Tag 56: Wie klein und unbedeutend wir Menschen doch sind!

Mo. 3. August 2015, vom Becherhaus zum Gasthof Hochfirst

 

Am Morgen
Am Morgen
Ein herrlicher Ausblick auf den Übeltalferner erwartet uns am Morgen.
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Heute stehen wir nicht ganz so unter Zeitdruck, wobei Hubert den weiteren Weg haben wird als ich. Deshalb frühstücken wir gemütlich und ausgiebig, bevor wir warm eingepackt aufbrechen.

 

Rechts überholt

Blauer, wolkenfreier Himmel erwartet uns bereits! Es ist ein Unterschied zu gestern wie Feuer und Wasser. In voller Pracht fließt der Übeltalferner im Schein der Sonne vor unseren Füßen dahin. Ich bin mir sicher: die nächsten zwei Stunden über den Gletscher werden mich für das schlechte Wetter gestern vollauf entschädigen!

Da sich beim Abstieg vom Becherhaus an einem dreißig Meter kurzen, klettersteigartigem Abschnitt ein Stau bildet, seilt mich Hubert fix über die Direttissima ab. Ich freue mich wie ein Schneekönig über diese kleine Action-Einlage! Unten sind wir wesentlich schneller, um uns für den Gletscher vorzubereiten, so dass wir vor der anderen Seilschaft aufbrechen können. Welch ein Kontrast! Weißer Schnee vor königsblauem Himmel. Der absolute Traumtag! Ich bin entzückt vor so viel Glück!

 

Ein unbedeutendes Sandkorn in der Weltgeschichte

Da der Schnee über Nacht wieder hart gefroren ist, kommen wir gut voran. Sogar meine Steigeisen verlassen mich heute nur einmal. Gestern ist mir alle halbe Stunde eines abgegangen. Diese Steigeisen passen einfach nicht zu meinen Schuhen. Ich werde sie nach meiner Tour wieder verkaufen, so macht das keinen Sinn!

In einer geschwungen Linie gehen wir über den oberen Teil des Übeltalferners. Nur an einer schneefreien Stelle passieren wir kleineren Spalten, in die ich einen Blick werfen kann. Ich werfe einen Stein in eine Spalte und bin entsetzt, wie lange ich ihn noch fallen höre! Die Vorstellung, dass wir gerade über 240 Meter dickes Eis gehen, erfüllt mich mit Ehrfurcht! Für diesen Gletscher sind wir nicht mehr als ein Sandkorn auf seinem Rücken. Mir wird bewusst, wie klein und unbedeutend wir Menschen sind. Kopfschüttelnd muss ich daran denken, wie wichtig wir Menschen uns oft nehmen, dabei ist die Menschheit nicht mehr als ein kurzes Zucken des Riesen, auf dessen Rücken ich gerade stehe!

 

Speedy Gonzales der Berge

Zuletzt durchschreiten wir eine lange, flache Mulde und verlassen den Gletscher an der Schwarzwandscharte. Auf der anderen Seite behält mich Hubert noch am Seil, bis wir ein steiles Schneefeld überquert haben. Nachdem wir unsere Steigeisen für heute endgültig ablegen, rutschen wir auf unseren Schuhen weitere, flachere Schneefelder runter. Auf diese Weise vernichten wir ca. 200 Höhenmeter in gerade mal fünf Minuten. Ich darf gar nicht daran denken, wie viel Mühe es gemacht hat, die gleiche Höhe aufzusteigen!

Wenige Minuten später, fast gleichzeitig mit dem ersten Glockengebimmel einer Kuh, meint Hubert, dass ich nun wieder alleine klar kommen werde. Er werde sich jetzt in seinem Tempo auf seinen Nachhauseweg machen.

Gesagt, getan, rauscht er in einem Tempo davon, dass mir ganz anders wird! Da lässt Hubert gerade den Bergläufer in sich freien Lauf. Vor lauter Staunen komme ich hingegen kaum vorwärts. Fasziniert klebt mein Blick an ihm! Zehn Minuten später ist er als kleiner Punkt hinter einer Kuppe verschwunden. Als ich später auf der selben Kuppe stehe, ist von Hubert keine Spur mehr zu sehen.

 

Auf den Spuren meines geplatzten Traums

Während ich gemächlich zum Timmeler Schwarzsee absteige, lasse ich die vergangenen eineinhalb Tage Revue passieren. Mit dem Wissen von heute stelle ich fest, dass das Gletscher Gehen im Nebel für mich kein echter Genuss war. Es fehlt mir vollständig das optische Erlebnis! Dafür ist gerade das Gehen auf blankem Eis für mein linkes Sprunggelenk besonders anstrengend. Heute hingegen passte alles! Super Wetter, ein riesiger Gletscher. Und ich bin ein paar Spalten näher gekommen, was heute der einzige aufregende Moment im Bezug auf das Gletscher Gehen war. Fazit: bei schönem Wetter immer wieder gerne!

Am Schwarzsee angekommen, enttäuscht mich ein Schild „Baden verboten“, denn ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, mich kurz abzukühlen. Jetzt, sechshundert Höhenmeter unterhalb des Gletschers, ist es wieder recht warm. Und ich fürchte, es wird heute noch viel wärmer, denn ich werde weitere 700 Meter tiefer kommen. Da Leute am See sind, will ich das Schild respektieren und kühle nur meinen Oberkörper ab.

Das tut auch schon sehr gut und so schraube ich mich aufgefrischt Meter für Meter bis zur Timmelsalm runter. Wieder wird mir bewußt, wie groß der Unterschied ist zwischen dem alleine Gehen und dem Gehen in Begleitung. Beides hat seine Vorzüge. Während ich alleine alles viel intensiver wahrnehme, bietet das Zusammengehen Geborgenheit und Unterhaltung. Deshalb bin ich über die Mischung aus Solo und in Gesellschaft gehen sehr zufrieden.

An der Timmelsalm mache ich bei einer Apfelschorle rast und komme nach einer Weile mit einem Pärchen ins Gespräch. Da wir uns angeregt unterhalten, gehen wir anschließend gemeinsam weiter, runter bis zur Timmelsbrücke.

Die beiden wollen von da aus mit dem Bus zurück zu ihrem Auto, ich hingegen habe keine Lust, dem Wanderweg auf einer Straße ohne Bordstein zu gehen, die auch noch durch zwei Tunnel führt. Da nehme ich lieber einen kleinen Umweg über den Europäischen Fernwanderweg E5 in Kauf. Das weckt Erinnerungen! Zwei Wochen nach meinem Unfall mit meinem Fuß wollte ich die Alpen über den E5 überqueren. Die Diagnose, dass ich nie mehr normal gehen werde können, hat damals jäh meinen Traum platzen lassen. Jetzt, fünf Jahre später, komme ich unerwartet in den Genuss, zumindest zwei Kilometer meiner damaligen Tour zu gehen.

 

Das bescheidene Glück eines Bergpilgers

Wenn ich so auf die letzten sieben Wochen zurückblicke, ist für mich aber eines klar: ich werde wohl nie mehr den E5 gehen. Zum einen wäre er mir heute zu leicht. Zum anderen ist er inzwischen zu überlaufen und zu kommerzialisiert. Es gibt inzwischen Veranstalter, die gruppenweise Menschen über den E5 treiben und dabei ihr Gepäck im Auto hinterherfahren. Es soll sogar soweit gehen, dass diese zahlende Kundschaft ganze Strecken mit dem Auto gefahren wird, nur damit sie dann sagen können, sie haben die Alpen in sieben Tagen überquert. Diese Vorstellung widert mich an, für so was fehlt mir jegliches Verständnis! Wo ist da bitte der Sinn?

Auf dem Becherhaus fragte mich jemand, warum ich vorzugsweise eher einsamere Strecken ausgesucht habe. Das ist mir bis dahin gar nicht besonders aufgefallen, aber wahrscheinlich lag es an meiner Herangehensweise bei der Planung. Ich würde immer wieder solchen Wegen den Vorzug geben!

Mein heutiges Etappenziel ist der Gasthof Hochfirst, der direkt an der Timmelsjochstraße liegt. Er ist ein beliebtes Ziel nicht nur bei E5 und anderen Fernwanderweg-Begehern sondern auch bei Rad-, Motorad- und Autofahrern, weshalb ich ein bisschen Sorge habe, keinen Platz zu bekommen. Ich wollte heute ausnahmsweise reservieren, bin aber telefonisch nicht durchgekommen. Deshalb muss ich es nun auf gut Glück versuchen. Und das Glück ist auf meiner Seite! Ich bekomme noch einen Platz im Lager.

Als ich erfahre, dass es sogar eine warme Dusche gibt, bin ich vollends happy! Seit vier Tagen nicht mehr geduscht, möchte ich mir inzwischen schon selbst aus dem Weg gehen!

Nach dem Abendessen nehme ich meinen Glas Wein und setze mich draußen auf die Terrasse. Da der Pass ab 20 Uhr geschlossen wird, kehrt langsam Ruhe ein und ich kann den Blick auf die Texelgruppe genießen, an der meine nächste Etappe entlang geht. Es dauert nicht lange, als sich ein Mann aus dem Siegerland, vielleicht etwas jünger als ich, zu mir gesellt. Sascha ist das erste Mal auf einer mehrtägigen Tour unterwegs, hat sich aber etwas übernommen. Zu viel Gepäck und zu große Etappen haben ihm heute die Tour vermasselt. Irgendwie kommt mir das bekannt vor! Morgen wird er mit dem Bus zurück zu seinem Auto fahren und beim nächsten Mal einiges anders machen. Irgendwie tut mir Sascha total leid, weil er seine Tour vorzeitig abbrechen muss. Ich hoffe nur, dass er es wirklich noch mal probiert, denn es entgeht ihm so viel Schönes!

 

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