Tag 44: Vom Donner gestoppt

Mi. 22. Juli 2015, von der Simile Mahdalm zur Hofschenke Burg Sprechenstein

Auf halber Höhe habe ich diesen Grasberg gequert

Nur noch eine Etappe auf dem Pfunderer Höhenweg trennt mich von Sterzing, wo ich eine Pause von vier Tagen machen werde. Die letzten zwei Wochen habe ich mir nur zwei einzelne Tage Pause gegönnt. Doch es sind nicht nur die Wehwehchen, die etwas Ruhe brauchen, es ist gerade insgesamt die Luft raus. Vielleicht liegt es auch etwas daran, das ich in Sterzing Halbzeit habe. Solche Meilensteine wirken sich nicht immer positiv auf meine Moral aus.

 

Die Hölle liegt im Himmel

Bei besserer Sicht könnte ich meinen kommenden Weg durch die Stubaier Alpen erkennen
Bei besserer Sicht könnte ich meinen kommenden Weg durch die Stubaier Alpen erkennen

Gleich hinter der Alm geht es hoch. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so steilen Grashang hochgeklettert zu sein! Obwohl hier alles grasbewachsen ist, gibt es etliche Stellen, bei denen sich meine Höhenunverträglichkeit meldet. Am Trenser Joch muss ich mich entscheiden, ob ich den Höllenkragen mitnehmen soll. Der Name macht mich neugierig und schließlich entscheide ich mich für den Umweg.

Oben am Höllenkragen angekommen bin ich ein wenig enttäuscht. Der Name hat mehr versprochen als der Berg hält. Aber immerhin bietet er einen tollen Ausblick. Wenn es nicht so diesig wäre, könnte ich sogar sehen, wo es in ein paar Tagen weitergeht.

Als ich mich vorhin über den steilen Grashang wunderte, wusste ich noch nicht, das das Ganze runterwärts noch übler wird. Ständig habe ich vor Augen, wie weit ich runterfallen würde, wenn ich ausrutschen würde.

 

Jedem Schicksalsschlag wohnt etwas Gutes inne

Nach einer halben Stunde bin ich endlich wieder auf dem gemütlichen Pfunderer Höhenweg und verliere in mäßigem Tempo an Höhe. Immerhin muss ich heute vom Höllenkragen bis nach Sterzing fast 1500 Höhenmeter vernichten.

Bei einer Pause mache ich mich über die Leckereien her, die mir Martin gestern in seiner Großzügigkeit mit auf den Weg gegeben hat. Ob die Beiden wohlbehalten zurück sind? Wahrscheinlich hat sie der Alltag schon wieder verschluckt, während ich weiter meinem Pilgerdasein frönen darf.

Je mehr Menschen ich begegnet bin, desto bewusster wird mir, dass ich im Moment das lebe, wovon viele träumen. Immer wieder spüre ich die Sehnsucht meines Gegenüber heraus, wenn ich von meiner Tour und meinen vielen, beeindruckenden Erlebnissen erzähle.

Bedauerlich nur, dass es vielen nicht gelingt, ihren Traum in die Wirklichkeit umzusetzen. Wobei ich mir da an meine eigene Nase fassen muss. Schließlich brauchte es bei mir erst eine schwere Verletzung, um zu erkennen, dass ich meine Träume nicht auf die Zeit nach dem Arbeitsleben verschieben sollte. Sicherlich gibt es Menschen, die sich aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen nicht mal eben ein viertel Jahr oder noch länger davon machen können. Viele aber könnten. Sie trauen sich nur nicht. Vielleicht ist es die Angst, wie der Partner auf so eine „Schnapsidee“ reagiert. „Warum willst Du nicht mehr mit mir zusammen Urlaub machen?“ „Wie kannst Du mich so lange im Stich lassen?“ „Hast Du eine Andere?“ Solche oder ähnliche Fragen könnten einem entgegenschlagen. Oder die Angst vor den Reaktionen von Familie und Freunden. „Das kannst Du doch nicht machen!“ „Das geht doch nicht!“ „Was ist, wenn…?“ Und erst der Arbeitgeber! Lande ich mit meiner Einstellung bei nächster Gelegenheit auf der Abschussliste? Oder wird es zumindest meiner Karriere schaden? Es bedarf keinem größeren Talent, ausreichend Gründe zu finden, die gegen die eigene „Schnapsidee“ sprechen. Wem aber sein Traum wirklich wichtig ist, dem wird es gelingen, seinen Partner und sein privates und berufliches Umfeld davon zu überzeugen, dass das gar nicht so schlimm werden wird, wie es sich anfänglich anhört.

Vermutlich werden direkt Betroffene nicht vor Freude an die Decke springt. Wichtig ist, dass man offen über seine Träume spricht, und auch schon Argumente gegen die wichtigsten Einwände überlegt hat. Ansonsten wird man wenig Verständnis ernten.

Wer die Umsetzung lange genug plant und wichtige Menschen in seinem Umfeld frühzeitig in seine Pläne einweiht, hat gute Chancen, dass sein Traum wahr werden kann. Auch ein Arbeitgeber, der zwei oder drei Jahre im Voraus von den Wünschen seines Mitarbeiters erfährt, lässt eher mit sich reden und kann sich auf den Ausfall besser vorbereiten, als der Chef, der zwei Monate vor Start vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Es muss nämlich nicht immer gleich bedeuten, dass man kündigen muss, um seinen Traum zu verwirklichen.

Insofern lebe ich zur Zeit ein Privileg, dass mehr mehr Menschen offen steht, als diese denken! Sie müssen es nur wirklich wollen!

Bei Schicksalsschlägen stellt man sich ja gerne die Frage nach dem Warum. Das habe auch ich getan, als mir nach meinem Leiterunfall gesagt wurde, dass ich wahrscheinlich nie mehr normal gehen werden können. Heute weiß ich, wofür dieser Unfall gut war. Er hat mir die Augen geöffnet, wie schnell etwas im Leben für immer vorbei sein kann. Von einer Sekunde auf die andere. Und im Gegensatz zum Computer gibt es im echten Leben meist keine Zurück-Taste. Ohne diesen Unfall wäre ich heute nicht auf meiner Bergpilger-Wanderung unterwegs!

 

Ein Herz für einen Wandersmann

Am Nachmittag kommt ein kräftiger Wind auf, ein untrügliches Zeichen, dass ein Gewitter im Anmarsch ist. Ich beschleunige meine Schritte in der Hoffnung, noch rechtzeitig in Sterzing anzukommen, bevor das Gewitter losgeht. Ca. zwei Stunden vor Sterzing geht es dann doch schon los. Ich kann aber nicht mehr schneller laufen. Mit ist klar, bis Sterzing schaffe ich es nicht mehr.

Ich komme gerade an einer Burg vorbei, als wieder ein kräftiger Donnerschlag das monotone Brunnen von der Brennerautobahn wegfegt. Das Haus, das nebenan steht, sieht irgendwie danach aus, als bietet es Übernachtungen an. Als ich näher komme, erkenne ich, dass es die Burgschenke ist. Allerdings sieht alles ziemlich ruhig aus. Dann entdecke ich weiter oben hinter einem Fenster eine Bewegung. Ich klingele und wenig später öffnet sich die Haustür. Eine Frau mittleren Alters kommt heraus. Ich frage sie ohne Umschweife, ob ich heute Nacht hier bleiben kann. Wie zur Verstärkung kracht hinter mir wieder ein Donner nieder. Sie gibt zu bedenken, dass sie nur Ferienwohnungen vermietet. Dann scheint sie sich einen Ruck zu geben und gewährt mir für eine Nacht Unterkunft. Puh, gerettet! Hauptsache, ich komme aus dem Gewitter raus. Auf meine Frage, ob ich am Abend etwas essen könne, kommt wieder ein Zögern. Heute ist Ruhetag, erfahre ich, aber sie würde mir schon ein einfaches Gericht kochen. Zufrieden lasse ich mich in mein Apartment führen, lasse erschöpft den Rucksack auf den Boden sinken, ziehe mich aus, Dusche und lege mich erst mal auf’s Bett.

Um halb sechs beendet der Wecker meinen Schlaf, damit ich pünktlich zum Abendbrot erscheine, immerhin macht sie nur für mich die Gastwirtschaft auf.

Wir kommen ins Gespräch und spätestens als ich der Wirtin von meiner Tour erzähle, habe ich bei ihr ein Stein im Brett. Kurze Zeit später verwöhnt sie mich mit Speckknödeln und einem frischen Salat. Später kommt noch ihr Mann dazu, dem ich meine Geschichte nochmal erzählen muss. In Gegenzug erfahre ich, dass sie Pächter des 2007 bis 2008 auf alten Grundmauern komplett neu errichteten Hofes inklusive einer Käserei sind. Sie erzählen mir von dem harten Hofleben, das keinen Raum für Urlaub gewährt. Zum Abschluss darf ich mir aus ihren vielen selbst gemachten Likören und Schnäpsen einen aussuchen. Da sie mir kein Frühstück anbieten kann, verabreden wir uns für morgen früh zumindest noch zur Schlüsselübergabe. Ich habe das Gefühl, dass es ihr wichtig ist, mir noch auf Wiedersehen sagen zu können.

Später am Abend sucht ein zweites Gewitter das Tal heim, diesmal um Längen heftiger als heute Nachmittag. Glücklich, ein Dach über dem Kopf zu haben, schlafe ich trotz des lauten Donners sofort ein.

 

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