Tag 58: Tränen, die das Herz reinigen

Mi. 5. August 2015, vom Gasthof Hochfirst zum Rauhjoch-Biwak

 

Abschiedsfoto
Abschiedsfoto
Bevor wir uns trennen, lasse ich mich noch mit Katarina und Jens fotografieren.
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Ich bin noch mit Katarina und Jens zum Frühstück verabredet. Da wir alle heute keine sehr große Etappe vor uns haben, genießen wir ein ausführliches Frühstück bevor sich unsere Wege wieder trennen.

 

Mit fünfhundert Kühen auf Du und Du

Vom Wirt lasse ich mir noch vier mit Käse belegte Brötchen machen – mit vier Euro wahrscheinlich meine teuersten Brötchen auf dieser Tour – da ich damit liebäugele, heute Abend mal wieder in einem Biwak zu übernachten. So kann ich die Strecke bis zur Zwickauer Hütte in zwei kleinere Etappen teilen. Mein rechtes Knie und mein linkes Sprunggelenk können immer noch ein wenig Schonung vertragen.

Um neun Uhr breche ich bei wolkenfreiem, blauem Himmel auf. Keine Stunde später liefere ich mir ein Wettrennen mit der Hitze. Mein Plan: je schneller ich an Höhe gewinne, desto weniger heiß wird es. Doch die Sonne ist schneller und hat mich bereits in einen Mantel aus warmer Luft gehüllt. Ich schaffe es nicht, die zunehmende Hitze durch Höhe wett zu machen. Stattdessen tropft mir mal wieder der Schweiß auf die Brillengläser und in die Augen.

Nach einer Stunde passiere ich noch die Seeber Alm bevor ich in die unberührten Hänge der Texelgruppe eintauche. Eine weitere Stunde später komme ich an einer winzigen, vielleicht 3×3 Meter großen Hütte an. Vor ihr sitzt ein Mann meinen Alters, sehr gepflegt, und schaut regelmäßig durch sein Fernglas. Auf meine Frage, ob ich mich zu ihm setzen darf, erhalte ich ein Brett, das ich mir als Bank auf die Steine vor der Hütte legen kann. Ich erfahre, dass er hier als Hirte für die Seeber Alm arbeitet. Diese Alm ist eine Gemeinschaftsalm. Rund zwei Dutzend Bauern schicken ihre Rinder im Frühjahr auf die saftig grünen Almböden. Fünfhundert Tiere muss Franz, der Hirte, mit seinem Co-Hirten und zwei Hunden hüten. Bereits nach drei Tagen kenne er alle fünfhundert Tiere, erfahre ich völlig erstaunt! Als am Horizont eine Person auftaucht, lässt mich Franz alleine und kümmert sich in der Hütte um die Suppe, die die beiden gleich essen werden.

 

Meine ersten zwei Subskribenten

Auf meinem weiteren Weg komme ich an einigen der fünfhundert Tiere vorbei. Mit ist es aber ein völliges Rätsel, wie man all die Tiere auseinanderhalten kann!

Als die Sonne hinter tief hängenden Wolken verschwindet und von Wind und Nebel abgelöst wird, frischt es augenblicklich derart auf, dass ich Jacke und Mütze raushole. Vor zwei Stunden habe ich noch über die Hitze geflucht und jetzt ist es mir zu kalt!

Seit ein paar Tagen habe ich ein mentales Tief. Meine Stimmung kleidet sich in Moll und meine Fähigkeit zur Selbstmotivation ist auf einem Tiefpunkt angelangt. So verwundert es mich nicht, dass mich die Überschreitung des Rauhe Joch’s leicht überfordert, obwohl ich schon wesentlich anspruchsvollere Passagen gemeistert habe. Da kommt es mir sehr gelegen, dass sich mir von hinten zwei Wanderer langsam nähern. Eigentlich wäre mir nach einer Pause, doch so lange die Beiden in meiner Nähe sind, nutze ich diese Gelegenheit, hier nicht alleine gehen zu müssen und laufe weiter.

Als das Gelände endlich wieder moderater wird, sattele ich zur Pause ab und wenige Minuten später haben mich die beiden auch schon eingeholt. Die scheinen auch auf einem Fernweg unterwegs zu sein, sehen aber wesentlich frischer aus als ich mich gerade fühle. Ich erzähle ihnen von meiner Reise und dass ich darüber einen Blog schreibe. Prompt bekomme ich die ersten zwei Vorbestellungen für das Buch, von dem ich noch gar nicht wusste, dass ich es schreiben würde!

 

Willkommen im Ufo

Während ich eine meiner Luxus-Semmeln verspeise, werden die Beiden immer kleiner bis sie hinter dem Horizont verschwinden. Von meinem Rastplatz aus sehe ich schon die Biwak-Schachtel. Sie ist noch zu weit weg, um Details zu erkennen, aber sie sieht aus wie einer dieser amerikanischen Wohnwagen aus Alu. Gleichzeitig sehe ich ganz weit hinten im Dunst die Zwickauer Hütte. Eigentlich könnte ich auch zur Zwickauer Hütte durchlaufen. Aber zum einen möchte ich im Moment wirklich meine Etappen kurz halten und zum anderen freue ich mich auf die Nacht im Biwak.

Eine halbe Stunde später stehe ich schon vor meinem heutigen Zuhause. Es ist ein futuristisch anmutende, sechseckige Kapsel auf Stelzen. Fast, als wäre ein Ufo gelandet. Als ich die Türe öffne, entdecke ich den Oberknaller: als Dach hat diese Kapsel eine Glaskuppel. Durch sie kann ich nicht nur den dahinter liegenden Berg sehen, es kommt auch unheimlich viel Tageslicht hinein. Nach und nach merke ich einen weiteren Pluspunkt der Glaskuppel: sie sorgt dafür, dass das Innere der Kapsel sehr warm wird. Genau das richtige für meine fröstelnde Gliedmaßen!

Dieses Biwak bietet sechs Schlaflager, wobei jedes Lager so großzügig bemessen sind, dass Pärchen im Notfall problemlos auch mit einem Lager auskämen. Lediglich die kulinarische Ausstattung kann mit dem Walter-Brenninger-Biwak leider nicht mithalten. Aber dafür habe ich ja die teuren Käsebrote mit. Die allerdings haben inzwischen deutlich unter dem Druck im Rucksack gelitten. Dass das weiche Pappzeug um den Käse herum mal eine Semmel war, ist kaum mehr zu erahnen.

 

Ich kann meine Tränen nicht mehr unterdrücken

Doch bevor es ans Essen geht, muss erst mal Wasser her, meine Vorräte habe ich schon längst wieder ausgeschwitzt. Auf dem Weg hier her habe ich zwar einige Bachläufe überquert, das Wasser sah aber jedesmal so trüb aus, dass ich es nicht einmal mehr meinem, mittlerweile mit fast allen Wassern getränkten Magen antun möchte, zumal oberhalb eine Herde Schafe grast. Bewaffnet mit zwei Kochtöpfen gehe ich intuitiv leicht den Hang hoch. Bingo! Nach zehn Minuten habe ich eine kleine Quelle entdeckt. Hier sprudelt glasklares Wasser direkt aus dem Felsen heraus. Das sollte doch genießbar sein! Vorsichtshalber koche ich es aber noch ab, bevor ich es – mit einer Magnesiumtablette versetzt – trinke. Beim zweiten Untersuchen des Raumes finde ich noch eine abgelaufene Kürbis-Fertigsuppe. Mein Magen macht Freudensprünge, ob er die Schnauze voll von den Käsesemmeln hat oder er sich einfach nur auf was Warmes freut, erfahre ich nicht.

Anschließend nutze ich die Ruhe, die Berichte der letzten Tage nachzuschreiben. Ich fange gerade mit dem heutigen Tag an, als die Akkuleistung meines Handys auf unter 20% sinkt. Das ist meine magische Grenze, der Rest ist für Notfälle reserviert. Also verbringe ich noch eine Weile, das Hüttenbuch zu studieren.

Dann fällt mir wieder ein Lied ein, das mir meine liebe Tante Angelika mit auf den Weg gegeben hat. Heute ist ein guter Tag, es wieder mal zu lesen:

Möge die Straße uns zusammenführen und der Wind in Deinem Rücken sein;

Sanft falle Regen auf Deine Felder und warm auf Dein Gesicht der Sonnenschein;

Und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand, und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.

Führe die Straße, die Du gehst, immer nur zu Deinem Ziel bergab;

Hab‘, wenn es kühl wird, wärmende Gedanken und den vollen Mond in dunkler Nacht;

Und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand, und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.

Hab unterm Kopf ein weiches Kissen, habe Kleidung und das täglich Brot;

Sei über vierzig Jahre im Himmel, bevor der Teufel merkt: Du bist schon tot;

Und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand, und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.

Bis wir uns mal Wiedersehen, hoffe ich, dass Gott Dich nicht verlässt;

Er halte Dich in seinen Händen, doch drücke seine Faust Dich nie zu fest;

Und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand, und bis wir uns Wiedersehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.

Ich habe mir dieses Lied schon einige Male durchgelesen, doch heute kann ich meine Tränen einfach nicht mehr zurückhalten! Während der letzten Wochen haben die Berge meine harte Schale geknackt und mich unglaublich sensibel gemacht. Dazu kommt meine ohnehin melancholische Stimmung. Da ich hier im Biwak alleine bin, lasse ich die Tränen einfach laufen. Danach fühle ich mich unglaublich befreit! Danke, Angelika, dass Du mir dieses Lied mit auf den Weg gegeben hast!

Obwohl ich heute nur fünfeinhalb Stunden unterwegs war, schlafe ich früh ein. Gegen Mitternacht werde ich von einem merkwürdigen Geräusch geweckt. Immer wieder klappert und rumpelt es. Ich erwarte jeden Moment, Schritte die Treppe hochkommen, doch sie bleiben aus. Erst als ein Blöcken ertönt, ist klar, wer für die nächtliche Ruhestörung verantwortlich ist: es sind die Schafe, die unter dem Biwak Schutz suchen. Ich bin den vierbeinigen Wollproduzenten sogar dankbar, dass sie mich geweckt haben, denn so kann ich aus meinem Bett heraus durch die Glaskuppel den Sternenhimmel genießen!

 

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