Tag 55: Zehn Stunden marschieren, aber nur fünf Minuten Pause!

So. 2. August 2015, von der Magdeburger Hütte zum Becherhaus

 

Aufstieg
Aufstieg
es ist ganz ungewohnt, sich nicht ums Fotografieren kümmern zu müssen!
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Morgens um halb zwei wache ich mal wieder vom Regentrommel auf. Es hat die ganze Nacht geschüttet. Ich frage mich, ob das heute den ganzen Tag so weiter gehen wird. Per SMS signalisiere ich meinem Bergführer Hubert, dass ich notfalls einen Alternativplan hätte und er sich melden kann, bevor er startet.

 

Regen verzögert unseren Aufbruch

Um halb sieben ist der Regen schwächer geworden. Dass Hubert sich nicht gemeldet hat werte ich als gutes Zeichen, dass das Wetter besser wird! Und tatsächlich, gegen acht Uhr kommt er gemütlich zur Hütte. Allerdings ist auch er der Meinung, dass wir auf besseres Wetter warten sollten, er rechne damit, dass der Regen ab neun Uhr nachlassen wird.

Wir nutzen die Zeit, um uns kennenzulernen. Ich erzähle ihm von meiner Tour und – vor allem – von meinen Handicaps: schwerer Rucksack, Höhenangst und die alte Verletzung im Sprunggelenk. Jetzt rechne ich mit einer Standpauke, dass ich das nicht schon am Telefon erwähnt habe, doch Hubert bleibt ganz gelassen.

Überhaupt ist er ein Mensch nach meinem Geschmack. Er ist ein ruhiger aber keinesfalls stiller Zeitgenosse, den das Leben geprägt hat. Im Laufe unserer Zeit erfahre ich, dass er auf einer Berghütte aufgewachsen ist. Das prägt bestimmt sehr und so ist es kein Wunder, dass er nie einen anderen Beruf als den es Bergführers ausgeübt hat.

Anschließend erklärt mir Hubert, dass er sich überlegt hat, nicht den klassischen Weg über die Teplitzer Hütte zu gehen, sondern über den Hangender Ferner Gletscher zum Roter Grat und von da aus zum Signalgipfel. Wenn es die Zeit zulässt, machen wir noch einen Abstecher auf den Wilder Freiger.

 

Hubert, der Wegebauer

Um halb zehn ist es endlich so weit. Der Regen ist nur noch ein Nieselregen und nach einer herzlichen Verabschiedung vom Hüttenwirt, mit dem ich mich den Morgen über länger unterhalten hatte, machen wir uns auf den Weg.

Schon nach fünf Minuten bittet Hubert um meine Kamera. Heute übernimmt er den Job des Fotografen! Na, das nenne ich einen Service, dann muss ich mir darum schon mal keine Gedanken machen. Diese Route ist zwar nicht so viel begangen, dauere aber nur unwesentlich länger und sei wesentlich interessanter.

Ich bin total froh, dass Hubert einen sehr gemächliches Tempo vorlegt. Ich würde sogar sagen, noch etwas langsamer als ich es sonst angehe. So arbeiten wir uns langsam aber kontinuierlich über die südliche Stubenscharte (2931 m ü. NN) zum Feuersteinferner vor, auf dem wir recht weit nördlich in einem großen Bogen zur Magdeburger Scharte (3105 m ü. NN) aufsteigen.

Während ich mit meinem Gehen vollauf zu tun habe, ist Hubert nicht im geringsten ausgelastet. Zum Ausgleich betätigt er sich als Wegebauer. Mal kickt er einen Stein vom Weg, dann wieder schließt er eine Lücke im „Weg“, indem er einen 30 kg Klotz hin wuchtet und mit kleineren Steinen ergänzt. Dadurch, dass die Gletscher jedes Jahr mehrere Meter schrumpfen, muss man über Geröll gehen, das noch sehr lose ist. Für ihn ist das Teil seines Berufsethos, es ist quasi Betriebsmittelpflege, schließlich verdient er auf diesen Strecken sein Geld. Und wenn jeder Bergführer das machen würde, wären die Wege in viel besserem Zustand, wobei ich herauszuhören glaube, dass nicht jeder so denkt.

 

Strahlend weißer, unberührter Neuschnee

Immer noch ist es sehr nebelig und aus den Nebelwolken fällt noch reichlich Feuchtigkeit. Ständig muss ich mir meine Brille trocken putzen, damit ich wieder was sehen kann, nur um festzustellen, dass es außer schmutzig-weißem Grund und hellgrauer Nebelwand nichts zu sehen gibt. So habe ich mir meinen Gletscherausflug aber nicht vorgestellt!

Auf dem Feuersteinferner begegne ich das erste Mal auf dieser Tour blankem Eis. Ab einer gewissen Steigung geht man üblicherweise seitlich und stellt den kompletten Fuß aufs Eis, so dass das Sprunggelenk stark seitlich gebeugt ist. Das ist nicht die beste Haltung für meinen Fuß und so bin ich froh, dass bald wieder Schnee kommt, da kann ich wesentlich besser gehen.

Von der Magdeburger Scharte aus verlassen wir recht bald den ausgewiesenen „Weg“ und steuern auf den Hangender Ferner zu, den wir in seiner ganzen Länge überqueren um auf den Geiswandferner zu kommen, auf dem wir uns in Richtung Rotgratscharte halten. Die letzten zweihundert Höhenmeter geht es wieder über Felsen zum Roter Grat (3099 m ü. NN).

Inzwischen ist es nach sechzehn Uhr und wir machen das erste Mal eine kurze Pause von fünf Minuten. Wer setzt sich schon gerne im Nieselregen für eine Pause hin? Ich bin total überrascht, dass ich ohne Pause so gut klar komme, es zahlt sich eben aus, langsam zu gehen!

Heute ist einer der seltenen Tage, an dem sich die Hütte nicht erst ein paar Minuten vor dem Ankommen zeigt. Wir können das Becherhaus schon von hier aus sehen. Allerdings trennt uns ein tiefer Kessel vom Becherhaus, den wir in einem Zweidrittel-Kreis gegen den Uhrzeigersinn herum umgehen müssen. Es wird schätzungsweise noch drei Stunden dauern, bis wir am Becherhaus ankommen werden! Und schon bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich es gut finde, das Ziel schon so früh sehen zu können!

Nach einer kleinen Fotosession – auch Hubert ist leidenschaftlicher Fotograf – steigen wir zur Freigerscharte ab und anschließend wieder hoch auf den Grüblferner, auf dessen Rand wir uns in Richtung Signalgipfel vorarbeiten. Ich kann es kaum glauben, aber hier stapfen wir durch zwanzig Zentimeter tiefen Neuschnee, der in der Nacht gefallen ist! Zur gleichen Zeit verlassen wir die Wolkendecke und haben das erste Mal an diesem Tag so etwas wie eine Weitsicht. Sie lässt erahnen, wie sagenhaft die Sicht bei schönem Wetter sein könnte!

 

Die Vernunft siegt

Um viertel nach sechs stehen wir dann endlich auf dem Signalgipfel (3392 m ü. NN), dem bisher höchsten Punkt unserer heutigen Tour! Zum Greifen nahe scheint der Wilde Freiger neben uns zu liegen. Mit seinen 3418 m ü. NN überragt er alle anderen Gipfel der Gegend. Ich frage Hubert, ob wir noch rübergehen. Auf der einen Seite bin ich schon recht K.O., aber es sieht so nah aus, da wäre es schade, wenn man diesen Gipfel liegen lassen würde. Doch Hubert schüttelt mit dem Kopf. Das würde uns mindestens nochmal eine Stunde Zeit kosten. Da uns aber noch eine Kletterpassage vom Becherhaus trennt, die noch einmal volle Konzentration verlangt, muss ich den Wilden Freiger sausen lassen.

Mit einem lächelnden und einem weinenden Auge richte ich meinen Blick wieder zum Becherhaus. Es wurde in einzigartiger Weise auf den Gipfel eines kleinen Horns gebaut und liegt wie eine uneinnehmbare Burg da. Zu seinen Füßen der Übeltalferner, der mit 6,2 km2 der größte zusammenhängende Gletscher der Stubaier Alpen ist. Obwohl auch er unter erheblichem Schwund leidet, misst der Übeltalferner an seiner dicksten Stelle immer noch 240 Meter! Über diesen Koloss werden wir morgen gehen!

Wir verlassen den Signalgipfel auf einem Klettersteig, der den Südgrat hinunterführt. Sofort finde ich wieder Gefallen an Klettersteigen und nehme mir vor, bald möglichst wieder einen Via Ferrata-Ausflug in Angriff zu nehmen.

 

20 Matratzen für zwei Bergsteiger

Jetzt müssen wir nur noch ein paar Höhenmeter auf Schnee runtergleiten und schon stehen wir vor dem seilversicherten Zustieg auf das Becherhaus. Nach fast zehn Stunden Gehen ohne nennenswerte Pausen stehe ich um viertel nach sieben endlich vor der höchstgelegenen Schutzhütte Südtirols, dem Becherhaus (3195 m ü. NN)!

Sowohl von Hubert als auch von der Hüttenwirtin erhalte ich Glückwünsche für die gelungene Tour, die mir wie Honig runtergehen. Ja, doch, ein wenig bin ich selbst stolz über den heutigen Tag.

Während der Rest der vollen Stube schon beim Nachttisch ist, machen wir uns über die schöne heiße Suppe und unser erstes Radler her. Ich bin überrascht, dass trotz des schlechten Wetters doch recht viele Menschen hier oben sind!

Hubert zieht sich nach dem Abendessen zur Kontaktpflege in die Küche zurück und ich erfreue mich der angenehmen Gesellschaft, die der Zufall mir an den Tisch gesetzt hat.

Um elf Uhr werden wir dann freundlich aber bestimmt von der Wirtin ins Bett geschickt. Wahrscheinlich war es pfiffig, dass ich bei der Anmeldung erwähnt hatte, dass ich mit Hubert zusammen komme. So können Hubert und ich uns über ein ganzes Lager nur für uns zwei freuen, während die anderen sich in ihren engen Zimmern abquälen müssen.

 

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