Tag 59: Vom überteuerten Pappbrötchen zum Gourmet-Gulasch

Do 6. August 2015, vom Rauhjoch-Biwak zur Zwickauer Hütte

 

Wetteraussichten
Wetteraussichten
noch vom Bett aus sehe ich, dass das Wetter gut ist.
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Um sieben Uhr erst schäle ich mich aus meinem warmen Nest heraus. Ich bin überrascht, wie warm es immer noch hier drinnen ist. Die Kombination von guter Isolierung und Glaskuppel sorgt dafür, dass diese Zelle wunderbar ohne Heizung auskommt.

 

Einsam in den Bergen

Als erstes gehe ich noch mal Wasser für den heutigen Tag holen. Das umständliche und zeitintensive Abkochen erspare ich mir heute aber, eigentlich dürfte da nichts im Wasser sein.

Zum Frühstück gibt es – genau, wieder ein Luxus-Käsebrötchen. Bei diesem Wucherpreis muss ich mir einfach bewusst machen, welch edles Frühstück ich hier gerade genieße! Als Nachtisch gibt es noch ein paar handvoll Trockenfrüchte. Seit meinem Debakel auf dem Pinzgauer Spaziergang habe ich immer eine Nuss- oder Trockenfrüchtemischung dabei. Das ist zwar zusätzliches Gewicht, ich trage es aber gerne!

Schnell schreibe ich noch etwas ins Hüttenbuch, bevor ich um acht Uhr bei strahlendem Sonnenschein aufbreche. Die Etappe heute ist höchstens drei Stunden lang. Doch ich komme heute von Anfang an nicht auf Touren. Offensichtlich habe ich das Tal meines Stimmungstiefs erreicht. Obwohl es landschaftlich reizvoll ist, kann ich einfach keine Freude empfinden. Das erste Mal seit acht Wochen fühle ich mich in den Bergen einsam. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist!

 

Biwak statt Zeltplane

Kurz bevor der letzte, fünfhundert Höhenmeter lange Aufstieg beginnt, versperrt ein Bach mir den Weg. Vergeblich suche ich nach einer Stelle, an der ich trockenen Fußes rüberkomme. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die Wasserfestigkeit meiner Stiefel zu testen. Ich taste mich mit meinen Stöcken vor, doch irgendwie habe ich mich offensichtlich verschätzt! Ich sinke mit meinem Schuh so tief ein, dass mir das Wasser in vollem Schwung oben reinläuft. Gut, dass die Sonne scheint und ich eh vor dem Aufstieg noch eine Pause machen möchte. So können Schuhe und Füße wieder schön trocknen.

Als alles wieder halbwegs trocken ist, mache ich mich an Aufstieg. Von Anfang an graut es mir davor. Es gibt keine besonders ausgesetzten Stellen, es ist einfach so, dass keine Faser meines Körpers Lust auf das verspürt, was da noch ansteht. So ziehen sich die letzten knapp eineinhalb Stunden wie Kaugummi.

Auf der Hütte setzen sich wenig später zwei junge Männer zu mir an Tisch. Sie übernachten immer draußen und sind nur mal für ne warme Suppe den Abstecher hier hoch zur Hütte gegangen. Als ich Ihnen von dem Biwak erzähle, sind sie sofort Feuer und Flamme und beschließen, heute dort zu übernachten.

 

Ein Aussteiger und Lebemann

Gerade nehme ich mir vor, an meinen Berichten weiter zu schreiben, als zwei Männer um die fünfzig und kurz darauf ein weiterer Anfang dreißig sich zu mir an Tisch setzen. Irgendwie sind alle drei auf ihre Weise kleine Extremisten. Die Zweiergruppe aus Oberbayern geht den Tiroler Höhenweg, machen aber jeden Tag gleich zwei Etappen. Der junge Mann aus Sachsen Anhalt ist heute Morgen von Pfelders aus über die Stettiner Hütte auf die Hochwilde aufgestiegen, anschließend wieder zur Stettiner Hütte runter und von da aus zur Zwickauer Hütte. Das macht 22 km bei 2600 Meter Aufstieg und 1200 Meter Abstieg. Kein Wunder, dass er am Ende völlig k.o. war!

Wir sind so schnell eine ausgelassene Gruppe, dass Heinz, der Hüttenwirt, nicht so recht glauben will, dass er unsere Bestellungen auf drei unterschiedliche Deckel schreiben muss.

Heinz ist ein Bilderbuch-Aussteiger. Irgendwann hat ihn sein Finanzberater-Dasein derart angeödet, dass er sich gegen das viele Geld und für das Leben entschied. Heute verdient er seinen Lebensunterhalt nur noch mit Sachen, die ihm Spaß machen: im Sommer als Hüttenwirt, außerhalb der Saison als Musiker und Eventkoch. Das er mit seinem Leben im Reinen ist, sieht man ihm total an!

 

Slow Cooking – kein Trend sondern eine Frage der Physik

Während wir unseren Spaß haben, sorgt Heinz am Nebentisch ebenfalls für gute Laune. Er hat zwei befreundete Ehepaare, die ihn hier oben besuchen, ganz geschickt zum Zwiebelschälen für das Gulasch heute Abend eingespannt. Heinz weiß derweil, seinen zur Küchenarbeit verdonnerten Besuch mit reichlich Rotwein und eigener Musik bei Laune zu halten.

Doch als die vier Freunde sich eine Stunde vor dem Abendessen aus dem Staub machen, werden wir doch etwas hellhörig! Wissen sie etwas über das Gulasch, das wir nicht wissen?

Was das Abendessen angeht, werden wir ganz schön auf die Folter gespannt! Gulasch zu kochen ist auf knapp 3000 m ü. NN eine echte Geduldssache, da der Siedepunkt auf dieser Höhe bei 80° C liegt. Dafür ist es aber super zart und schmeckt köstlich! Diese langsame Art des Kochens erinnert mich an ein Nobelrestaurant, in dem ich mal mit einem Geschäftspartner gegessen hatte.

Nach dem Essen sitzen wir noch lange zusammen, bevor jeder zu seinem Schlafplatz verschwindet.

 

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