Tag 60: Ein trauriger Tag

Fr. 7. August 2015, von der Zwickauer Hütte zur Stettiner Hütte

 

Die Oberbayern
Die Oberbayern
Zu Anfang stürmen Sie auf und davon.
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Wir vier von gestern Abend haben und auf sieben Uhr zum Frühstücken verabredet, bevor unsere Wege uns wieder in die unterschiedlichen Himmelsrichtungen verstreuen.

 

Ein Wettrennen ohne Gegner

Die beiden Oberbayern wollen heute – wie ich auch – auf die Stettiner Hütte gehen. Im Unterschied zu mir werden sie da aber nur zu Mittag essen und dann weiter nach Pfelders absteigen. Mir ist aber nach einer weiteren kurzen Etappe. Allerdings gibt es ein riesiges Fragezeichen! Die Stettiner Hütte ist im Februar 2014 von einer Lawine teilweise weggerissen worden. In den letzten Tagen habe ich völlig unterschiedliche Informationen bekommen, ob man dort übernachten kann. Sie reichen von „überhaupt keine Schlafplätze“ über „es haben welche in der Gaststube auf dem Boden geschlafen“ und „es soll ein Zelt geben“ bis hin zu „es gibt einige wenige Schlafplätze in einer Notunterkunft“. Damit kann ich leider nicht viel anfangen. Anrufen will ich aber auch nicht, denn im Zweifel wimmeln sie mich ab obwohl ich irgendwo einen Platz finden würde. Also werde ich abwarten müssen, bis ich vor Ort bin. Allerdings muss ich meine Kraft so einteilen, dass ich im Zweifel vier Stunden weitergehen kann bis zur nächsten Unterkunft.

Gemeinsam brechen wir auf, aber schon nach hundert Metern ist klar: mit deren Tempo kann und will ich nicht mithalten. Ich lasse sie davonlaufen und gehe wieder in meinen bewährten Rhythmus über. Schnell werden sie kleiner und verschwinden hinter der nächsten Kurve während ich wieder alleine bin.

Eine Stunde später sehe ich sie auf einmal wieder vor mir. Es scheint, als hätten sie ihr anfängliches Tempo nach dem ersten Abstieg nicht mehr halten können. Jetzt ist meine Neugier geweckt, ob sie immer noch schneller sind als ich oder nicht. Ich merke mir ihre aktuelle Position und stoppe die Zeit, in der ich an diesem Punkt ankomme: zwölf Minuten! Ich bin sehr überrascht, dass ihr Vorsprung nicht größer ist, zumal sie nur als kleine Punkte zu erkennen sind. In regelmäßigen Abständen wiederhole ich die Messung. Mal schrumpft der Vorsprung auf neun Minuten, dann wird er wieder etwas größer. Zufrieden stelle ich wieder einmal fest, dass es sich nicht auszahlt, am Anfang zu schnell loszulaufen. In der Ruhe liegt die Kraft!

Eine halbe Stunde vor der Hütte stoße ich auf dem sehr gut ausgebauten Meraner Höhenweg auf eine Gruppe Mountainbiker. Ich hänge mich an deren Zweier-Spitze und lasse mich von ihnen mitziehen. Eine zeitlang unterhalte ich mich hechelnd mit einem von ihnen, am Ende aber kann ich mit ihrem Tempo nicht mithalten, da die beiden hin und wieder ein paar Meter fahren. Dennoch macht es mir endlich wieder Spaß, in die Vollen zu gehen! Das werte ich als gutes Zeichen, dass mein Tief langsam ausklingt.

Oben angekommen, blicke ich in die zwei grinsenden Gesichter meiner beiden Oberbayerischen Bergkameraden. Der eine mümmelt sich schon einen Kuchen rein während sein Kollege genüsslich das erste Bierchen wegzischt. Fünfzehn Minuten seien sie schon da, das passt gut zu meiner Schätzung.

 

Undank ist der Lohn der Stettiner Hüttenmannschaft

Nachdem auch ich was Kühles zum Trinken habe, kümmere ich mich erstmal um die wichtigste Frage des Tages: kann ich heute hier übernachten? Den intensiven Blick in Kalender werte ich schon mal als gutes Zeichen, scheint das Übernachten offensichtlich grundsätzlich möglich zu sein. Dann kommt das erlösende JA! Super, dann habe ich heute Nachmittag frei!

Dann erst habe ich ein Auge für die Zerstörung der Stettiner Hütte. Einem Fotobuch entnehmen wir, dass die Hälfte des Erdgeschosses durch eine Lawine weggefegt wurde. Bizarr sehen die Bilder aus, auf denen z.B. neben dem Bett direkt der Schnee zu sehen ist. Unbeschreiblich muss die Wucht gewesen sein, mit der die Schneemassen durch die Hütte geschossen sind. Inzwischen hat man die Hütte vollständig abgetragen und neben dem ursprünglichen Fundament eine Behelfshütte gebaut. Wobei ich finde, das Wort Behelf wird dem Ergebnis nicht im Geringsten gerecht, da habe ich manch reguläre Hütte in schlechterem Zustand erlebt. Trotzdem gibt es Menschen, die für die aktuelle Situation kein Verständnis aufbringen können und an allem etwas auszusetzen haben. Diese Ignoranten gehen mir – sorry für die Ausdrucksweise – auf den Sack! Ne, wirklich, da tun die Wirtsleute hier schon alles, damit wir Wanderer und Bergsteiger ein Dach über dem Kopf haben, und das ist der Dank.

 

Absolute Leere

Meine beiden Bayerischen Begleiter verabschieden sich und so bin ich wieder alleine. Während ich so dasitze, denke ich darüber nach, in welch außergewöhnlichem Zustand ich mich seit nunmehr vier Wochen befinde. Während sich in den ersten vier Wochen – zumindest in den Zeiten, in denen ich nicht gelaufen bin – immer wieder Gedanken über entfernte Themen in meinem Kopf streunten, ist inzwischen in meiner Denkmaschine Ruhe eingekehrt. Auch meinen eBook-Reader habe ich seither nicht mehr angemacht. Einzig Gedanken über das Hier und Jetzt werden noch verarbeitet. Über den aktuellen Tag hinaus blicke ich nur noch, wenn ich die Etappen der nächsten Woche durchgehe. Zufrieden stelle ich fest: ich habe eines meiner Ziele bereits erreicht: ich habe meinem Kopf frei bekommen! In diesem Zustand war ich vermutlich das letzte Mal in meiner frühen Jugend gewesen. Er wirkt unfassbar beruhigend auf mich. Ja, ihm wohnt beinahe etwas Heiliges inne! Mit ist bewusst, dass dies eine seltene und vor allem endliche Phase ist und achte sehr darauf, dass sie nicht vorzeitig endet.

 

Ein Danke, an das ich mich erst gewöhnen musste

Meine Gedanken hingegen enden, als ein Herr, der einen Tisch weiter sitzt, mir zu verstehen gibt, dass die Kaiserschmarren-Portion viel zu groß ist und bietet mir eine Hälfte an. Ehrlich gesagt habe ich auch schon mit einem Nachmittags-Dolce geliebäugelt und so nehme ich sein Angebot gerne an. Er möchte nichts dafür haben, weshalb ich mich mit einem ehrlich gemeinten „Vergelt’s Gott“ bedanke. Es ist nicht das erste Mal, dass mir jemand etwas Gutes zukommen ließ, bereits ein paar Mal wollte mir jemand ein Getränk oder gar das Essen ausgeben. Anfangs fand ich es sehr unangenehm, Almosen anzunehmen, doch irgendwann habe ich akzeptiert, dass es den Menschen ein Bedürfnis zu sein scheint, mich auf diese Weise ein wenig zu unterstützen oder sich für eine schöne Zeit zu bedanken.

 

Traurige Nachricht

Nachdem mein Handy wieder aufgeladen ist, kann ich endlich an meinen Texten weiterschreiben. Als ich das Lied meiner Tante Angelika abtippe, muss ich mir wieder ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen. In diesem Moment signalisiert ein Pling, dass eine neue E-Mail angekommen ist. Es ist Bianca mit einer traurigen Nachricht: Lilly, unsere Wellensittich-Dame, ist heute Nacht gestorben. Diese Nachricht ist zu viel für mein derzeit hypersensibles Gemüt. Wieder kullern mir Tränen die Wangen runter. Ja, es ist „nur“ ein Vogel und ich hätte nie gedacht, dass mich der Tod eines Wellensittich so mitnehmen kann. Aber hier oben sind eben nicht nur die positiven Wahrnehmungen viel intensiver, auch Trauer und andere negativen Gefühle erlebe ich viel intensiver! Lilly hat uns immerhin acht Jahre Freude bereitet und ist mir sehr an’s Herz gewachsen. Das Traurigste daran ist, dass ich sie in ihrer letzten Stunde im Stich gelassen habe! Vor meiner Tour war genau das Szenario meine größte Sorge. Mit statistischer Wahrscheinlichkeit habe ich mir diese Sorge immer wieder ausgeredet, doch jetzt ist genau das Unwahrscheinliche passiert!

 

Sorgen um einen Kameraden

Da ich mich nicht mehr in der Lage fühle, weiterzuschreiben, lege ich mich auf mein Bett und döse vor mich hin. Ich werde erst wieder aus meinen Gedanken gerissen, als das Lager sich langsam füllt. Erst kommen zwei Stuttgarter rein, dann drei Italiener und später noch mal zwei Deutsche. Jedes mal muss ich meine Geschichte wiederholen, im Falle des Italieners darf ich sie zur Abwechslung mal wieder in Englisch zum Besten geben.

Wir Deutschen eröffnen zur Abendessenszeit einen neuen Tisch. Die letzten Beiden erwarten noch einen Kameraden, der heute vom Tal kommend zu ihnen stoßen will. Allerdings ist inzwischen auf unserer Bergseite ein ausgewachsenes Gewitter im Gange. Ein bisschen Sorgen machen wir uns alle. Zwischendurch gab es Telefonkontakt, woraus wir wissen, dass er auf halber Höhe ist. Ungeduldig sitzen wir am Fenster und behalten den Meraner Höhenweg im Auge. Nach einer gefühlten Ewigkeit ruft einer: „ich hab was gesehen!“. Tatsächlich erkennen wir wenige Minuten später einen Menschen den Weg hochkommen. Wir schätzen, dass er noch eine halbe Stunde bis zur Hütte braucht, doch es wird am Ende länger dauern. Seine beiden Freunde laufen ihm entgegen und nehmen ihn erleichtert in Empfang. Nur den Rucksack, den wollte er sich nicht nehmen lassen. Komisch, das kommt mir irgendwoher bekannt vor! Als er die Stube betritt, begrüßen wir ihn, indem wir alle auf die Tische trommeln. So schön kann Ankommen sein!

 

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