Tag 4+5: Adrenalin ist eine faszinierende Droge!

Fr., 12. Juni 2015, Pause in Berchtesgaden

Heute lege ich einen Pausentag ein, weshalb es heute nicht viel zu berichten gibt. Vormittags füttere ich meinen Blog, und nachmittags gehe ich los, um Vorräte zu kaufen, da mein morgiges Ziel eine Selbstversorgerhütte ist. Ansonsten lasse ich es ruhig angehen, in der Hoffnung, dass meine Füße die Ruhe nutzen, um weiter Hornhaut zu bilden.

 

Sa., 13. Juni 2015, von Berchtesgaden zur Wasseralm

Abgelenkt
Abgelenkt
Während ich den Auslöser für dieses Bild drücke, schleicht ein Fuchs an mit vorbei.
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Selbst Schuld!

Die heutige Etappe wird nicht einfach, das sagt mir mein Routenplan. Insgesamt stehen heute nämlich 19 km bei 1.800 Höhenmeter an, laut Plan dauert das insgesamt 7,5 Stunden. O.K., bei meiner aktuellen Kondition brauche ich wohl eher 9 Stunden.

Die ersten knapp 600 Höhenmeter habe ich mir aber selbst zuzuschreiben. Der Lebensweisheit „Nur wo Du zu Fuß warst, warst Du wirklich“ folgend, möchte ich mich ja nur mit eigener Kraft fortbewegen. Somit scheidet die Jennerbahn aus, auf die in verführender Weise an jeder Straßenecke hingewiesen wird. „Selbst schuld“ maule ich mich selbst an!

Gut gestärkt mache ich mich recht früh auf den Weg, da für heute Nachmittag Gewitter gemeldet sind und ich keine Lust habe, in eines reinzukommen. In Anbetracht der anstehenden Strapazen beschließe ich heute, gegen den Rat „meines“ Sport-Mental-Coaches Heike meine Stöcke zu nutzen, da ich so die Last wenigsten zu einem gewissen Teil auf meinen Oberkörper verlagern kann. Normalerweise soll ich in normalem Gelände ohne Stöcke gehen, da ich nur so ausreichen Trittsicherheit bekomme und ich meinen Gleichgewichtssinn trainieren kann.

 

Hätte ich das geahnt!

Ebenfalls ein Rat von Heike ist es, regelmäßig Pausen zu machen. Pausen machen waren noch nie meine Stärke. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Mitarbeiterinnen mich des öfteren zur Mittagspause „zwingen“ mussten, da ich sie sonst wieder vergessen hätte. Da bin ich wie ein Terrier: wenn ich mich in etwas festgebissen habe, dann vergesse ich alles um mich herum. Auch die Zeit. Und wenn ich dann irgendwann merke, dass ich Pause machen müsste, ist es meist zu spät.

Also stelle ich mir einen Timer um mich erinnern zu lassen. Und da ich mich dann trotzdem nicht einfach mal hinsetzen kann, fotografiere ich ein wenig. Als Motiv habe ich ein Blümchen ausgemacht, das auf einem alten, vermoosten Steinwall steht. Gerade als ich den Auslöser drücke, höre ich ein kaum wahrnehmbares Rascheln. Ich schaue auf und sehe – keine 50 cm vor mir – einen Fuchs gemütlich dahinschlendern. Offensichtlich hat er mich ebenfalls nicht bemerkt. Leider brauche ich einige Augenblicke, um die Situation vollständig zu erfassen und meine Kamera wieder aus dem Makro- in den Normalmodus umzustellen. So erwische ich nur noch die Hinteransicht von Reinecke Fuchs. Hätte ich das geahnt, hätte ich natürlich die Blume Blume sein lassen. C’est la vie!

 

Hier oben sind selbst die Kühe geschäftstüchtig

Nach gut zwei Stunden kreuze ich die Jennerbahn an ihrer Mittelstation und bereue keinen Augenblick, zu Fuß gegangen zu sein. Mit der Bahn kann jeder fahren, aber das Glücksgefühl stellt sich nur bei ehrlicher Anstrengung ein.

Eineinhalb Stunden später taucht die Priesbergalm auf und ich freue mich schon auf eine schöne kühle Apfelschorle. Doch die Rechnung habe ich offensichtlich ohne den Wirt gemacht. Der ist nämlich gar nicht da! Na gut, sage ich mir, dann muss ich mit dem Wasser aus dem Brunnen vorlieb nehmen. Da hier oben die Kühe frei herum laufen, muss ich mir aber erst mal Zugang zu dem Wasserauslass verschaffen. Offensichtlich gilt auch hier oben die Regel: alles hat seinen Preis. Da ich von den Kühen Wasser erhalten habe, erwarten die nun, im Gegenzug von meinem Brötchen abbeißen zu dürfen. Zu diesem Deal bin ich aber überhaupt nicht bereit und verteidige tapfer mein Vesper, wobei ich gleichzeitig höllisch darauf achten muss, mit meinen nackten Füßen nicht unter die Klauen zu kommen.
Bei dem Kampfgewicht wäre meine Tour dann wohl zu Ende!

 

Wie wichtig es ist,  Kraftreserven zu haben

Weiter geht es, und wie soll es anders sein, es geht wieder kräftig Berg hoch, bis ich nach insgesamt sechst Stunden mein Zwischenziel, den Seeleinsee erreiche. Ich freue mich, dass ich heute gut im Zeitplan liege, denn laut meiner Aufzeichnungen sind es von hier aus nur noch zweieinhalb Stunden.

30 Meter vor dem See rütteln mich plötzlich dicke Regentropfen aus meiner Monotonie und da ja am späten Nachmittag noch ein Gewitter ansteht, fackele ich nicht lange rum: der Rucksack bekommt sein Regenschutz übergezogen und ohne Pause mach ich mich weiter auf den Weg, vorbei an einem der hier üblichen Wegweiser. Aus dem Augenwinkel registriere ich etwas, das mich stutzig macht. Beim zweiten Hinsehen dann der Schock! bis zur Wasseralm sind es noch VIER Stunden! Wieso steht in meinem Plan zweieinhalb Stunden?!? Ich kann es mir nur so erklären, dass man mit einer übertriebenen Zeitangabe Leute abschrecken möchte, die hier besser nicht weiter gehen sollten. Und selbst wenn die Angabe stimmt: welche Alternativen habe ich? Keine, die wesentlich schneller zu erreichen sind. Also verliere ich keine Zeit und mache ich mich auf den geplanten Weg, der weiterhin nach oben führt. Zuerst über ein Geröllfeld, weiter oben dann über das erste größere Schneefeld dieser Tour.

 

Wundermittel Adrenalin

Gerade habe ich bei 1.950  den höchsten Punkt des Tages überschritten, als ein fürchterlich lauter Donnerschlag jäh die Stille zerreißt. So ein Mist! Jetzt ist genau das passiert, vor dem alle eindringlich warnen! Gerate bloß nicht an exponierter Stelle in ein Gewitter. Und ich habe noch gut drei Stunden vor mir! Das kann ja heiter werden.
Karwummm! Das Gewitter ist zwar noch im Nachbartal, aber es scheint näher zu kommen. Als ob die Berge mit dem Donner Ping-Pong spielen, hallt er abwechselnd links und rechts an den Felswänden wider.

Plötzlich merke ich, wie Nervosität in mir aufkeimt und dann spüre ich es: mein Nebennierenmark hat mir eine Dosis Adrenalin verabreicht! Schlagartig bin ich fit wie ein Turnschuh und voll konzentriert. Gleichzeitig ist mir klar, dass ich hier oben verschwinden muss, und zwar so schnell wie möglich. Gut, dass die nächsten dreihundert Höhenmeter noch fast komplett von Schnee bedeckt sind. So kann ich quasi Ski fahrend flüchten: mit dem rechten Fuß gleite ich durch den Schnee, mit dem Linken und den Stöcken versuche ich, mein Gleichgewicht zu halten. Denn bei aller Eile: schief darf jetzt nichts gegen. Weder darf ich umknicken, noch hinfallen, denn dann würde es eine unschöne Rutschpartie werden. Doch alles läuft wie geübt. Ich bin begeistert, was Adrenalin aus meinem Körper herausholen kann. Dass es ein vorzügliches Schmerzmittel ist, habe ich schon damals bei meinem Unfall erfahren. Aber wie konzentriert es macht, ist fantastisch! Allerdings hält das Zeugs nicht so lange an. Nach ca. 20 Minuten verliert sich die Wirkung wieder und zurück bleibt ein ausgepowertes ICH.

 

Die Sehnsucht nach einem kühlen Radler wird zur fixen Idee

Aber es hilft ja nix. Weiter geht es. Plötzlich merke ich, dass sich das Gewitter verzogen hat. Puh, Gott sei Dank! Nach einer gefühlten Ewigkeit des Absteigens kommt die letzte Weggabelung des Tages und damit auch der letzte Anstieg. Doch der hat es in sich. Nich weil er technisch anspruchsvoll wäre. Am Abend werde ich erfahren, dass genau auf diesem Steig früher das Vieh hoch- und runtergetrieben wurde. Nein, mir machte die Ausgesetztheit zu schaffen. Die Gedenktafel für ein 16-jähriges Mädchen, das hier tödlich verunglückt ist, macht mir auch nicht wirklich Mut. Das Gute aber ist, dass ich jetzt das aus dem Coaching gegen Höhenangst Gelernte anwenden kann. Atmung runter regulieren, Risiko-Check machen und vor allem auf die nächsten zwei, drei Schritte konzentrieren. Und auf keinen Fall schnell mal nach unten schauen. Und tatsächlich: obwohl meine Kraft schon ziemlich am Ende ist, kann ich die halbstündige Passage gut bewältigen.

Den ganzen Tag über habe ich mich mit der Aussicht auf ein kühles Radler motiviert. 4 Liter Wasser reichen, da darf es ruhig mal etwas mit Geschmack sein. Doch dreihundert Meter vor der Hütte fällt mir wieder ein, dass die Wasseralm ja eine Selbstversorgerhütte ist. Und da ich gerade kein Bierfass im Rucksack habe – auch wenn er sich so anfühlt – darf ich mich wieder auf Wasser freuen. Und auf Brot, Salami und Äpfel, die ich ja genau aus diesem Grund den ganzen Tag mit mir rumschleppe.

Dann steht sie plötzlich da, die Wasseralm. Ein noch recht ursprünglicher Bau, und der Bau soll nicht das einzig ursprüngliche bleiben. Aber dafür habe ich gerade überhaupt kein Auge. Denn auf hundert Meter Entfernung erspähe ich etwas, das wie ein volles Bierglas aussieht. Hoffentlich fange ich nicht zu halluzinieren an! Wenige Schritte später ist klar, hier gibt es tatsächlich was zu trinken! Und mehr noch: als der Hüttenwirt wissen möchte, ob ich auch Abendessen und Frühstück wolle, bin ich endgültig sprachlos. Positiv, weil mir nach dem langen Tag nach was Warmem im Magen zumute ist, allerdings auch ein wenig verärgert, warum sich die Information, dass die Wasseralm auch Bewirtung anbietet, noch nicht bis in die Alpenvereins-Datenbank herumgesprochen hat. So hätte ich mir ein Kilogramm zusätzliches Gewicht sparen können. Aber egal. Heute gibt es Gemüsesuppe, wahlweise mit oder ohne Wursteinlage. Mehr Auswahl ist nicht vorgesehen, und mehr braucht man im Grunde auch nicht.

 

Abendliche Gesellschaft ist der Lohn der Strapazen

Schnell komme ich mit zwei Wanderern aus dem Norden Deutschlands ins Gespräch, zwei sehr angenehme und sympathische Zeitgenossen, der eine Physiker, sein Kompagnon ist in der Gewerkschaft tätig. Ich habe es aber auch echt einfach, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich muss nur was von „3 Monate“ murmeln, und schon ist jegliches Eis gebrochen.
In ihrer Gesellschaft vergeht die Zeit wie im Flug. Bevor es ins Bett geht – ich habe mal wieder das Glück, dass ich mir das Lager nur mit mir selbst teilen muss – geht es noch schnell auf das Klo. Genauer gesagt, auf das Plumpsklo. Wie gesagt, hier oben laufen die Uhren eben noch ein wenig langsamer. Das strahlt aber auch der Hüttenwirt aus. Selten habe ich einen so ausgeglichenen, entspannten aber dennoch vitalen Menschen erlebt wie ihn. Wenn ich mir doch nur ein kleines Scheibchen von ihm abschneiden könnte!

 

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