Tag 38: Alles hängt von meiner mentalen Stärke ab

Do. 16. Juli 2015, von der Schwarzensteinhütte zur Chemnitzer Hütte

 

Morgennebel
Morgennebel
Noch sind die Nebelfahnen schöner Schmuck am Berg. Später werden sie mir wieder mal die Sicht nehmen.
« 1 von 14 »

 

Hier oben habe ich doch tatsächlich Netzempfang, sogar Internet! Wer hätte das gedacht. Allerdings ist dieses Glück erfahrungsgemäß von kurzer Dauer. Also beeile ich mich, aktuelle Wetterdaten abzurufen. Die sagen vorher, dass morgen Nachmittag mit Gewittern zu rechnen ist. Eigentlich wollte ich mich hier oben mit einem Tag Pause belohnen, vorausgesetzt ich mache den Aufstieg in einem Tag. Da aber die Etappe zur Chemnitzer Hütte eine sehr lange und anstrengende sein soll, beschließe ich, doch schon heute zu gehen, auf Gewitter in diesen Höhen habe ich nun wirklich keine Lust!

 

Mein erster Sturz

Bereits um 7:30 Uhr breche ich auf, gut gestärkt von einem kräftigen Frühstück und leckerem Kaffee. Hier auf italienischem Boden erhält man zum Kaffee heiße Milch! Viva l’Italia, auch wenn das die Südtiroler nicht so gerne hören. Da können die Gastronomen der restlichen Welt sich eine Scheibe von abschneiden!

Durch die Kletterpassage komme ich zügig hindurch und nach dreißig Minuten stehe ich auf dem Schneefeld. Die ersten Schritte gehen gut, und so mache ich mich auf den Weg. Kurze Zeit später wird es steiler und ich merke, dass das Schneefeld über Nacht wieder hart gefroren ist und ich zu rutschen anfange. Vorsichtig steuere ich einen Felsen an. Ich hoffe, dort einen guten Stand zu finden, um meine Steigeisen anzulegen. Wie ein Schießhund achte ich auf jeden Handgriff. Denn zwischen Stein und Schnee ist wie so oft ein Spalt weggeschmolzen, der hier locker zwei Meter tief ist. Wenn mir da was reinfällt, komme ich nicht mehr ran.

Ausgerüstet mit meinen nagelneuen Steigeisen, fühle ich mich wie ein Gecko, so guten Halt habe ich im harten und glatten Schnee. Zügig komme ich voran, bis ich auf einmal rechts mein Steigeisen verliere. Das sollte nicht passieren! Dabei habe ich sie zuhause sorgfältig auf meine Schuhe eingestellt. Also wieder ran an den Schuh und weiter geht’s. Ich quere gerade den letzten Abschnitt als ich plötzlich stürze. Nach einer Schrecksekunde drehe ich mich reflexartig, wie ich es gelernt habe, auf den Bauch und bremse mit Händen und Füßen, so dass ich nach fünf Metern zum Stehen komme. Ein Blick zu meinen Füßen bringt die Auflösung: das Steigeisen hat sich wieder verabschiedet. Da muss ich unbedingt nachschauen, so geht das nicht! Für eines war dieser Ausflug dann doch gut: ich sollte bei größeren Schneefeldern immer Handschuhe und lange Kleidung tragen, auch wenn es noch so warm ist. Durch das permanente antauen und wieder gefrieren ist der Schnee ein reinstes Reibeisen. Schon von den fünf Metern Rutschen ist mein linker Unterarm krebsrot! Ich möchte mir gar nicht ausdenken, wie viel von der Haut noch überbleibt, wenn die Rutschpartie mal über mehrere zig Meter geht!

 

Wenn Riesen mit Felsen würfeln

Nach gut einer Stunde stehe ich an der Abzweigung zum Stabeler Höhensteig. Meine Rechnung ist also aufgegangen. Ich dachte mir nämlich, dass es taktisch klüger sei, die vierhundert Höhenmeter von der Schwarzensteinhütte zum Stabeler Höhensteig abzusteigen als über sechshundert Höhenmeter von der Daimerhütte aufzusteigen.

Ich werde heute vier kesselförmige Tal-Enden durchlaufen und somit drei Bergkämme überschreiten müssen. In der Literatur wird er mit einer reinen Gehzeit von sieben Stunden beschrieben. Wenn ich meine Stunde Abstieg und zwei Stunden Pause dazurechne, kann ich mich auf einen langen Tag gefasst machen!

Kaum bin ich zehn Minuten auf dem Stabeler Höhensteig unterwegs, zeigt dieser sein wahres Gesicht. Allmählich wird mir auch der Unterschied zwischen Spaziergang (Pinzgauer Spaziergang) und Höhenstieg klar. Was hier auf mich wartet, hat mit dem Pinzgauer Spaziergang überhaupt nichts mehr gemeinsam! Der Weg führt durch Blockfelder. Es ist, als habe ein Riese ganz viele kleine – für uns aber riesige – Steine verstreut. Teilweise sind diese Felsen zimmergroß, meistens tischgroß, gelegentlich haben fleißige Alpenvereins-Helfer die Löcher und Lücken mit türschwellengroßen Steinen aufgefüllt, damit das Gehen etwas leichter geht. Häufig aber sind die rot-weißen Markierungen das einzige, was einem die Richtung weist. Seinen Weg muss dann jeder selbst suchen. Es weckt zwar in mir das Kind im Manne, von Felsblock zu Felsblock zu springen, auf Dauer ist es aber eine kräftezehrende Angelegenheit. Zu allem Überfluss kommen Wolken vom Tal hoch und schränken meine Sicht mal wieder stark ein.

 

Ich werde zum Stalking-Opfer

Um zehn Uhr komme ich auf dem ersten Übergang, dem ZuTörla, an. Irgendwelche fleißigen Menschen haben sich die Mühe gemacht, eine Bank hier hoch zu tragen. Ich finde, so viel Mühe muss gewürdigt werden, weshalb ich an dieser luftigen Stelle eine Pause einlege. Und während ich so dasitze, bricht langsam der Himmel auf.

Auf Höhe der Mausefälle sehe ich eine Herde Schafe. Und die entdecken mich! Sie sind völlig verzückt, einen Menschen zu Gesicht zu bekommen. Wie auf Kommando stürmen dreißig oder mehr Schafe von allen Seiten auf mich zu. Normalerweise sind Schafe ja nun wirklich kein Grund, nervös zu werden. Aber die rudelhafte Entschlossenheit dieser Herde bringt mich dann doch kurzzeitig aus dem Konzept! Völlig unnötig, wie sich herausstellt. Denn die kleinen wollen doch nur spielen! Als hätten sie sich seit Monaten einen Menschen herbeigesehnt, umringen sie mich, schnuppern und knabbern meinen Rucksack an. Wahrscheinlich bringt ihr Schäfer immer Leckereien mit und sie halten mich für ihren Schäfer! Eine gewisse Ähnlichkeit ist tatsächlich nicht zu leugnen. Nachdem ich mit ihnen einer Weile gekuschelt und rumgealbert habe, setze ich zum Weitergehen an. Und meine neuen Freunde gleich mit. Dreißig Schafe im Schlepptau, gehe ich meinen Weg und fühle mich ein wenig wie der Rattenfänger von Hameln. Nach fünfhundert Metern versuche ich, die Wollknäuele abzuschütteln und zurückzutreiben. Schließlich will ich nicht Schuld daran tragen, wenn die Schafe sich in fremdes Revier verirren. Widerwillig, ja man könnte sagen beleidigt, drehen sie sich um. Aber kaum laufe ich weiter, rennen mir wieder alle Schafe nach. Dieses Spiel geht noch sechs, sieben Mal, bevor sie resigniert aufgeben und zurückbleiben.

 

Treffen auf halber Strecke

Während ich so vor mich hingehe, durchbricht ein ungewohntes Geräusch die Stille. Es dauert ein, zwei Sekunden, bis ich es als ein Telefonklingeln identifiziere. Weitere zwei bis drei Sekunden dauert es, bis ich kapiere, dass das mein Handy ist, ist ja weit und breit niemand anderes da! Normalerweise habe ich es aus oder zumindest in Flugmodus gestellt, da ich hier oben mit dem Akku sehr haushalten muss. Auf den Hütten gibt es häufig nur eine oder zwei Steckdosen. Wer da nicht früh ankommt, hat keine Chance, an die heiß begehrte Stromquelle zu kommen. Heute aber habe ich ausnahmsweise mein Handy angelassen, da ich es so mit meiner Schwester Regina verabredet habe. Ich gehe also ran und erfahre, dass auch sie schon einen Tag früher kommt, weil sie mir morgen entgegenkommen will. Um so größer ist ihre Freude, als sie erfährt, dass wir uns schon heute Abend auf der Chemnitzer Hütte treffen werden.

Um 12:30 treffe ich den ersten Menschen auf dieser Strecke, einen jungen Italiener. Da er Englisch kann, unterhalten wir uns bestimmt zehn Minuten lang. Er ist, wie auch ich, um 7:30 aufgebrochen. Wenn wir davon ausgehen, gleich schnell zu sein, dann haben wir nach fünf Stunden genau die Hälfte der Tagesetappe. Das passt zu meiner Hochrechnung von heute Morgen. Aber die Aussicht, noch weitere fünf Stunden von Felsblock zu Felsblock springen zu müssen, hebt nicht gerade unsere Laune! Wir wünschen uns alles Gute und laufen in entgegengesetzte Richtungen davon. Zwanzig Minuten später stehe ich auf dem Schwarzenbachtörl, dem zweiten von drei Übergängen.

Langsam gehen mir die Kräfte aus! Der Stabeler Höhensteig besteht nach meiner Schätzung zu 60% aus Blockfeldern. Heute lerne ich auch den Unterschied zwischen präpariertem und unpräpariertem Weg durch Blockfelder kennen. Hier gibt es außer guten Markierungen nichts, absolut nichts! Während auf dem Lausitzer Weg wenigstens noch zementsackgroße Steine zwischen die tischgroßen Felsen drapiert wurden, gilt es heute, ohne diese Hilfe auszukommen. Das passt meiner alten Verletzung überhaupt nicht! Zu viel Ausgleichsarbeit muss das Sprunggelenk leisten, was es mit aufkeimenden Schmerzen quittiert.

Überhaupt knabbert die stundenlange Geherei im Blockfeld gnadenlos an meinen Energiereserven. Da finde ich es überhaupt nicht witzig, dass ich die Route nach unten hin verlassen muss, um an neues Wasser zu kommen. Bei meinem Sturz heute Morgen habe ich offensichtlich meine PET-Flasche verloren, die ich seit einigen Tagen zusätzlich zu meiner Trinkblase dabei habe. Zum einen kann ich darin meine Mineraltabletten auflösen, das einzige Nahrungsergänzungsmittel, das ich wegen des hohen Wasserverlustes nehme. Zum anderen lässt sich die Flasche einfacher auffüllen, als die Trinkblase. Die steckt über die ganze Länge im Rucksack, weshalb ich ihn jedesmal halb leeren muss, um die Blase wieder zu verstauen. Nun ist die Trinkblase aber leer und ich muss sie wieder auffüllen. Wer weiß, wann die nächste Gelegenheit kommt.

 

Das Hoffnung-Enttäuschung-Spiel

Nach einer Pause auf einem Felsvorsprung stelle ich mich dem letzten Joch, der Gelenkscharte. Es ist eines von dem Typ „technisch nicht schwer, aber kräftezehrend“. Kurz bevor ich oben ankomme brodelt in mir schon die Freude darauf, gleich die Chemnitzer Hütte zu sehen. Doch diese Hoffnung wird enttäuscht. Ich sehe nichts als Berge. Das gibt mir einen kräftigen Dämpfer, hatte ich doch in meinem Kopf das Bild, die Hütte sei in Sichtweite.

Stattdessen geht es auf der anderen Seite über 500 Meter runter in ein Tal, nur um anschließend wieder aufzusteigen. Diese letzten 200 Höhenmeter ziehen sich wie Kaugummi. Bei jeder Wegbiegung oder Kuppe denke ich, gleich die Hütte sehen zu können, nur um wieder enttäuscht zu werden. Dieses Hoffnung-Enttäuschung-Spiel zieht sich insgesamt über zwei Stunden hin und zermürbt meine mentale Kraft, die dafür sorgt, dass ich überhaupt noch gehe, denn mein Körper hat schon vor längerem das Handtuch geworfen.

Dann endlich taucht die Chemnitzer Hütte hinter einer der vielen Kurven auf! Nach weiteren zwanzig Minuten sehe ich eine Person vor der Hütte sitzen. Ich kann nicht erkennen, ob es meine Schwester Regina ist. Um das herauszufinden winke ich einfach und als die Person zurückwinkt, bin ich mir sicher, dass sie es ist! Zehn Minuten später liegen wir uns in den Armen. Das erste Mal seit knapp sechs Wochen sehe ich wieder einen mir vertrauten Menschen. In diesem Moment wird mir bewusst, welchem Entzug ich mich mit meiner Tour ausgesetzt habe.

Erleichtert werde ich auch vom Hüttenwirt und dessen Frau begrüßt, die sich immer latent Sorgen machen, wenn jemand diesen Weg geht. Regina erzählt mir später, dass er immer wieder mit seinem Fernglas nach mir Ausschau hielt. Logisch, dass er sich auch nach dem Italiener erkundigt.

Nach einem ersten Plausch kümmere ich mich erst mal um meine organisatorischen Dinge: mich selbst waschen, Wäsche waschen, Akkus laden, etc. Währenddessen nimmt Regina eine Mütze Schlaf auf der Wiese vor der Hütte. Den restlichen Tag verbringen wir mit Erzählen. Es gibt vieles auszutauschen: Neues aus der Familie, Details von meinen Erlebnissen, Fachsimpelei sowie ein bisschen Politik. Ich habe seit fünf Wochen keine Zeitung mehr gelesen. Ich vermisse es aber auch gar nicht. All die negativen Nachrichten aus der Welt würden mich nur belasten, und das lasse ich hier nicht zu!

Am Abend gehen wir immer wieder raus vor die Hütte, so wie es fast alle tun, die heute hier übernachten. Auslöser ist eine sagenhafte Lichtstimmung, die selten ist und ich in den zurückliegenden Wochen noch nicht erleben durfte. Später versuche ich noch, mit der Kamera Blitze einzufangen, leider ohne Erfolg. Die Blitze sind immer schneller als ich den Auslöser drücken kann.

 

< Tag 37 | Tag 39 >

facebooktwittergoogle_pluspinterestmailfacebooktwittergoogle_pluspinterestmail

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>