Tag 53: Fix und fertig!

Fr. 31. Juli 2015, von Gossensass zur Tribulaunhütte (IT)

 

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Nach und nach reduziert sich das Tal auf die Größe einer Miniatur-Landschaft
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Endlich! Ich fühle mich wie Husky, bei dem das Blut in den Adern in Wallung gerät, wenn er Herrchen und Schlitten sieht! Nach der langen, teilweise unfreiwilligen Pause möchte ich nur noch eines: Hoch auf das Sandjöchel und auf dem Pflerscher Höhenweg in Richtung Magdeburger Hütte.

 

Auf Goethes Spuren

Fertig gepackt, nutze ich die Zeit, mich in einem ganz besonderen Gästebuch einzutragen. Das dürfen nur Gäste, die zu Fuß unterwegs sind. Beim Durchblättern komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus! Wie viele Menschen sich auf eine längere Wanderung begeben! Da sind welche, die die Alpenüberquerung von München nach Venedig machen. Andere übernachten hier auf ihrer Pilgerreise nach Rom und wieder andere folgen den Spuren Goethes. Bei soviel Wanderkompetenz erfüllt es mich mit Stolz, mich ebenfalls in diesem besonderen Buch verewigen zu dürfen.

Mit dem Schuster-Wirt habe ich gestern Abend ausgemacht, dass ich schon um halb acht frühstücken kann, da ich heute zeitig los muss. Die Angaben zur Dauer der Etappe sind leider sehr unterschiedlich: nach den Angaben aus der Literatur komme ich auf eine reine Gehzeit von acht Stunden. Ich habe aber auch schon von zehn Stunden gelesen, irgendjemand erzählte mir etwas von sieben Stunden. Wir auch immer, ich muss mich auf einen langen Tag gefasst machen.

Offensichtlich ist halb acht auch die Frühstückszeit des Wirtes, jedenfalls setzt er sich am Nachbartisch vis-a-vis mir gegenüber hin. Er hat bereits meinen Eintrag in seinem Buch gelesen und so kommen wir rasch ins Gespräch. Wir stellen fest, dass wir in vielen Fragen des Lebens ähnliche Einstellungen oder Erfahrungen gemacht haben und so geben wir uns dem Erzählen und Philosophieren so sehr hin, dass ich meinen Vorsatz, früh aufzubrechen, beinahe aus dem Auge verliere.

 

Zwei pelzige Rabauken üben für’s Leben

Mit etwas Verspätung aber ohne Reue breche ich viertel nach Acht auf. Um meine heutige Reisehöhe zu erreichen, steht erstmal ein dreistündiger Aufstieg von über 1000 Höhenmetern an. Mit jedem Höhenmeter rückt das Tal in immer weitere Ferne und ich komme nach und nach der Zone näher, in der ich mich wirklich wohl fühle. Äußerlich erkennt man diese Zone daran, dass es keine Bäume und Sträucher mehr gibt.

Oben angekommen, zeigt sich der Pflerscher Höhenweg durch eine recht waagerechte Linie, die sich durch die grünen Ausläufer der Stubaier Alpen zieht. Das verspricht ein schönes Höhenwander-Erlebnis zu werden. Bestes Wetter sorgt zusätzlich für gute Laune.

Bis zum Portjoch ist der Weg ideal für Mountainbike-Touren. Ein anspruchsvoller Single-Trail, aber ohne nennenswerte Schiebepassagen. So dauert es auch nicht lange, bis die erste Dreiergruppe an mich vorbeihechelt.

Zehn Minuten vor dem Portjoch läd mich eine alte Militäranlage zur Pause ein, die ich dankend annehme. Während ich es mir auf dem Flachdach des alten Betonbunkers gemütlich mache, nehme ich im Augenwinkel eine Bewegung wahr. Es ist ein Murmeltier, das nicht mit mir gerechnet hat und schnell wieder auf Tauchstation geht. Neugierig, wo es sein Zuhause hat, gehe ich an den Rand meiner Sonnenterrasse und sehe zwei Tiere vor ihrem Höhleneingang. Als sie mich bemerken verschwinden sie wie ein geölter Blitz. Murmeltiere habe ich aber als sehr neugierige Genossen kennengelernt. Deshalb lege ich mich auf das Dach, die Kamera im Anschlag, und muss tatsächlich nur eine halbe Minute warten, bis sich die erste neugierige Schnauze rausschiebt. Da die Luft rein zu sein scheint, trauen die beiden sich wieder raus und balgen sich in jugendlicher Sorglosigkeit so lange, bis einer der Brüder keine Lust mehr hat und lieber wieder die Gegend erkunden möchte.

Ein rettendes Strohhalm, das ich nicht zu fassen bekomme
Frisch erholt mache ich mich erneut auf den Weg. Doch keine zehn Minuten später wartet die nächste Pause auf mich: am Portjoch sitzt ein junges Mountainbiker-Pärchen. Wir kommen schnell in ein schönes längeres Gespräch, doch nach einer viertel Stunde zwinge ich mich zum weitergehen. Irgendwie habe ich im Gefühl, dass der Tag noch lange nicht zu Ende ist.

Der Weg ist inzwischen zu einem Rest von Pfad geschrumpft und das Gelände wird steiler. Die erste Seilversicherung taucht – wie in meinem Führer angekündigt – auf, wobei ich mich frage, warum es hier einer Versicherung Bedarf. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich einfach nicht mehr so höhenempfindlich bin. Zufrieden mit dieser Erkenntnis freue ich mich auf die weiteren Stellen, laut Führer erwarten mich noch einige.

Bereits die nächste seilversicherte Stelle widerlegt meine eben aufgestellte Theorie! Heilfroh, dass es hier ein Seil gibt, hangele ich mich den schmalen Absatz entlang, immer meinen Blick dem Berg zugewandt, damit ich nicht durch die Tiefe abgelenkt werde. Zu meinem Entsetzten nimmt die Schwierigkeit von mal zu mal zu. Mal muss ich eine steile Felswand auf einem drei Finger breiten Absatz queren, dann kommt ein senkrechter Abstieg von dreißig Metern, an wieder anderer Stelle quetsche ich mich unter einem Überhang entlang. Was würde ich jetzt nur für meine Klettersteig-Ausrüstung geben! Das schlimme ist aber, dass ich inzwischen den Punkt of no Return überschritten habe. Würde ich umkehren, würde es mich zusätzliche Stunden kosten, für die ich vermutlich keine Energie mehr hätte. Also mache ich, was ich gelernt habe: aufs Wesentliche konzentrieren, jeglichen Blick nach unten vermeiden und jeden Griff und jeden Tritt ruhig und sauber ausführen.

Dann sehe ich auf einmal einen Menschen aus dem Tal aufsteigen. Wie Balsam wirkt das auf meine Psyche, obwohl ich genau weiß, dass er so weit weg ist, dass er mir im Ernstfall keine echte Hilfe wäre. Ich nehme mir aber fest vor: sollte er auch zur Tribulaunhütte gehen, werde ich fragen, ob ich mich ihm anschließen kann. Zwanzig Minuten später dann die Enttäuschung: dieser Mensch steigt weiter hoch in Richtung Schneetalscharte. So ein Mist, mein mentaler Strohhalm treibt mir davon!

 

Die Motorik eines Betrunkenen

Die letzten drei Stunden habe ich keinen geeigneten Platz für eine Pause gefunden. Zu ausgesetzt war mir alles, was für „normale“ Menschen der ideale Pausenplatz wäre. Jetzt, kurz vor dem Koggraben kann ich mich entspannt hinsetzen. Als ich den Blick zurück auf meine bisherige Route schweifen lasse, gefriert mit fast das Blut in den Adern! Für kein Geld der Welt wäre ich diesen Weg gegangen, hätte ich die Sicht von jetzt gehabt! Doch jetzt ist es zu spät. Da ich nicht wusste, dass es für mich unmöglich ist, bin ich erfolgreich durchgekommen! Mein früherer Chef pflegte immer zu sagen: „Wissen behindert!“ Schon merke ich, dass dieser Weg meine Grenzen erneut ein Stück verschoben hat!

Aber noch habe ich ein schönes Stück Weg vor mir und ich will den Tag nicht vor dem Abend loben! Den nächsten Abschnitt habe ich schon von weiter bestaunen dürfen. Dort oben war mein erster Gedanke ebenfalls: „Da entlang? Nie im Leben!“ Jetzt, von einer anderen Perspektive aus, sieht es nicht mehr ganz so schlimm aus. Aber das kann sich schnell wieder ändern.

Doch zuvor muss ich erst mal in den Koggraben absteigen. Eine seilversicherte Stelle führt mich hinunter. Im Graben angekommen, deute ich einen Seilrest, dass es mitten im Graben hinunter geht. Ich weiß, es wird irgendwann auf der andern Seite des Grabens weitergehen, deshalb halte ich Ausschau nach einer Stelle, an der ich den kräftigen Gebirgsbach trocken überqueren kann. Je früher, desto besser, denn direkt über mir verläuft der versicherte Weg. Würde dort jemand einen Stein lostreten, könnte ich ihm kaum ausweichen. Nach einigen Minuten dann die Erleichterung, hier komme ich rüber, auch wenn ich ins Wasser treten muss. Eine gute Gelegenheit, zu sehen, wie wasserfest meine Schuhe sind.

Die Stelle, die mir so viel Kopfzerbrechen bereitete, stellt sich als vergleichsweise harmlos heraus. Doch inzwischen bin ich fast neun Stunden unterwegs. Dieser Weg kostet mich unglaublich viel Kraft. Nich nur die körperliche Herausforderung, vor allem die psychische Anstrengung zuzelt meinen Energiespeicher vollständig aus. Endlich komme ich an einem berüchtigten Schneefeld vorbei, das laut Tribulaunhütte schon viele Verletzte hervorrief und das man unbedingt unten herum umgehen solle. Der bloße Anblick erstickt jegliche Überlegung, sich diesen Umweg zu ersparen.

An tiefsten Punkt angelangt, treffe ich auf ein junges Pärchen. Ganz offensichtlich sind sie keine Einheimischen. Ihren Schilderungen nach erwartet mich noch mal eine üble Stelle, die die beiden nur auf allen vieren bewältigen konnten.

Derart demotiviert, steige ich wieder auf. Bis zum letzten Übergang sind es noch einmal vierhundert Höhenmeter. Inzwischen tut mir fast alles weh! Meine Füße, beide Sprunggelenke, meine Knie, der Rücken und die Schultern. Nur mein Oberschenkel übt sich in Zurückhaltung. Ich kann mich nur noch auf den nächsten Schritt konzentrieren. Drei Schritte, Pause. Zwei Schritte, Pause. So geht es fünfzig Minuten lang. Nur im Schneckentempo komme ich vorwärts. Ich bin völlig am Ende. Die schreckliche Stelle aber, von der mir das Pärchen erzählte, die habe ich ganz offensichtlich übersehen.

Die Sonne verschwindet hinter einem Berg und augenblicklich wird es richtig frisch! Meinem GPS nach müsste ich langsam die Hütte sehen. Aber stattdessen taucht nur wieder ein Hügel auf. Dann endlich ein Lichtblick! Auf einem Stein steht, dass es nur noch zehn Minuten bis zur Hütte sind, bei meinem Tempo schätze ich zwanzig Minuten. Wie ein Betrunkener stolpere ich den steinigen Weg entlang. Ich schaffe es nicht einmal mehr, meine Stöcke richtig zu setzen. Immer wieder strauchele ich, weil der Stock keinen Halt hat. Ich bin mir sicher: der Hüttenwirt von der Chemnitzer Hütte würde jemanden losschicken, wenn er mich in diesem Zustand sehen würde. Ich überlege, ob ich bereit wäre, mir meinen Rucksack abnehmen zu lassen. Der Gedanke widerstrebt mir selbst jetzt noch sehr! Ich schätze, da muss noch mehr passieren, bevor mein Stolz gebrochen werden kann. Gott sei Dank muss ich mich am Ende auch gar nicht entscheiden. Die Hütte zeigt sich erst drei Minuten vor meiner Ankunft. Diese letzten Meter schaffe ich dann auch noch – ohne Hilfe!

 

Ich verpasse mein Date

Wahrscheinlich war ich noch nie in meinem Leben so am Ende! Ich lasse mich nur noch auf einen Stuhl gleiten und bestelle ein Radler und das Bergsteiger-Menü. Vorweg gibt es eine Nudelsuppe. Das Gefühl, das sich einstellt, als ich den ersten Löffel der warmen Brühe in die Speiseröhre kippe, ist unbeschreiblich! Die Wärme durchströmt augenblicklich meinen ausgekühlten Körper. Das Salz der Suppe versetzt meine Geschmacksknospen in Extase. Wie kann eine einfache Brühe mit ein paar Nudeln nur solche Gefühle in mir auslösen? Als Hauptgericht bekomme ich Bratkartoffeln mit Speck und Spiegelei. Es ist ein Feuerwerk der kulinarischen Genüsse! Ich bin begeistert!

Wieder einmal werde ich Zeuge, wie klein die Welt ist. Als Daniela, die Hüttenwirtin nach meinen weiteren Plänen fragt, erzähle ich ihr, dass ich mich am Sonntag morgen auf der Magdeburger Hütte mit einem Bergführer verabredet habe. Aus einem Impuls heraus schiebe ich den Namen hinterher, Hubert Eisendle. „Hubert? Das ist mein Bruder!“ Kommt wie aus der Pistole geschossen zur Antwort! Ich kann es kaum glauben und das Eis ist nun vollständig gebrochen.

Nach dem Essen wasche ich mich schnell und notdürftig draußen am See bevor ich hoch ins Lager gehe. Ich möchte mich nur kurz hinlegen und meine Füße hochlegen, bevor ich Petras Einladung auf einen Schnaps einlösen möchte. Um 22:30 wache ich auf, stelle fest, dass es für Petra’s Schnaps zu spät ist und drehe mich wieder um.

 

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