Tag 54: Mein ganz persönliches Mittel zur Erkältungsvorbeugung

Sa. 1. August 2015, von der Tribulaunhütte zur Magdeburger Hütte

 

Schlechte Aussichten
Schlechte Aussichten
Schon beim Losgehen ist klar: heute wird ein trüber Tag.
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Nach elf Stunden Schlaf fühle ich mich wieder erholt. Als ich früh die Stube betrete, bin ich aber nicht mehr der erste, ein Paar aus der Gegend ist schon an Frühstücken. Ich habe sie gestern Abend kommen sehen, doch ich war für jegliche Unterhaltung zu kaputt. Heute Morgen aber kommen wir schnell ins Gespräch. Sie wollen auch zur Magdeburger Hütte, werden aber unterwegs noch die Weißwand mitnehmen, weshalb sie zeitig aufbrechen wollen. Wir verabschieden uns mit einem „Bis später!“

 

Orientierungslos im Nebel

Eine vierte Stunde später mache auch ich mich auf den Weg. Die Etappe wird nur drei bis vier Stunden dauern, aber ich freue mich schon auf einen halben Tag Pause auf der Magdeburger Hütte. Schmerzen im rechten Knie sind die einzigen Überbleibsel meiner gestrigen Tour. Gut, dass ich es heute ganz ruhig angehen lassen kann. Vom Tal zieht dichter Nebel hoch, weshalb ich schon nach dreihundert Metern anhalte und mein „Winterpaket“ raushole: Windjacke, Mütze und Handschuhe. Die Temperatur liegt um den Gefrierpunkt und Nebel und Wind lassen es sehr ungemütlich werden.

Fünfzehn Sekunden bevor er an mir vorbeirauscht, bemerke ich einen Mann, offensichtlich ein Bergläufer. Alleine beim Anblick von T-Shirt und kurzer Hose bekomme ich Gänsehaut! Fünfundvierzig Sekunden später ist er auch schon wieder hinter der nächsten Kurve verschwunden. Im nächsten Moment frage ich mich, ob ich mir das Ganze nur eingebildet habe.

Ich hänge gerade meinen Gedanken nach, wie die zwei Tage mit Hubert wohl werden, da sehe ich weit oben einen Menschen. Da weiß ich, das eben war keine Fata Morgana, den gibt es wirklich!

Kaum knüpfe ich an meinen Gedanken von eben an, als ich schon wieder überholt werde, diesmal von einer jungen Frau mit Rucksack. Mein angekratzter Männerstolz stachelt mich an, ich solle mich an ihre Fersen heften, doch wenige Minuten später tadelt mich mein Knie, was für eine bescheuerte Idee das doch sei. Kleinlaut lenke ich ein und falle zurück in meinen eigenen Rhythmus. Prompt werde ich von meinem Knie gelobt!

Eine Stunde später ist das Wetter immer noch keinen Deut besser. Immer wieder reduziert Nebel meine Sicht. Da hebt sich über mir schemenhaft eine Gestalt vor der weißen Nebelwand ab. Beim Näherkommen erkenne ich die junge Frau von eben. Sie erzählt mir, dass sie im Nebel keinen Weg mehr erkennen konnte. Das ist ihr dritter Versuch, diese Überschreitung zu machen, zwei Mal hat sie sie schon wegen Schlechtwetter abbrechen müssen. Na, da hat sie sich heute ja den richtigen Tag ausgesucht. In solchen Situationen bin ich froh, mein GPS dabei zu haben. Es zeigt weiter den Grat nach oben. Zögerlich fragt sie mich, ob sie sich mir anschließen darf. Ich denke an gestern zurück, wie froh ich gewesen wäre, wenn mich jemand ins Schlepptau genommen hätte. Gleichzeitig fühlt sich mein eben noch angekratztes Ego geschmeichelt. Selbstredend sage ich JA, schließlich freue ich mich, auf diese Weise Gesellschaft zu bekommen.

 

Verschollen?

Gemeinsam läuft es sich im Nebel tatsächlich entspannter, denn vier Augen sehen mehr als zwei. Nach wenigen Minuten entdecken wir wieder eine Wegemarkierung, und uns ist klar, dass wir noch auf Kurs sind.

Die restliche Zeit kommen wir wunderbar ins Gespräch. Ich habe ja genug von meiner Tour zu erzählen, Sybille revanchiert sich mit Erzählungen vom Jakobsweg und anderen Bergerlebnissen. So vergeht die Zeit wie im Flug und – viel zu schnell – stehen wir vor der Hütte.

Sie leistet mir noch Gesellschaft bei einem kleinen Mittagessen. Währenddessen formuliert sie wie üblich ein Gedicht über ihre heutige Bergtour in ihr Bergbuch, das ich mit meinem Stempel und meiner Unterschrift ergänzen darf. Dann wird es für sie Zeit, Auf Wiedersehen zu sagen und wieder ins Tal abzusteigen.

Inzwischen mache ich mir Gedanken, wo das Pärchen von heute Morgen nur steckt. Eigentlich müssten sie längst da sein, aber vielleicht haben sie wegen des Wetters umdisponiert, haben den Gipfel sausen lassen und sind runter ins Tal abgestiegen. Da wir nichts fest vereinbart haben, kann ich nichts unternehmen.

 

Nichts für Schulmediziner

Die Ruhe des Nachmittags nutze ich, meine Erlebnisse der letzten zwei Tage niederzuschreiben und meine Ausrüstung für morgen vorzubereiten.

Irgendwie fröstelt es mich seit gestern, ein untrügliches Anzeichen dafür, dass sich eine Erkältung anbahnt. Für diese Situation habe ich inzwischen mein ganz persönliches, wirksames Mittel. Es ist die Kombination zweier Phänomene, denen ich in meinem eben begegnet bin.

Das eine Phänomen ist Eigenblut-Behandlung gegen Erkältung. Ein guter Heilpraktiker hat mir irgendwann das Wirkprinzip für Dummies erklärt: das Immunsystem ist durch die Evolution so programmiert, dass es von außen in den Körper eindringende Infekte schneller erkennt als solche, die im Körperinneren entstehen. Somit erkennt es eine Erkältung erst recht spät. Entnimmt man nun dem Körper Blut und somit auch den Infekt und spritzt ihn anschließend wieder in den Körper, so erkennt das Immunsystem den Infekt sofort, da er von eindringt und kann nun mit seiner Abwehr früher durchstarten als sonst üblich. Dass diese Eigenblut-Behandlung funktioniert, davon konnte ich mich bereits ausreichend überzeugen.

Das zweite Phänomen ist die Selbstheilung durch Visualisierung. Ich bin ihm nach meinem Unfall mehrfach begegnet. Das Prinzip: wenn man sich z.B. einen Heilungsprozess in seinem inneren Auge vorstellt, dann unterstützt dies den Körper in seiner Selbstheilungs-Fähigkeit.

Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, beides zu kombinieren. Ich schließe also meine Augen und stelle mir den Vorgang der Eigenblut-Behandlung vor. Ich sehe, wie mir der Stauschlauch am Oberarm angelegt wird. Ich mache meine Hand zur Faust, damit meine Vene hervortritt, sowohl in der Vorstellung, aber auch in Wirklichkeit, das unterstützt die Vorstellungskraft. Ich spüre den PIEKS wenn die Nadel der Spritze durch die Haut in die Vene dringt und sehe vor meinem inneren Auge, wie mein tiefrotes Blut den Spritzenkörper füllt. Die Nadel verlässt meinen Körper wieder und ich drücke einen Tupfer auf die Einstichstelle. Szenenwechsel! Ich spüre, wie die Spritze in meinen Gesäßmuskel eindringt. Jemand drückt den Kolben der Spritze und presst mein eigenes Blut in meinen Körper. In diesem Moment durchzuckt es meinen ganzen Körper – in real! Dann weiß ich, die Information ist angekommen. Das schöne an meinem ganz persönlichen Heilmittel ist, dass ich es immer dabei habe. Und es kostet noch nicht einmal Gewicht!

Ich lege mich wieder früh ins Bett, denn unter zwei Schichten Decken ist der einzige Ort in der Hütte, an dem es mir warm wird. Zum Einschlafen mache ich mir heute mal die Filmmusik zu „Die Fabelhafte Welt der Amelie“ an. Kurze Zeit später setzt starker Regen ein. Er trommelt so stark und laut auf das Dach, dass die zarten Töne von Amelie dem nichts entgegenzusetzen haben. Mit dem Gedanken „Hoffentlich regnet es morgen früh nicht mehr so stark“ schlafe ich ein.

 

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