Tag 46-52: Ein Päckchen wird zur Geduldsprobe!

Fr. 24. Juli 2015, Sterzing

Drinnen statt draußen
Drinnen statt draußen
Um Halb Zehn ist kaum mehr jemand in den Gassen. Nur in den warmen Wirtshausstubrn sitzen noch vereinzelt Gäste.
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Gleich nach dem Frühstück schnappe ich mir meine Schuhe und gehe erneut zum Schuster. Bergstiefel scheinen seine Spezialität zu sein. Ein Regal in der Länge des Raumes ist vorwiegend mit Wander- und Bergstiefeln vollgestellt, die entweder auf ihre Reparatur warten oder schon hinter sich haben. Mein Anliegen ist für ihn nichts ungewöhnliches. Auch er schimpft über die neumodischen Schuhe: „Teuer, aber taugen nicht mehr so viel wie früher!“, so sein Urteil. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Die halbe Stunde Wartezeit nutze ich, in in der ortsansässigen Therme nach einem Massagetermin zu fragen. Irgendwie macht mir mein tauber Oberschenkel Sorgen und ein bisschen Extrazuwendung kann sachlich nicht schaden. Leider beträgt die Wartezeit im Moment vier Wochen! So lange will ich aber wirklich nicht hier bleiben. Ich bekomme noch eine Telefonnummer von der Masseurin mit, vielleicht ist ja kurzfristig ein Termin frei geworden. Ein Anruf ergibt, dass es schlecht aussieht, sie verspricht mir aber, mich anzurufen, wenn sich etwas ergibt.

In der Zwischenzeit hat der Schuster ganze Arbeit geleistet und gleich alle vier Ösen ersetzt. Somit sollte ich diesbezüglich den Rest meiner Tour über Ruhe haben.

Der nächste Gang geht zur Apotheke, um mein Blasen-Schutzprogramm wieder aufzufüllen. Dieser Spaß kostet mich glatte fünfzig Euro!

Zurück im Hotel wird es Zeit, meinen Blog upzudaten. Viele Tage konnte ich nichts online stellen, das rächt sich nun. So verbringe ich den größten Teil des restlichen Tages tippend am Handy.

Nachmittags gehe ich noch mal zur Touristeninfo, nur um wieder ohne das ersehnte Paket zurückzukommen. Das sind echt schlechte Nachrichten! Da in Italien, wie auch in Österreich schon, am Samstag keine Post zugestellt wird, kann ich also frühestens am Montag mit den neuen Karten etc. rechnen. Vorher kann ich nicht mit meiner Planung anfangen.

 

Sa. 25. Juli 2015, Sterzing

Außer, dass ich an meinen Blog-Artikeln arbeite, passiert nicht viel. Heute möchte ich, wie vereinbart, an den Hotelrechner. Der junge Mann, mit dem ich das am Telefon besprochen hatte, ist heute nicht da, aber er versprach mir, seiner Kollegin einen Zettel zu hinterlassen. Die allerdings weiß von nichts und bittet mich, mittags wieder zu kommen, wenn die Check-Outs erledigt sind.
Also komme ich um die Mittagszeit wieder und – sehe wieder eine andere junge Frau da sitzen. Die Kollegin von heute Morgen sei nicht mehr da. Na toll denke ich, das hast Du doch mit Absicht gemacht. Den lästigen Gast mal eben elegant auf die nächste Kollegin abschieben! Dieses junge Ding wusste aber überhaupt nicht, was sie tun soll und schickt mich zu einem Kellner, der im angeschlossenen Café arbeitet. Der, auch nicht wesentlich älter, sieht das Ganze eher pragmatisch und meint, wenn das so besprochen ist, dann ist das halt so. Also scheuche ich das junge Ding vom Rechner weg und kann mich endlich um die Fotogalerien kümmern. Doch nach zwei Stunden schon kommt ein anderer, älterer Herr und fragt, wie lange ich denn noch brauchen würde, seine Kollegin müsse schließlich ihre Arbeit machen. Genervt, dass der vereinbarte Tag auf zwei Stunden geschrumpft ist, gebe ich den Rechner eine viertel Stunde später wieder frei. Für den Rest muss ich eben Bianca zuhause belästigen.
Alle bisherigen Bemühungen, eine Massagetermin zu bekommen, scheitern.

 

So. 26. Juli 2015, Sterzing

Nachdem Bianca noch eine Unstimmigkeit gelöst hat, kann ich endlich die Berichte der letzten elf Tage freischalten.

Danach kann ich mich voll und ganz dem Nichtstun hingeben.

 

Mo. 27. Juli 2015, Sterzing

Am frühen Vormittag klingelt mein Telefon. Eine italienische Nummer, wahrscheinlich die Masseurin vom Freitag. Statt dessen meldet sich ein Physiotherapeut. Er hätte meine Nummer in der Anruferliste gesehen. Ich schildere ihm mein Anliegen und tatsächlich kann er mir für heute Nachmittag einen Termin anbieten. Statt dass ich froh bin grübele ich, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn er mir so kurzfristig einen Termin anbieten kann. Schnell wische ich meine Zweifel weg und sage den Termin zu.

In der Praxis angekommen, zeige ich ihm, wo das Taubheitsgefühl genau verläuft. Somit war für ihn die Sache klar! Die gute Nachricht: es kommt nicht von den Bandscheiben, es sind die Symptome einer Wirbelsäulenblockade, vermutlich ausgelöst durch die Schonhaltung, die ich offensichtlich aber unbewusst meinem linken Sprunggelenk zuliebe eingenommen hatte.
Im ersten Behandlungsschritt löst er die Blockade durch Einrenken.
Was dann kommt, ist Folter pur. Erst mit den Händen, anschließend mit einem Plastik-Tool versucht er meine verkrampften Muskelfasern im rechten Oberschenkel zu lösen. Jeder Sadist hätte mit Handkuss diese Behandlung übernommen. Vor Schmerzen stöhnend, windet sich mein Oberkörper mit jedem Streichen entlang meiner Muskelfasern.
Obwohl die sich alle Mühe geben, sich keinen Millimeter nachzugeben, dringt mein Folterknecht immer tiefer zwischen die Fasern. Irgendwann kommt es mir vor, als reibt er mir die Knochenhaut vom Oberschenkel. Während er mit dem Ergebnis seiner Arbeit zufrieden ist, beschleicht mich ein böser Verdacht: er schafft nur neue Beschwerden, die mich von den alten ablenken sollen!
Jetzt kommt der gemütlichere Teil. Erst am Rücken, später am Oberschenkel bekomme ich Elektroden angeschlossen. Dann dreht er die Spannung bis zur Grenze des Erträglichen auf. Doch er weiß, dass der Körper sich recht schnell an den Strom gewöhnt, weshalb er noch zweimal kommt um den Knopf ein Stück weiter zu drehen.
Eine Stunde später kann ich die Folterkammer verlassen, nicht ohne das Gefühl im Gepäck, dass diese Quälerei nicht vergebens war.

Es werde wohl ein paar Tage Dauern, bis die Beschwerden weg seien. Ob ich weiter gehen kann soll ich von meinem Bauchgefühl abhängig machen. Hä! Wenn der wüsste! Mein Bauchgefühl quängelt schon seit gestern, wann es endlich weitergeht!

Auf dem Rückweg schaue ich wieder in der Touristeninfo vorbei. Wieder nichts! Das ist jetzt nicht mehr lustig. Mein Zimmer habe ich bis morgen gebucht und eigentlich will ich auch wieder weiter. Widerwillig verlängere ich meinen Aufenthalt im Hotel um einen Tag.

Anschließend gehe ich in die hauseigene Sauna, um mir den Frust wieder auszuschwitzen.

 

Di. 28. Juli 2015, Sterzing

Heute muss mein Päckchen ankommen. Sonst werde ich zum Elch!

Zum Zeitvertreib frage ich beim Friseur nach, ob ich einen Termin bekommen kann.

Am frühen Nachmittag ist es dann so weit. Endlich kommt mal wieder etwas Form auf meinen Kopf. Wenn schon der Bart nicht weg darf, dann sollte es doch wenigstens darüber ordentlich aussehen.
Die Wirkung ist erstaunlich! Plötzlich werden alle Menschen, denen ich Unfreundlichkeit unterstellt hatte, nett zu mir. Sei es der junge Mann im Hotel oder das Mädel in der Touristeninfo.

Doch schon an ihrem Gesichtsausdruck sehe ich, dass die wieder kein Päckchen für mich hat. So langsam komme ich in Entscheidungsnot! Ich kann ja nicht ewig hier auf das Päckchen warten! Vielleicht ist es verschollen, dann sitze ich in ein paar Wochen noch hier. Ich gebe dem Päckchen noch einen Tag! Wenn es dann nicht kommt, bitte ich die Mädels von der Touristeninfo, es wieder zurückzuschicken, sollte es jemals hier ankommen. Ich würde mir dann neue Karten kaufen.

So langsam beschleicht mich der Verdacht, eine höhere Macht hält das Päckchen bewusst noch zurück, damit mein Oberschenkel noch Zeit zum Erholen hat!

Abends tun sich eine schöne Lichtstimmung und meine Weinlaune zusammen und inspirieren mich dazu, ein wenig mit der Panoramafunktion meines Handys zu experimentieren. Das Motiv: Sterzings leere Gassen bei Nacht.

 

Mi. 29. Juli 2015, Sterzing

Ich schlendere gerade die Fußgängerzone auf der Suche nach einem Geocache entlang, als mein Telefon klingelt. Mein Herz schlägt höher, denn es kann nur bedeuten, dass mein Päckchen angekommen ist. Ich hebe ab und wenige Augenblicke später könnte ich den nächstbesten Passanten vor Freude umarmen! Ich lasse den Cache Cache sein und gehe auf direktem Weg zur Touristeninfo. Freudig streckt mir das eine Mädel nein Päckchen entgegen. Ich merke ihr an, dass sie inzwischen mit mir mitgelitten hat!

Umgehend gehe ich zurück ins Hotel und mache mich über meine Planung her. Im Wesentlichen möchte ich an meinem ursprünglichen Plan festhalten. Doch es gibt einige Gletscher auf der Strecke, weshalb ich einen Bergführer brauche. Ich telefoniere ein wenig rum, doch entweder erreiche ich niemanden oder die sind ausgebucht.
Vorsorglich arbeite ich eine gletscherfreie Alternative aus. Sollte ich innerhalb der nächsten zwei Tage keinen Bergführer auftreiben können, muss ich wissen, wo es lang geht.
Dann klingelt mein Telefon, ein Rückruf von Hubert, einem Bergführer aus Pflersch. Ich erkläre ihm meine Pläne, doch drei Tage kann er sich nicht frei machen. Also packen wir die Strecke in zwei Tage und schon werden wir uns einig. Am Sonntag früh treffen wir uns auf der Magdeburger Hütte, von da aus werden wir in zwei Tagen in Richtung Timmelsalm gehen. Endlich kommt wieder Bewegung ins Spiel!

Am Abend möchte ich die Foto-Session von gestern Abend wiederholen, zu schnell war das richtige Licht vorbei. Doch heute findet ein Volksfest statt, da ist nicht an Bilder von einsamen Gassen zu denken.

 

Do. 30. Juli 2015, von Sterzing nach Gossensass

Die Etappe heute ist mit zwei Stunden eigentlich zu kurz. Da die morgige Etappe von Gossensass zur Tribulaun-Hütte mit einer reinen Gehzeit von acht Stunden in meiner schlauen Liste steht, möchte ich da keinen unnötigen Meter mehr dranhängen. So sehe ich den Tag heute als Aufwärmphase.

 

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