Tag 40: Verschollen im Felsenmeer

Sa. 18. Juli 2015, von der Chemnitzer Hütte zur Edelrauthütte

 

Das erste...
Das erste...
... von einigen Schneefeldern heute
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Meine Schwester Regina begleitet mich auf der heutigen Etappe, bevor sie morgen wieder ins Tal absteigt. Auf uns wartet heute der Neveser Höhenweg. Die Zeitangaben schwanken sehr. Wir gehen vorsichtshalber von vier Stunden aus, was einen recht gemütlichen Tag verspricht.

 

Eine Frau lehrt mich das Staunen

Der Weg führt durch ein wunderschönes Kar. Wir kommen dem Nöfesferner-Gletscher bis auf zwei Kilometer nahe, verzichten allerdings darauf, ihm einen Besuch abzustatten. Stattdessen gehen wir gemächlich weiter und unterhalten uns viel.

Jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass ich durch die willkommene und ersehnte Ablenkung viel weniger intensiv die eigentliche Wanderung wahrnehme. Ich denke, es war die richtige Entscheidung, die Tour alleine anzugehen. Nur so kann ich wirklich tief in mich hineinhorchen und diese Bergpilger-Reise so intensiv wie nur möglich erleben. Klar habe ich mir bei der Planung Gedanken darüber gemacht, welche Probleme das alleine Wandern aufwerfen könnte, vom psychischen Gesichtspunkt bis hin zum Sicherheitsaspekt. Gerade wegen Letzterem habe ich vor allem meiner Partnerin und meiner Mutter viel abverlangt, aber ich denke, beide haben ihren Frieden mit meiner Entscheidung gefunden. Und auch ich bin glücklich, diesen Weg alleine zu machen. Dabei bin ich gar nicht so viel alleine. Wenn ich so zurückblicke, habe ich schon so viele schöne Begegnungen mit anderen Menschen gehabt, da kann von alleine Sein nicht im Geringsten die Rede sein.

Um die Mittagszeit – wir sind nicht mehr all zu weit von unserem Tagesziel, der Edelrauthütte, entfernt – lehrt mich eine Frau das Staunen. Sie kommt mit Rucksack bepackt daher, so wie viele andere vor ihr. Doch ein Detail ist anders als bei allen anderen: sie läuft barfuß. Das alleine ist es aber nicht. Wir haben eben noch ein Schneefeld gequert. Gespannt, ob sie auch das Schneefeld barfuß überquert, bleiben wir stehen. Und dann kommt das für mich unfassbare: sie läuft tatsächlich mit ihren nackten Füßen über den Schnee! Nich nur, das man barfuß wenig Halt findet, ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die Füße anfangen zu brennen. Und mit diesen glühenden Füßen geht die Frau anschließend weiter über Stock und Stein. Leute gibt es!

 

Handy-Empfang – ein reines Glücksspiel

Eine Stunde später zeigt sich endlich die Edelrauthütte. Und neben ihr eine Baustelle mit Kran und Materialseilbahn, als wären wir irgendwo unten in der Stadt. Direkt neben der heutigen Edelrauthütte wird eine komplett neue Hütte gebaut, anschließend wird die Alte abgetragen. Entsprechender Lärm empfängt uns, als wir ankommen.

Den Nachmittag verbringen wir wie auf der Chemnitzer Hütte ganz gemütlich. Von der Wirtin bekomme ich den Tipp, dass es kurz unterhalb der Hütte Handyempfang gibt. Ich mache mich auf den Weg, die Stelle zu finden, da ich zu Hause mal wieder ein Lebenszeichen abgeben möchte. Und tatsächlich: ich finde einen 40 x 40 cm großen Fleck, auf dem ich Empfang habe – sofern ich mich nicht hinsetze. Schon öfters ist mir das launische Netz in den Bergen aufgefallen. In dem eben beschriebenen Fall kann ich es mir nur so erklären, dass die Funkwellen an einer Felswand umgelenkt werden und so in eine Ecke gelangen, die eigentlich nicht zum Verbreitungsgebiet gehört. Oft passiert es aber, dass mir von einem auf den nächsten Moment eine gute Empfangsqualität abhanden kommt, obwohl ich mich nicht bewege. Ob Funkstrahlen auch durch Wolken umgelenkt werden? Und wenn die Wolke weiterzieht, ist der Spiegel und somit mein Empfang weg. Quasi die Oswald’sche Umlenkungstheorie!

 

Ein verschollen geglaubtes Paar taucht wieder auf

Von meinem Liegeplatz in der Sonne aus sehe ich – gerade noch mit bloßem Auge erkennbar – wie sich zwei Gestalten den Weg hochkämpfen, den ich morgen gehen möchte. Als sie näher kommen entpuppen sich die beiden als junge, kräftig Männer, den Eispickeln nach zu urteilen, recht bergerfahren. Dass solch gut trainierte Jungs so abgekämpft sind, macht mich hellhörig! Als der erste von beiden ankommt, erkundige ich mich, ob sie von der Brixner Hütte kommen. Er bestätigt meine Vermutung und erzählt mir, wie anstrengend der Weg am Ende war. Die letzten vier Stunden ging es mal wieder durch Blockfelder in Reinkultur. Seiner Aussage nach soll noch ein Pärchen kommen, sie haben die Beiden aber schon seit Stunden aus den Augen verloren.

Spät abends, wir sind gerade dabei, unser Lager zu beziehen, kommt ein völlig entkräftetes Paar an. Es stellt sich heraus, dass es die beiden sind, die auch von der Brixner Hütte kommen. 13 Stunden haben sie gebraucht! Die beiden werden bei uns im Lager einquartiert, aber ich verzichte heute Abend darauf, sie mit weiteren Fragen zu löchern. Morgen früh ergibt sich bestimmt eine Gelegenheit. Aber das, was ich gehört habe reicht, meinen Entschluss zu bekräftigen: ich werde die Strecke in zwei Etappen teilen. Auf halber Strecke gibt es nämlich ein Selbstversorger-Biwak. So kann ich das Nützliche mit dem reizvollen verbinden. Ich will schon lange mal in einer Selbstversorger-Hütte übernachten. Und über dieses Biwak habe ich bisher nur Gutes gehört. Ideal für meine persönliche Premiere.

 

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