Tag 43: Eiskaltes Badevergnügen

Di. 21. Juli 2015, von der Brixner Hütte zur Simile Mahdalm

 

Wilder See
Wilder See
Vom Rauhtaljoch aus sieht der See aus, als sei er herzförmig.
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Zusammen mit dem Rheinländer Trio genieße ich noch mein Frühstück, bevor wir uns kurz nach sieben Uhr verabschieden.

 

Unverhoffte Wegbegleiter

Vor der Hütte stelle ich wie jeden Morgen mein GPS ein. Zum einen bin ich heute seit Kaprun das erste Mal wieder auf meiner ursprünglichen Route, weshalb ich einen vorgefertigten Track laden kann. Zum anderen zeichne ich jeden Tag auf, so kann ich später nachvollziehen, wo ich wann entlang gegangen bin und wie die Tagesleistung aussieht. In diesem Augenblick kommt ein Pärchen meines Alters aus der Hütte und wir fragen uns gegenseitig unsere heutigen Pläne ab. Die beiden wollen, wie auch ich, über die Wilde Kreuzspitze zum Wilden See gehen. Dort werden sich unsere Wege trennen. Da wir uns auf Anhieb sympathisch sind, beschließen wir, bis dorthin gemeinsam zu gehen.

Claudia und Martin sind Pustertaler, die endlich mal wieder in die Berge wollen. Während wir gehen, kommt – wohl eher als Spaß – die Idee auf, nach erfolgreicher Gipfelbesteigung unten im See zu baden. Ich bin gleich dabei! Alleine traue ich mich nicht, aus Sorge, in dem kalten Wasser einen Krampf zu bekommen. Dann wäre niemand da, der mir helfen könnte. Zu dritt sieht das aber anders aus und ich freue mich schon riesig auf die eisige Abkühlung

 

Frauen sind doch die stärkeren Männer

Doch dem Vergnügen hat der liebe Gott die Anstrengung vorangestellt. Der Weg zum Rauhtaljoch ist nicht schwierig, aber steil und insbesondere für meinen linken Fuß recht anstrengend. Da ich durch den Unfall den linken Unterschenkel nicht mehr so weit nach vorne beugen kann, suche ich bei steileren Rampen immer nach einem kleinen Stein oder Absatz, den ich als Stufe nutzen kann. Hier werde ich mal wieder nur selten fündig. Statt dessen muss ich durch komische Verrenkungen der Hüfte die Einschränkung kompensieren. Dennoch haben wir noch reichlich Luft, uns angeregt zu unterhalten.

Oben am Joch zieht das ältere Ehepaar von gestern Abend wortkarg an uns vorbei. Die Beiden wollen offensichtlich auch zur Wilden Kreuzspitze hoch. Wir machen erst mal eine Pause, stärken uns und erfreuen uns am Anblick des Wilden Sees, der schon auf uns wartet!

Doch es hilft alles nichts: es wird keiner kommen und uns hochtragen, also müssen wir es selbst tun. Ich bin ganz froh, nicht alleine auf den Gipfel gehen zu müssen, stelle aber fest, dass der Aufstieg in keinster Weise für mich schwierige Stellen bereithält. Nach ca. einem drittel der Höhe stehen wir auf einem kleinen Halbsattel. Irgendwer schlägt vor, hier unsere Rucksäcke zu deponieren. Claudia erklärt sich ganz heldenhaft bereit, ihren kleinen Rucksack mitzunehmen und unser aller Getränke darin zu transportieren. Das nenne ich mal einen super Vorschlag. Klar habe ich ein schlechtes Gewissen, aber ich glaube, sie gefällt sich in der Rolle des weiblichen Sherpas.

 

Gipfeltreffen

Und wieder mal werde ich das Staunen gelehrt. Während wir – von der Last der Rucksäcke befreit – die letzten zweihundert Höhenmeter förmlich schwebend absolvieren, holt uns ein älterer Herr mit Rucksack ein. Zack, das ist wieder ein Dämpfer! Die Krönung des ganzen kommt, als der Mann erzählt, dass er schon über Achtzig Jahre alt ist. Ich fasse es nicht, da überholt ein über Achtzigjähriger mit Rucksack drei halbwegs junge Menschen ohne bzw. mit leichtem Rucksack! Gott sei Dank kommen wir endlich oben an und das Gipfelglück lässt mich die Schmach schnell vergessen.

Dass die Welt bekanntermaßen klein ist, habe ich auf dieser Tour auch schon erlebt. Kaum stehen wir oben kommt eine Freundin von Claudia hoch. Mit lautem Tamtam begrüßen sich die beiden auf dem nur wenige Quadratmeter großen Gipfel. Und auf dem Abstieg trifft Martin auch gleich noch Bekannte. Selbst hier oben kann man offensichtlich nicht unerkannt bleiben.

 

Drei Minuten für einen Nachmittag in Frische

Der Mann von Claudias Freundin sitzt unten am See und angelt. Also gehen wir – jetzt zu viert – zurück, nehmen unsere Rucksäcke wieder auf und gehen runter an den Wilden See.

Was der Angelfreund von unserem Plan hält, in seinem Jagdrevier baden zu wollen, lässt er sich nicht ansehen. Aber darauf können wir ohnehin keine Rücksicht nehmen. Während wir unsere Badesachen anziehen, zetert Claudias Freundin, weil sie erkennt, dass wir es ernst meinen! Als Krankenschwester hält sie wenig von unserem Vorhaben. Wir hingegen freuen uns, in ihr jetzt sogar fachkundige Erste Hilfe zu haben – für den Fall der Fälle.

Ich gehe als erstes ins Wasser. Langsam, erst die Arme und Beine benetzen, dann den Rest des Körpers, eben so, wie man es gelernt hat. Da der Seeboden hier nach zwei Metern jäh in die Tiefe abfällt, setze ich mich hin, damit mein ganzer Körper nass wird. Und dann lasse ich mich vollends ins eiskalte Nass gleiten. Sofort setzt die Schnappatmung ein. Ich schätze die Wassertemperatur auf acht Grad, was ich später auf der Alm bestätigt bekomme. Nach ca. einer Minute fühlt es sich an, als würden tausend kleine Nadeln meine Haut traktieren. Ich liebe dieses Gefühl! Inzwischen sind Claudia und Martin auch soweit. Die Beiden wählen jedoch die schnelle Methode. Mit Gequieke und Gejapse lassen die beiden sich ins Wasser fallen. Nach drei Minuten ist Schluß. Zu schnell kühlt ansonsten der Körper in derart kaltem Wasser ab.

 

Der gescheiterte Versuch, einem Franken Bayerisch zu lehren

Leider scheint zur Zeit keine Sonne. Ich trockne mich notdürftig mit meinem 40×40 cm Waschlappen ab und schlüpfe noch halb nass in meine Kleidung. Meine Mütze schützt meinen nassen Kopf vor Auskühlung. Ähnlich wie im Winter, wenn man mit eiskalten Händen ins Warme kommt, fängt nun die Haut an, angenehm zu brennen. Herrlich! Das war ganz sicher das Highlight des Tages!

Wir sitzen noch über eine Stunde am Ufer und vespern allerlei kulinarische Juwelen, die Martin mit sich geschleppt hat. Inzwischen ist auch die Sonne wieder zum Vorschein gekommen und umschmeichelt unsere Körper mit ihrer wohltuenden Wärme.

Da für heute Nachmittag wieder Gewitter gemeldet sind, müssen wir um halb zwei wohl oder übel die Siesta beenden. Wir verabschieden uns und gehen nun in unterschiedlichen Richtungen weiter.

Eine Stunde später komme ich das erste Mal seit sechs Tagen wieder in die Baumzone. Ich genieße es, im Schatten gehen zu können. Und dann sehe ich auch schon die Simile Mahdalm.

Ich setze mich zu drei älteren Herren an Tisch. Es sind Kurzurlauber aus Garmisch-Partenkirchen. Wir haben unseren Spaß, wenn auch die Drei scheitern, mir als Franken Bayerisch beibringen zu wollen.

 

Die etwas andere Tour de France

Nach einer Weile kommt noch ein Wanderer. Aber schon auf den ersten Blick ist klar, dass es sich hier um eine spezielle Spezies handeln muss. Er ist Franzose mit minimalen Englischkenntnissen. Prompt werde ich von Alvina, der Almerin, als Dolmetscher eingespannt.

„Mein“ Franzose scheint das Extreme zu lieben. Seinem kleinen Rucksäckchen zu schließen ist er minimalistisch unterwegs. Aber nur, was sein Gepäck und sein Körpergewicht angeht. Seine Leistungsdaten hingegen rauben mir die Sprache! Heute z.B. kommt er von der Chemnitzer Hütte. Auch wenn er einen anderen Weg als ich ging, ist er somit heute 35 km durch durch alpines Gelände gelaufen. Ich hingegen habe die Strecke in drei Etappen aufgeteilt. Er hat seit zehn Tagen stolze 333 km zurückgelegt. Auf seinem Tablett-PC zeigt er mir seine Excel-Tabelle, in die er abends seine Etappendaten wie Kilometer, Höhenunterschiede und Zeiten einträgt. Seinem Plan nach wird er innerhalb von vier Wochen 850 km abgerissen haben, ohne sich einen Tag Pause zu erlauben. Das ist mehr als ich mir für drei Monate vorgenommen habe. Allerdings wäre das, was er macht, in keinster Weise ein Konzept für mich. Bei ihm scheint nur der sportliche Aspekt zu zählen. Den Leistungsgedanke habe ich für meine Bergpilger-Reise aber ganz bewusst ausgeschlossen.

 

Das interkulturelle Ende eines Tag

Vor dem Abendessen ziehe ich mich ein wenig zurück um ein wenig an meinen Berichten zu schreiben. Ich müsste eigentlich viel zeitnaher schreiben, da dann die Eindrücke noch am frischesten sind. Auf der anderen Seite geht das Erleben vor. Wenn es etwas zu Erleben gibt, haben die Texte das Nachsehen.

Bevor es zum gemütlichen Teil übergeht, bringe ich noch schnell meine Sachen ins Matratzenlager. Dass dies in einem Heuboden über dem Stall untergebracht ist, hatte mir die Rheinländer Gruppe schon erzählt. Aber im Gegensatz zum letzten Mal, als ich über dem Stall einquartiert war, ist hier alles viel sauberer.

Der Abend ist extrem mild. Obwohl die Alm auf über 2000 Meter liegt, sitzen wir noch lange im T-Shirt draußen auf den Bänken. Die Gruppe, die sich im Laufe des Abends gebildet hat ist bunt gewürfelt. Drei Bayerische Rentner, ein Fränkischer Bergpilger, ein asketischer Franzose, ein einheimisches und ein Meraner Pärchen und später noch die Almbesitzerin. Trotz sprachlicher Hürden geht ein ereignisreicher Tag heiter zu Ende.

 

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