Tag 45: Tödliche Gefahr!

Do. 23. Juli 2015, von der Hofschenke Burg Sprechenstein nach Sterzing

Um kurz nach sieben Uhr bin ich startklar. Die Wirtin hat offensichtlich um diese Uhrzeit noch nicht mit mir gerechnet. Sie erzählt mir, dass in der Nacht überall heftige Gewitter gewütet haben. Durch den Regen sind viele Muren abgegangen. Tragischerweise wurden zwei Bergsteiger in Südtirol von Blitzen tödlich getroffen. Gut, dass ich gestern so schnell Unterschlupf gefunden hatte!

 

Einer, der positiv aus der Masse heraussticht

Nur noch wenige Kilometer trennen mich von Sterzing, dem Ort, an dem ich Pause machen werde.
Nur noch wenige Kilometer trennen mich von Sterzing, dem Ort, an dem ich Pause machen werde.

Wir unterhalten uns noch ein wenig bevor ich losgehe. Über einen Wirtschaftsweg komme ich zügig nach Wiesen. Weil ich mich dort verlaufe, stoße ich auf einen schönen Höhenpfad, der mich direkt vor die Tore Sterzings führt. Ich genieße die letzten Meter auf einem Naturweg, es werden die letzten für vier oder fünf Tage sein.

Von Flains kommend gehe ich gerade eine Straße runter, als ich von hinten Schritte höre. Prüfend drehe ich mich um. Es ist ein Mann mit flottem Schritt. Nach wenigen Minuten hat er mich eingeholt und erkundigt sich nach meinem Weg. Damit hätte ich hier unten im Tal nicht gerechnet. Normalerweise passiert mir so etwas nur in höheren Lagen. Erfreut über sein Interesse erzähle ich ihm von meiner Geschichte, die den Mann völlig aus dem Häuschen bringt. Er erzählt mir, dass sein Sohn gerade vier Wochen die Alpen von München nach Venedig überquert. Er erwartet seinen Sohn diese Woche wieder zurück. An der Stelle, an der sich unsere Wege trennen, bleiben wir noch eine Weile stehen um uns weiter zu unterhalten. Diese Art der Begegnungen machen mir immer viel Spaß, zumal wenn mein gegenüber so sympathisch ist wie dieser Mann. Ich fürchte aber, dass dies ein seltener Lichtblick für die nächsten Tage bleiben wird.

 

Nur noch eine Nummer

Nur noch wenige hundert Meter und ich komme an der Touristeninfo an. Als erstes möchte ich mich um meine Unterkunft kümmern. Zu diesem Zweck steuere ich eine Bank an, werde aber von zwei jungen Frauen im Dirndl überholt. Sie wollen die Bank wieder auf ihren richtigen Platz bringen, offensichtlich war hier gestern Abend eine Veranstaltung. Da ich sehe, dass die beiden sich mit der Bank abquälen, will ich helfen, werde aber barsch zurückgewiesen. Also suche ich mir eine andere Sitzgelegenheit und regele meine Unterkunft. Anschließend gehe ich in das Büro der Touristeninfo um nach meinem Päckchen zu fragen, das Bianca mir vor gut einer Woche hier her geschickt hat. Und wen treffe ich hier an? Die beiden Schnepfen von eben! Als Profis knipsen sie schnell ihr freundliches Lächeln an, doch sie können mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht von Herzen kommt. Leider ist das Päckchen noch nicht angekommen. Das wundert mich, denn bisher sind die Päckchen trotz Poststreik in Deutschland schneller angekommen. Offensichtlich arbeiten die italienischen Postmühlen langsamer als in Österreich.

Da ich noch viel zu früh bin um mein Zimmer beziehen zu können, genehmige ich mir ein französisches Frühstück.

Um elf Uhr mache ich mich auf den Weg zum Hotel. Laut Internet ist es eine kleine Oase, die sich vom klassischen Einerlei abhebt. Leider ist dieses Hotel eines der Beispiele, bei denen sich die Außendarstellung nicht mit dem deckt, was vor Ort gelebt wird. Als ich ankomme, fühle ich mich nicht als Gast  willkommen sondern als Störfaktor. Eine mürrisch dreinschauende Angestellte grüßt mich nicht, obwohl sie einen Meter von mir entfernt steht. Der junge Mann an der Rezeption – vermutlich der Juniorchef – versucht seine noch mangelnde Erfahrung mit einer übergroßen Portion Coolness zu überdecken, was auf mich recht arrogant wirkt. Stammgäste gewinnt man jedenfalls nicht, indem man sie wie eine Nummer behandelt! Aber wollen wir dem Ganzen noch eine Chance geben.

 

Der Schuster soll’s richten

Eigentlich wollte ich hier in Sterzing meine Premiere in einem Waschsalon feiern. Mangels Salon wird daraus leider nichts. Statt dessen wasche ich fast alles, was ich mit habe, auf meinem Zimmer. Auch die Socken. Die waren nämlich Gegenstand eines Experimentes. Es gibt Leute, vor allem aus dem militärischen Milieu, die einem raten, die Socken nicht zu waschen. Ich wollte wissen, was da dran ist und habe sie seit Kaprun nicht mehr gewaschen. Die erste Woche nahm der Eigengeruch zu, doch ab dann stagnierte er. Von daher ist das Belästigungspotential diese Methode nur unwesentlich höher als die Klassische. Dafür ist sie wartungsärmer. Aber um feststellen zu können, ob ungewaschene Socken nun besser gegen Blasen sind, fehlt mir der Vergleich. Zumindest hat es nicht geschadet. Heute aber ist auch für die Socken Waschtag angesagt. Ich hatte ja schon mit so etwas gerechnet, aber als ich das Waschwasser im Becken sehe, bin ich doch schwer beeindruckt. Selten habe ich in meinem Leben so dunkles Wasser gesehen! Es braucht zehn Waschgänge bis das Wasser nur noch trüb ist. Das muss dann reichen.

Nach einem kleinen Nickerchen möchte ich einen Schuster aufsuchen. Gestern ist unterwegs tatsächlich die eine Öse an meinem Schuh gerissen. Seither habe ich links nicht mehr so viel Halt im Schuh. So kann ich unmöglich weitergehen, deshalb hoffe ich, dass ein Schuster mir da Abhilfe schaffen kann. Die Wirtin der Burgschenke hat mir einen empfohlen, den suche ich nun auf. Leider liegt er am anderen Ende der Innenstadt. Als ich ankomme, informiert mich ein Schild, dass er Donnerstag nachmittags geschlossen hat. Also schleppe ich meine Schuhe wieder zurück, halte aber bei einem Sportgeschäft an, um mir neue Schnürsenkel zu kaufen. Der Ladeninhaber macht mir Hoffnung, dass der Schuster mir da gut helfen kann.

 

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