Tag 61: Knapp verloren

Sa. 8. August 2015, von der Stettiner Hütte nach Unser Frau

 

Morgenrot...
Morgenrot...
...schlecht Wetter droht. In der Tat sind für heute Nachmittag Gewitter angekündigt.
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Wieder ist das gemeinsame Rudelfrühstücken auf sieben Uhr angesetzt. Es herrscht eine merkwürdig entspannte Atmosphäre, denn irgendwie weiß keiner von uns beim Aufstehen, was der Tag so bringen wird. Die Pläne werden eben kurzfristig der aktuellen Wetterlage angepasst.

 

Warum lässt Gott so etwas zu?

Auch ich weiß noch nicht, wie weit ich heute gehen werde. Zur Wahl stehen drei Bauernhöfe im Pfossental, die drei Stunden entfernt sind. Oder ich gehe weiter, überschreite den Azboden und erreiche nach weiteren fünf bis fünfeinhalb Stunden den Wallfahrtsort Unser Frau. Die zusätzlichen fünf Stunden sind nicht mein Problem. Es könnte aber eng werden, weil für den frühen Nachmittag Gewitter angesagt sind. Deshalb breche ich bereits um halb acht auf.

Eine viertel Stunde später stehe ich auf dem Joch hinter der Hütte vor einem besonderen Bildstock. Er erinnert an einen Pfadfinder, der hier 2005 im Alter von 20 Jahren tödlich verunglückte. Seine Pfadfinder-Kameraden haben ihm mit diesem Kunstwerk ein besonderes Gedenkmal errichtet.

Wieder bin ich ergriffen von diesem Schicksal und ich frage mich, warum Gott sowas zulassen kann, wenn es denn Gott gibt. Vor vielen Jahren schon habe ich mich von der Institution Kirche entfernt. In den letzten Wochen habe ich gemerkt, das mich der praktizierte Glaube als Form, das alltägliche Leben zu bewältigen, gar nicht so fremd ist. Aber solche Momente rütteln meine Zweifel an Gott und die Kirche wieder auf.

 

100% behindert – aber ein Vorbild für uns alle!

Weiter geht es auf dem Meraner Höhenweg Tal abwärts. Der Weg wird gerade an einer Stelle neu gemacht. Es werden große Natur-Steinplatten so perfekt verlegt, dass ich mir vorstelle, wie ein geländegängiger Rollstuhl hier hoch fährt. Bei diesem Gedanken muss ich an einen Menschen Denken, der mich tief beeindruckt hat: Matthias Klei. Wir haben ihn 2013 beim Geocachen kennengelernt. Matthias lebt ein Leben mit 100% Behinderung, hier ein Trailer über ihn. Er lässt sich aber von seinem Schicksal nicht davon abhalten, ein so aktives Leben zu führen, wie es vermutlich 90% aller gesunden Menschen nicht leben. Ich bin mir sicher, die Möglichkeit, mit einem Rollstuhl auf 3000 Meter hochzufahren, wäre ein riesiges Erlebnis für viele Menschen mit Behinderung.

 

Ich quäle mich mit einer leichten Entscheidung

Zwei Stunden später komme ich an dem Eishof vorbei, dem hintersten der drei Almen im Pfossental. Immer noch nicht weiß ich, ob ich hier im Tal bleiben oder doch weiter nach Unser Frau gehen soll. Ich beschließe, eine halbe Stunde weiterzugehen und diese Frage an der nächsten Alm zu entscheiden.

Als ich an der Rableidalm ankomme ist es 10:00 Uhr. Mit einer Hollunder-Limo kann ich die Entscheidung noch eine halbe Stunde rauszögern, doch dann muss ich mich entscheiden. Wenn ich jetzt losgehe, dann müsste ich um 14:00 Uhr auf dem Hochplateau Namens Azboden sein. Ab 14:00 Uhr sind Gewitter gemeldet. Wenn ich mich also etwas ranhalte und eine halbe Stunde rausschlagen kann, und das Gewitter nicht ganz pünktlich ist, dann könnte ich es schaffen. Zumindest wäre ich aber wieder in tieferen Lagen. Die Alternative wäre, hier und jetzt Feierabend zu machen. Das ist mir aber zu früh und so gebe ich mir einen Ruck! Ich zahle und mache mich auf den Weg.

 

Vollgas

Trödeln war heute Morgen! Damit ich Zeit gutmachen kann, lasse ich es bergab laufen. In ganz sachtem Laufschritt Eile ich den Wirtschaftsweg hinunter. Ausgerechnet hier im Tal müssen mir scharenweise Tageswanderer begegnen. Ich spüre ihre fassungslosen Blicke und kann mir ungefähr ihre Gedanken vorstellen, aber das ist mir egal. Für mich zählt nur eins: hoch bis zum Atzboden zu kommen. Dort habe ich hoffentlich eine gute Aussicht und kann entscheiden, ob ich mir Zeit lassen kann oder besser nicht.

An der Vorderkaser Alm beginnt mein Aufstieg auf den 750 Meter höher gelegenen Azboden. Mein Zeitplan gibt mir dafür knapp zwei Stunden. Doch ich habe die Hitze hier unten im Tal nicht bedacht. Bereits nach der Hälfte ist alles an mir komplett durchgeschwitzt, einschließlich meiner Hose. Das wiederum findet eine Horde Fliegen und Bremsen hochinteressant. Schätzungsweise fünfzig oder mehr dieser fliegenden Aßgeier umschwirren mich. Manche sind mutig und krabbeln in mein Ohr, eine verschlucke ich sogar beim Luft schnappen.

Alle paar hundert Meter werfe ich mir eine handvoll Nuss-Früchte-Mischung ein, damit die Energie nicht nachlässt. Dennoch werde ich immer langsamer und die Abstände zwischen den kleinen Verschnaufpausen werden immer kürzer.

Um 13:03 Uhr endlich stehe ich auf dem Atzboden. Das ist persönliche Rekordzeit! Nach einem prüfenden Blick in die Ferne erlaube ich mir eine viertel Stunde Pause. So viel Zeit muss sein. Ich breite alle meine Klamotten zum Trocknen auf einem Steinwall aus und vertilge den Rest meiner Nüsse. Mit meinem Wasservorrat muss ich allerdings schon haushalten, laut Karte werde ich nicht mehr auffüllen können, bevor ich unten ankomme.

 

Ich verliere das Wettrennen knapp

Die Sonne verschwindet hinter einer größeren Wolke, für mich Zeichen, endlich weiterzugehen, schließlich habe ich immer noch zwei Stunden und achthundert Höhenmeter abzusteigen. Zügig folge ich den Pfad bergab.

Eine halbe Stunde später ertönt der erste Donnerschlag. Da bei mir die Sonne noch kräftig scheint, sehe ich keine Blitze und kann dementsprechend nicht abschätzen, wie weit das Gewitter noch weg ist. Von den Wolken her schätze ich auf 5 bis 6 km, also alles noch im Rahmen. Nach und nach rückt es aber näher und die Sonne verschwindet hinter dunklen Wolken. Dann kehrt Ruhe ein. Stattdessen sehe ich, wie von vorne eine dichte Regenfront auf mich zuhält. Vorsorglich verpacke ich meinen Rucksack wasserfest, aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich vor dem großen Regen ankomme. Inzwischen tun mir mal wieder die Füße weh und auch die Oberschenkel brennen ordentlich. Was würde ich jetzt nur für eine Massage geben!

Es scheint, als würden sich die Regenfront und ich in gleichem Tempo aufeinander zubewegen. Und in der Mitte ist mein Ziel. Ca. achthunderter Meter vor dem Dorf muss ich leider das Wettrennen als verloren hinnehmen. Unser Frau verschwimmt bereits hinter einer dunklen Regenwand. Als die ersten Regentropfen auf mich fallen, bin ich fast erleichtert über die herrliche Abkühlung.

 

Endlich Vitamine!

Eine viertel Stunde später stehe ich pudelnass vor dem ersten Hotel. Schnell suche ich Unterschlupf in dessen Café. Nach einer ersten Apfelschorle habe ich wieder Energie, mich der Unterkunftssuche zu widmen. Bequem wie ich manchmal bin, frage ich als erstes die Bedienung – laut Internet die Chefin des Hotels – ob sie ein Zimmer für mich hat. Zu meiner Freude bejaht sie und da der Kurs auch stimmt, werden wir rasch handelseinig.

Fünf Minuten später stehe ich unter einer schönen ausgiebigen Dusche. Anschließend läuft das klassische Programm ab: Zuhause melden, Wäsche waschen, nasse Sachen zum Trocknen aufhängen und die leeren Akkus zum Laden auf die Steckdosen verteilen. Dann erst kann ich beruhigt die Beine lang machen.

Abends freue ich mich riesig auf einen schönen frischen Salat mit Hähnchenbruststreifen. Ich muss unbedingt mein Vitamindepot auffüllen! Das ist das einzige Manko an den Hütten, dass es außer gelegentlichem Krautsalat nichts Frisches gibt. Aber wie soll es auch: der Hüttenwirt kann ja schlecht jeden Tag mit dem Helikopter zum Einkaufen fliegen.

 

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