Tag 62-63: Ähnliche Erlebnisse verbinden

So. 9. August 2015, Unser Frau

Wie immer nutze ich die Pause, um meinen Blog zu aktualisieren. Nachdem ich mich gestern Abend und auch heute Morgen sowohl mit dem Senior- als auch mit dem Juniorchef sehr gut unterhalten habe, frage ich erwartungsvoll den Senior, ob ich mal für ein paar Stunden an einen Computer könne. Mit sichtlichem Bedauern kann er mir leider nicht helfen, will aber am Nachmittag seinen Sohn fragen, ob er mir helfen kann. Also bereite ich schon mal alles vor, was auf dem Smartphone machbar ist.

 

Das Blogger-Herz schlägt höher

Als ich zum Abendessen runterkomme, laufe ich mitten in einen Empfang. Genau genommen, ist es zum Teil mein Empfang! Immer sonntags begrüßt Familie Warger-Spiess vom Hotel Adlernest ihre neuen Gäste mit einem kleinen Empfang. Wobei klein relativ ist. Es gibt Sekt mit Holundersaft und selbstgebackene Pizza. Da beides köstlich ist, bin ich schon fast bedient, bevor das eigentliche Abendessen losgeht. Doch zuvor nimmt mich der Senior zur Seite und drückt mir voller Stolz ein Apple Notebook seines Sohnes in die Hand. Da hüpft mein Blogger-Herz höher! Mit dieser Aussicht schlinge ich voller Ungeduld meinen Salat runter und verziehe mich schnellstmöglich mit dem edlen Schreibgerät auf mein Zimmer.

Aus Sorge, das Notebook morgen früh wieder abgeben zu müssen, sitze ich so lange am Rechner, bis sein Akku Feierabend macht. Um ein Uhr nachts klappe ich zufrieden den Deckel mit dem angebissenen Apfel darauf zu. Zufrieden zum einen, da ich das Wichtigste geschafft habe, aber auch, weil ich feststelle, dass das alte Arbeitstier noch immer in mir steckt und Gefallen an dieser Nachtschicht hatte.

 

Mo. 10. August 2015, Unser Frau

Beim Frühstück erkundigt sich Matthias, der Juniorchef, ob ich eine gute Nacht hatte. Ich erwidere, dass sie recht kurz war, das Ende des Akkus mir dann aber doch noch ein paar Stunden Schlaf bescherte. Als Matthias raushört, dass ich nicht wirklich fertig geworden bin, kommt er mit einem Ladekabel wieder und meint, dass ich das Notebook noch behalten kann.

 

Selbst in den Bergen hilft Vitamin B

Begeistert von so viel Hilfsbereitschaft setze ich mich wieder an den Computer und erledige die restlichen Arbeiten, so dass ich die Texte der letzten neun Tage am Vormittag freigeben kann.

Anschließend kann ich endlich mal wieder Sicherungskopien meiner Fotos und der aufgezeichneten GPS-Tracks anfertigen. Das hat mir in letzter Zeit zunehmend Bauchschmerzen bereitet, ist die letzte Datensicherung schon über ein Monat her. Ich sichere die Daten parallel auf zwei größere USB-Sticks. Der eine bleibt in meinem Rucksack. Sollte mir meine Kamera abhanden kommen, habe ich so immer noch eine Kopie bei mir. Den zweiten Stick schicke ich beim nächsten Kartentausch mit nach Hause. Sollte also mein Rucksack seine eigenen Wege gehen, dann habe ich immer noch zu Hause eine Kopie.

Nachmittags gebe ich Matthias den Mac zurück und mit ihm eine Visitenkarte von meinem Blog. Auf seine Frage, wie es weitergeht, antwortete ich ihm so vage wie mein aktueller Planungsstand ist. Ich erzähle ihm, dass ich mich nach einem Bergführer umsehen muss, damit ich über die Ötztaler Gletscher komme. Prompt klemmt Matthias sich hinter seinen Computer und eine Minute später drückt er mir einen Zettel in die Hand. Ich lese „Robert Ciatti“ und eine Telefonnummer. Das sei ein sehr guter Bergführer, den er persönlich gut kenne, versichert er mir.

 

Ein Mann, ein Wort

Dankbar für diese wertvolle Hilfe gehe ich zurück auf mein Zimmer. Ich muss mir erstmal wieder genau vor Augen führen, was ich mir damals bei meiner Planung gedacht hatte und breite erst einmal die entsprechenden Kartenblätter auf meinem Zimmerboden aus. Nach ein paar Minuten ist klar: ich möchte mit dem Bergführer von der Similaunhütte aus den Similaun besteigen, zurück zur Hütte und anschließend weiter über die Ötzi-Fundstelle zur Hochjochhospiz Hütte gehen. Von dort aus soll es am nächsten Tag über das Brandenburger Haus zur Weißkugel-Hütte gehen. Wenn ich richtig recherchiert habe, sind das zwei knackige Tage, aber durchaus im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Mit diesem Plan im Hinterkopf rufe ich um 14 Uhr also die Nummer an, unter der sich ein Robert melden soll. Nach fünf mal klingeln meldet sich eine ruhige aber feste Stimme, es ist Robert. Wir duzen uns gleich, auf das alberne Siezen haben wir beide keine Lust. Ich deute an, dass ich schon länger unterwegs bin und schildere ihm meine Pläne und Terminvorstellungen. Zur Einschätzung meiner Fähigkeiten nenne ich ihm als Referenz meine letzten Hochtouren zusammen mit Hubert, den Robert offensichtlich auch gut kennt. So ganz lassen sich anscheinend meine zeitlichen Vorstellungen nicht mit Roberts Terminen vereinbaren, aber ich merke auch, dass er hellhörig wurde und mich gerne begleiten möchte. Er vertröstet mich auf 18 Uhr, dann will er sich zurückmelden.

Als ich Matthias wieder begegne, hat er schon in meinem Blog gelesen. Er erzählt mir, dass er dieses Jahr im Mai mit seinem Hund zum Gardasee gelaufen ist. Zu dieser Zeit ein echtes Abenteuer, da noch unheimlich viel Schnee liegt und kaum Hütten oder Almen geöffnet haben. Da die Familie neben dem Hotel noch eine Skihütte betreibt, ist der Mai die einzige Zeit, in der er Zeit für sich findet. Um so wichtiger ist es sicherlich, dass er diese auch wirklich für sich nutzt! Diese gemeinsamen Erlebnisse verbinden uns sehr, und so unterhalten wir uns immer wieder, wenn es seine Zeit zulässt.

Um 18 Uhr erhalte ich eine SMS. Sie ist von Robert. Er wird sich erst um 18:30 Uhr melden können. Ein Mann, auf den Verlass ist, ganz nach meinem Geschmack! Als er dann anruft, eröffnet er das Gespräch mit einem langgezogenen „Hooorch, Daniel!“ Mir ist sofort klar, so wie ich mir das vorstelle, wird es nichts werden. Aber wie Robert diese beiden Worte ausspricht, spüre ich auch, dass er mich nicht ohne einen Alternativvorschlag im Ärmel anruft. Und so kommt es dann auch. Er erklärt mir, dass er morgen Vormittag eine Seilschaft zur Ötzi-Fundstelle führen muss. Da parallel zu ihm ein weiterer Bergführer eine Gruppe dort hinführt, übernimmt dieser Kollege ab der Fundstelle seine Kunden. Da es dann nur noch über Fels geht, ist ein Bergführer ausreichend. Somit könnte Robert mich zwischen zwölf und ein Uhr an der Fundstelle in Obhut nehmen. Einziger Haken: ich muss morgen früh von Unser Frau aus ca. vier Stunden bis zur Similaunhütte aufsteigen und weitere eineinhalb Stunden über den Grat zum Tisenjoch gehen. Von da aus würden wir dann gemeinsam die drei Stunden zum Hochjochhospiz gehen. Im Kopf rechne ich schnell zusammen 4 + 1,5 + 3 = 8,5 Stunden, 16 km, 1800 Meter Aufstieg und 1000 Meter Abstieg. Ohne lange überlegen zu müssen, nehme ich den Vorschlag an. Robert scheint die Schnelligkeit, in der ich meine Entscheidung getroffen habe, etwas unheimlich. Er bietet mir ein oder zwei Stunden Bedenkzeit an, aber ich bin mir sicher: das packe ich. Ich werde um vier Uhr aufbrechen. Dann ist es noch schön kühl und ich kann auf der Similaunhütte eine ausgiebige Pause machen. Dann sollte das überhaupt kein Problem darstellen. Beide freuen wir uns, einander in achtzehn Stunden persönlich kennenzulernen. Ich bin schon sehr gespannt auf Robert. Bereits am Telefon habe ich das Gefühl, er ist wie ein großer Bruder zu mir. Wie wird er erst in natura sein?

Mit Verspätung gehe ich runter zum Abendessen. Matthias freut sich mit mir darüber, dass sich so schnell und kurzfristig eine gute Lösung aufgetan hat. Er bietet mir an, mir statt des Frühstücks ein Lunchpaket vorbereiten zu lassen.

Wehmütig verabschiede ich mich von Matthias. In den ganzen Wochen habe ich mich in keinem Hotel so wohl gefühlt wie hier im Hotel Adlernest. Hier würde ich jederzeit wieder herkommen!

Bevor ich mich schlafen lege, packe ich noch meinen Rucksack so weit es geht, damit ich morgen früh zügig aufbrechen kann.

 

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