Tag 41: Ein Paradies auf Bergen

So. 19. Juli 2015, von der Edelrauthütte zum Walter-Brenninger-Biwak

 

Landschaftlich schön, aber...
Landschaftlich schön, aber...
... Wo soll ich hier rüberkommen?
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Beim Frühstück treffen wir wieder auf das Paar von gestern Abend. Die beiden haben sich Gott sei Dank über Nacht gut erholt. Sie erzählen uns, dass sie die Strecke hoffnungslos unterschätzt hatten. Dazu kam, dass sie irgendwann kein Wasser mehr zum Nachfüllen fanden. So haben sie aus lauter Verzweiflung ihr restliches Wasser mit Wein gestreckt, den sie dabei hatten. Sichtlich auch keine ideale Option!

 

Es geht noch wilder

Ich lasse mir von der Hüttenwirtin Vesperbrote einpacken, damit ich bis morgen Abend genug zu Essen habe. Außerdem bekomme ich von Regina noch Fruchtriegel als Proviant mit auf den Weg. Wegen Wasser mache ich mir weniger Sorgen, in dem Biwak soll es sogar eine Kochmöglichkeit geben, dann kann ich mir im Notfall Wasser abkochen.

Nach dem Frühstück heißt es, Abschied nehmen. Während Regina von der Edelrauthütte wieder gut zu ihrem Auto am Neves-Stausee absteigen kann, mache ich mich um viertel vor acht auf den Weg zum Biwak.

Schon auf den ersten hundert Metern wird mir klar: mit meiner Entscheidung, die Strecke in zwei Tagesetappen zu zerlegen, liege ich goldrichtig. Diese Blockfelder sind wilder als alle, die ich bisher gegangen bin. Hier gibt es außer gut gewarteten Wegmarkierungen keine wegverbessernden Maßnahmen. Nur Felsen, so wie Mutter Natur sie in einem Anfall von Zorn hingeschleudert hat. Die Größe eines jeden Felsblockes ist in der Regel ab Tischgröße aufwärts. Ich ahne jetzt schon, dass sich mein Knöchel heute Abend rächen wird!

 

Meine bisher größte Prüfung erwartet mich schon!

Nachdem ich den ersten Kamm umrundet habe, eröffnet sich mir eine wunderschöne Landschaft – wenn da nicht ein klitzekleiner Schönheitsfehler wäre: wo bitteschön soll ich ins nächste Tal hinübersteigen? Ich sehe nur steil abfallenden Felswände, nichts, was zu meinen Fähigkeiten zu passen scheint. Laut Karte muss ich aber irgendwo dort rüber. Kurz übernimmt das Kopfkino die Herrschaft, doch in bewährter Manier checke ich meine Alternativen – in diesem Fall ist es der Abstieg ins Tal – bevor ich mir die Sache erst mal aus der Nähe anschauen will. Meistens ist der Weg aus der Nähe betrachtet gar nicht so schlimm, wie er aus der Ferne scheint.

Zu meinem Taktik-Repertoire gehört inzwischen auch, dass ich vor solchen Schlüsselstellen eine Pause einlege. Frisch erholt sind auch größere Herausforderungen leichter zu bewältigen als in ausgepowertem Zustand. Ein simpler aber wirkungsvoller Tipp von meinem Coach Heike.

Während ich so da sitze, sehe ich, dass zwei Personen über die Scharte kommen. Das, was ich dann sehe, lässt meine Zweifel nur noch größer werden. In schwindelerregender Steilheit führt der Weg herab. Und da soll ich hoch?!? Ich bleibe noch so lange sitzen, bis das Pärchen bei mir ankommt. Es sind Einheimische, die „mal ne kleine Runde drehen“. Ja, klar, für das, was die beiden in einem Tag machen, bräuchte ich mindestens zwei Tage. Auf alle Fälle erhalte ich zusätzliche Informationen über den Steig, der hoch auf die Gaisscharte führt. Ich werde im Laufe der nächsten Tage noch feststellen, dass die meisten Wanderer sehr respektvoll von ihr sprechen.

Gut erholt, mit neuen Informationen und reichlich Respekt im Gepäck mache ich mich wieder auf den Weg. Zehn Minuten später stehe ich an dem Casus Knacksus. Diesmal sieht er von nahem betrachtet ganz und gar nicht harmloser aus, ganz im Gegenteil! Ich wende einen weiteren Tipp von Heike an: die Risikoanalyse. Ich gehe in Gedanken durch, was meine Fähigkeiten hergeben. Auch wenn ich diesen Steig mit Schwierigkeit C+ einschätze, im Klettersteig-Kurs, den ich 2013 am Hohen Dachstein absolvierte, hatte ich deutlich schwerere Stellen gemeistert. Der einzige Unterschied ist, dass ich damals mit meinem Klettersteigset gesichert war. Also weiß ich, dass ich diesem Steig hier technisch locker gewachsen bin. Ich muss „nur“ meine Konzentration voll aufdrehen und meine Kraft in den Armen im Auge behalten. Dann sollte das Hindernis vor mir machbar sein.

Ich schnalle meine Stöcke am Rucksack fest und los geht’s. Sobald die Sicherungskette in Reichweite ist, geben meine Hände sie nicht mehr frei. Anfänglich kann ich den Aufstieg noch aus meinen Beinen heraus vollziehen, doch nach wenigen Metern muss ich mich samt den 18 kg auf dem Rücken mit beiden Armen hochziehen. Nach jedem Zug brauche ich zwei, drei Sekunden, um wieder zu Atem zu kommen. Meine volle Konzentration liegt auf meinen beiden Füßen und Händen. Gemäß der Drei-Punkt-Regel müssen immer drei meiner vier Extremitäten sichern Halt haben. Je mehr ich die Arme einsetze, desto schneller komme ich außer Atem, denn mein Oberkörper ist in den letzten Wochen zu kurz gekommen. Schritt für Schritt, Zug für Zug arbeite ich mich an der Kette nach oben. Jetzt komme ich an die Stelle, die von meinem Rastplatz aus besonders kritisch aussah: Metallstifte und -bügel geben den Füßen den Halt, den der Fels nicht mehr hergibt.

So langsam kommt Ruhe und Routine in meine Griffe und Tritte rein. Meter für Meter arbeite ich mich hoch, jeweils unterbrochen von einer Pause zum Luft holen. Das Gewicht auf meinem Rücken macht mich echt fertig. Hier merke ich schnell den Unterschied eines 10 kg-Rucksacks zu einem mit 18 kg. Darauf ist mein Körper schlicht nicht vorbereitet!

 

Kulissenwechsel

Nach endlos erscheinenden sechs Minuten ist der Spuk vorbei und ich bin oben angekommen! Jetzt kommt die Stelle, von der mir das Pärchen erzählt hatte: die Scharte ist oben so eng, dass ich mit meinem großen Rucksack stecken bleibe. Ich nehme meine letzte Kraft zusammen und stemme meinen Körper samt seiner zusätzlichen Last über die Engstelle. Mit vor Erschöpfung zitternden Knien stehe ich endgültig oben auf der Gaisscharte! Vor Freude stoße ich einen Jubelschrei aus! Ich habe sie das erste Mal wirklich überwunden, meine Höhenangst.

Der Lohn für die Mühen ist, wie bei jeder Scharte oder Joch, ein Wechsel der Landschaft. Als wäre ein Kulissenschieber am Werk, verändert sich das Bild von einer Sekunde auf die andere. Dieser Effekt fasziniert mich immer noch jedes Mal wieder!

Das erste Mal seit langem kann ich von oben schon mein heutiges Ziel sehen. Unwillkürlich muss ich bei dem Anblick dessen, was noch vor mir liegt, an Xavier Naidoo’s Song „Dieser Weg“ denken: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.“

 

Ein Kleinod erwartet mich

Aus Erzählungen weiß ich, dass ich hier gerade Bergfest feiere, im wörtlichen wie im zeitlichen Sinn. Ich gebe meinem Körper fünf Minuten Zeit, um sich zu erholen, bevor ich mich an den Abstieg mache, der nicht im Geringsten seinem gegenüber liegenden großen Bruder das Wasser reichen kann. Es dauert nicht lange, bis die Blockfelder mich wieder als winzig kleinen Punkt in der Landschaft verschlucken.

Eineinhalb Stunden später löst nach und nach sanftes Grün die Felsen ab, was nicht nur meine Füße honorieren. So langsam ist mein gesamtes Fahrgestell in Mitleidenschaft gezogen. Das linke Sprunggelenk ist inzwischen meistens dick, mein rechtes Knie meldet sich gelegentlich und mein rechter Oberschenkel ist die meiste Zeit taub – trotz Dehnübungen. Ach ja, und die Achillessehnen jammern inzwischen über zu viel Überdehnung. Es wird wirklich Zeit, dass ich mir mal ein paar Tage Pause gönne.

Endlich komme ich an dem Abzweig an, von dem ich nur noch hundertfünfzig Höhenmeter absteigen muss, dann steht es leibhaftig vor mir: das Walter-Brenninger-Biwak!

Während meiner Planungen habe ich schon Fotos gesehen, aber mit keinem Bild der Welt lässt sich die natürliche Schönheit dieser Hütte vermitteln. Ich bin fasziniert von der rauen aber robusten Steinmauer, die dieses Biwak im Winter vor Lawinen schützt.

 

(Fast) alles, was das Herz begehrt

Vorsichtig öffne ich die nur 1,30 Meter hohe Türe. Ich muss meinen Augen erst ein wenig Zeit geben, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Nichts sehend, taste ich mich zum Fenster vor und öffne es um den Fensterladen aufzuschließen. Langsam erkennen meine sonnengeblendeten Augen erste Konturen. In der Mitte steht ein Holzofen. Dahinter ist ein niedriges Podest, das offensichtlich der Schlafplatz ist. Darüber hängen über Leinen die auf den Hütten üblichen Decken, manche noch aus Rosshaar, andere aus moderneren Materialien. Bevor ich meinen Gedanken zu Ende bringen kann, dass das auf dem Holzboden wieder eine harte Nacht wird, entdecke ich hinter den Decken dünne Matratzen, die ebenfalls an den Deckenbalken aufgehängt sind. Na, dann ist doch alles perfekt!

Ich drehe mich um, um die andere Raumhälfte in Augenschein zu nehmen und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus! Hier gibt es alles, was man für einen gemütlichen Hüttenabend benötigt: von zwei Gaskochplatten, über Kochtöpfe, Pfannen, Geschirr, Besteck, bis zu einer kleinen aber feinen Auswahl an Lebensmitteln wie löslicher Kaffee, unterschiedlichste Teesorten, Tütensuppen bis hin zu einer angebrochenen Rotweinflasche! Jetzt fehlt mir zu meinem Glück nur noch Bianca, dann könnten wir uns hier einen romantischen Abend machen.

 

Alleine oder nicht – das ist die Frage

Nachdem ich mich meiner nass geschwitzten Kleider entledigt habe, schnappe ich mir meinen Waschlappen und einen Kochtopf um zum nahegelegenen Wasserfall zu gehen. Zuerst wasche ich mich ausgiebig unter fließendem Wasser bevor ich mit einem Topf voll Wasser zurück zur Hütte gehe. Als erstes gönne ich mir einen Kaffee, schließlich ist jetzt früher Nachmittag, Zeit für ein schönes Tässchen.

Ich denke an den heutigen Tag zurück und muss innerlich schmunzeln. Ein Manager bei meinem letzten Arbeitgeber war der Meinung, nur weil er ein 600-PS-Motorad auf einer Rennstrecke beherrscht, sei er ein echter Kerl und hielt alle anderen für Weicheier. Ich bin mir sicher, die einzigen Eier, die weich werden würden, sind seine eigenen, wenn er sich hier oben beweisen müsste. Im Grunde genommen ist derjenige ein armes Würstchen, der glaubt, die Kraft einer Maschine verleihe ihm selbst ebenfalls große Kräfte. Doch leider wird die Welt noch viel zu sehr von solchen armen Würstchen regiert, weil zu viele Menschen sich von selbstbewusstem Auftreten blenden lassen.

Den Nachmittag verbringe ich abwechselnd in der Sonne und in der Hütte. Immerhin drei Menschen kommen am Nachmittag noch vorbei, aber bleiben will keiner. Ich bin mir ganz unschlüssig, ob ich das bedauern oder bejubeln soll. Man weiß vorher eben nicht, wen man da auf die Stube bekommt. Und mit einem Menschen die Hütte eine ganze Nacht teilen zu müssen, den man nicht ausstehen kann, wäre wirklich Verschwendung dieses einmaligen Kleinods!

 

Selbst ausgeräuchert

Mit großem Interesse lese ich die Hüttenbuch-Einträge. Manche bleiben einfach aus Genuss, andere, wie ich, weil ihnen die Distanz zwischen Brixner Hütte und Edelrauthütte zu groß ist, und wieder andere, weil sie vom Wetter überrascht wurden. Und einer kommt regelmäßig vorbei: Hugo, der Hüttenwart. Häufig ist er hier um die Decken zum Lüften rauszuhängen, mal ist was zu reparieren, dann wieder helfen ihm Freunde, Holz oder andere Materialien hochzufliegen. Und nicht selten wird er von seiner Frau Paula begleitet. Es ist ganz deutlich zu spüren, dass Hugo sein Ehrenamt mit viel Liebe ausfüllt, mit reichlich Rückendeckung durch seine geliebte Frau. Schade, dass ich die Beiden nicht kennenlernen werde.

Abends gibt es als Vorspeise eine Tütensuppe bevor ich mich über die Brote hermache, die ich von der Edelrauthütte mitgenommen habe. Dazu gibt es eine Kanne Früchtetee.

Nach dem Essen heize ich den Ofen ein. Schnell knistert ein schönes kleines Feuer. Doch dann treten plötzlich dunkle Rauchschwaden aus allen Ritzen des Ofens in Raum. Je mehr Luft ich ihm gebe, desto schlimmer wird es. Am Ende halte ich es drinnen nicht mehr aus. Ich reiße Fenster auf Türe auf und flüchte nach draußen. So hatte ich mir das nicht gedacht. Aus meinen Kindertagen weiß ich, dass vor Gewitter ein Ofen schon mal schlecht zieht. Dann ist schon mal klar, worauf ich mich nachher einstellen kann.

 

Schlaflose Stunden

Als ich das Biwak wieder betreten kann mache ich mir aus dem Rotwein einen Glühwein und schreibe an meinen Blog-Texten. Wäre ich Autor, ich würde mich in solch einer Hütte zurückziehen, denn hier sprudelt die Inspiration nur so! Hier könnte ich noch länger bleiben, doch das ist nicht erlaubt, schließlich ist das eine Notfall-Unterkunft und sollte nicht als Urlaubsdomizil missbraucht werden.

Später am Abend zieht ein Gewitter auf. Der krachende Donner treibt mir wieder die Frage von meiner Schwester in Sinn, ob die Hütte denn einen Blitzableiter hat. Hat sie nicht! Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass diese Hütte, die 1977/1978 von einem Ziegenstall zum Biwak ausgebaut wurde, schon hunderte, wenn nicht gar Tausende Gewitter überstanden hat, dann wird doch nicht ausgerechnet heute der Blitz einschlagen. Außerdem dürfte die lawinensichere Bauweise dazu beitragen, dass kein Blitz den Weg zur Hütte wählt. Nichtsdestotrotz finde ich erst weit nach Mitternacht ein wenig Schlaf.

 

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