bin zwar recht gut akklimatisiert, aber die Anstrengungen der letzten Stunden auf dieser Höhe kann ich dann doch nicht mehr so schnell wegstecken. Nachdem ich mich regeneriert habe, beschließe ich, noch etwas weiter hoch zu steigen. Bis zum Schwarzenstein-Gipfel werde ich heute nicht kommen, da oben große Gletscherspalten sind. Sie sind zwar mit Leitern präpariert und viele gehen offensichtlich ohne Sicherung darüber, für mich kommt das aber nicht in Frage. Ich packe nur die notwendigsten Dinge wie Trinkblase und warme Kleidung in Rucksack und gehe einfach so weit ich kann. Es ist ein echter Genuss, mit einem so leichten Rucksack loszuziehen! Da wird mir bewusst, wie jedes Kilo Gewicht auf dem Rücken zu einer zusätzlichen Belastung wird.

Bevor ich los gegangen bin, habe ich mir ausgerechnet, wann ich umkehren sollte. Dieser Zeitpunkt ist bereits überschritten, weshalb für mich heute fünfzig Meter unterhalb des 3235 Meter hohen Felsköpfl Schluss ist. Total zufrieden mit meinem Tag, kehre ich pünktlich zum Abendessen zurück. Allerdings merke ich jetzt auch die 2200 Höhenmeter, die ich heute überwunden habe.

Auf einmal ruft mich Claudia nach draußen. Sie hat zwei Gämsen entdeckt. Recht weit weg, aber man kann die gut beobachten. Sie erzählt mir, dass die Gämsen gerne auf dem Gletscher spielen. Offensichtlich zum Abkühlen rutschen sie an heißen Tagen mit ihrem Hinterteil den Gletscher runter, erzählt sie mir. Das muss ein Bild der Götter sein, das mir heute aber leider verwehrt bleibt.

Die drei weiteren Gäste, die sich angemeldet hatten, sind nicht mehr erschienen, weshalb ich heute mal wieder der einzige Übernachtungsgast bin. Früh gehe ich ins Bett und schlafe im nächsten Augenblick auch schon ein.

 

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