Tag 64: Wie ein Bruder

Di. 11. August 2015, von Unser Frau zur Hochjochhospiz Hütte

 

Nachtstart
Nachtstart
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Um 3:20 reist mich mein Wecker unsanft aus dem Schlaf. Ich brauche eine Sekunde um zu verstehen, was los ist. Auch wenn ich ab und zu meinen Wecker stelle, ich bin immer schon wach wenn er klingelt. Heute bin ich tatsächlich seit Wochen das erste mal wieder aus dem Schlaf gerissen worden.

Genüsslich nehme ich noch eine warme Dusche, man muss den Luxus nutzen solange er verfügbar ist! Da heute wohl ein längerer Tag wird, werden meine Fersen das erste mal seit Tagen wieder ordentlich verklebt, sicher ist sicher!

Kurz vor vier stehe ich unten in der Lobby. Wie versprochen, steht schon ein Vesper-Paket und eine Kanne Kaffee für mich bereit. Somit nehme ich mein Frühstück heute im Stehen am Empfangstresen ein.

Es ist noch stockdunkel, weshalb ich meine Stirnlampe anknipse, doch es passiert nichts! Mist, vermutlich hat sie sich selbst angestellt und jetzt sind die Batterien leer. Also Rucksack wieder absetzen, in dessen Tiefen die Ersatzbatterien suchen.

Um viertel nach vier geht es endlich los! Die ersten fünfunddreißig Minuten bis zum Vernagter Stausee geht es durch Wald. Von weitem sah der Staudamm überschaubar aus. Jetzt, zu Fuß wird mir seine Dimension erst wirklich klar. Auch wenn ich in der Neumondnacht so gut wie nichts sehen kann: ich spüre förmlich, dass da links von mir etwas Giantisches schlummert. Etwas, dessen Kraft den kleinen, von Straßenlaternen beleuchteten Wallfahrtsort in Sekunden vernichten würde, wenn es nicht von dem wuchtigen Damm in Zaum gehalten werden würde.

 

Zurück in Top-Form

Am anderen Ende des Staudamms geht der eigentliche Aufstieg los. Ich bin keine viertel Stunde unterwegs, als mir drei Gestalten entgegenkommen, ich bin also nicht der einzige, der um diese Uhrzeit unterwegs ist. So wie sie aussehen, müssen sie vom Berg kommen, aber wieso um diese Uhrzeit?

Da ich jetzt in offenem Gelände unterwegs bin, mache ich meine Stirnlampe wieder aus. Es dauert nicht lange und meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und ich sehe nun viel mehr von der Landschaft. Mit jedem Schritt wird es eine Spur heller. Schön friedlich ist es jetzt. Selbst die Tierwelt schläft noch. Einzig das Rauschen des Bachs dringt durch die Dämmerung. Gegen halb sieben wirft die Sonne ihre ersten Strahlen auf die Gipfel links von mir.

Inzwischen ist es hell genug, um zu erkennen, dass noch mindestens zwei Gruppen hinter mir aufsteigen, die erste mit ca. zehn Minuten Abstand, die zweite ist doppelt so weit weg. In regelmäßigen Abständen prüfe ich mein Vorwärtskommen. Pro viertel Stunde müsste ich 100 Höhenmeter schaffen, dann bewege ich mich in der bergsteigerischen Norm. Erfreut stelle ich fest, dass ich tatsächlich sogar ein bisschen schneller bin, trotz meines Gepäcks. Das bedeutet, dass ich endlich wieder in guter Form bin! Gott sei Dank, denn in der Verfassung der letzten Tage würden die nächsten zwei Tage sicherlich zu einer Quälerei werden.

So aber schaffe ich die acht Kilometer und 1500 Höhenmeter in exakt dreieinhalb Stunden. Um 7:45 genieße ich den zweiten Kaffee des Tages mit tollem Blick auf den Similaun. Ein bisschen traurig bin ich schon, dass ich diesen Gipfel heute sausen lassen muss. Aber wer so kurzfristig einen Bergführer sucht, der muss jede Menge Kompromissbereitschaft mitbringen.

 

Ein Ladekabel verbindet

Auf der Similaunhütte erfreue ich mich an der besonderen Stimmung, die um diese Uhrzeit herrscht. Die meisten Gäste sind schon wieder unterwegs. Der Betrieb bereitet sich auf den mittäglichen Ansturm vor, und ich sitze wie ein Fels in der Brandung dazwischen und freue mich, dass ich jetzt zweieinhalb Stunden Pause habe.

Irgendwann komme ich mit einem Berliner Paar ins Gespräch. Sie wandern den E5 in ungefähr der Variante, wie ich sie 2010 geplant hatte. Der Mann erzählt mir, dass sein Kameraakku leer ist, er aber das Ladekabel zuhause vergessen hat. Wir reden erst ein wenig aneinander vorbei bevor ich kapiere, dass er das Ladegerät dabei hat, ihm fehlt nur das Stück von der Steckdose zum Ladesdapter. In den 2,5 kg Elektro-Krams, den ich mitschleppe, wird doch das Passende dabei sein, denke ich und zeige ihm, was ich anzubieten habe. Die Freude ist groß, denn ich habe genau das Stück, das ihm fehlt. Nun kann er in aller Ruhe seinen Akku laden und ich konnte eine gute Tat vollbringen. Während der Akku läd kommen wir weiter ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass die beiden, gemeinsam mit einem weiteren Ehepaar, das sie auf dem E5 kennengelernt haben, zur Ötzi-Fundstelle wollen. Da ich ja auch um 12 Uhr dort sein will, um Robert, meinen Bergführer, nicht warten zu lassen, beschließen wir, zusammen zu gehen. So komme ich plötzlich in die Situation, die Gruppe anzuführen, ohne dass ich das beabsichtigt hatte. Jetzt im Vergleich mit klassischen Wanderern stelle ich zufrieden fest, dass sich mein Können seit Beginn meiner Tour von dem des Wanderers doch spürbar weiterentwickelt hat, denn ich komme mit dem Steig deutlich besser zurecht, und das, obwohl die vier im Gegensatz zu mir ohne Rucksäcke diesen Abstecher machen.

 

Warten, wo einst Ötzi starb

Am Ziel angekommen gibt es erst mal eine kleine Fotoorgie vor dem Monument, dass an den Fundort der Ötzi-Mumie erinnert, der 70 Meter entfernt liegt. Nach einer guten halben Stunde machen die vier sich wieder auf den Weg, während ich hier weiter auf Robert warte. Statt seiner ist in der Zwischenzeit eine Frau angekommen, die wir auf dem Hinweg überholt hatten, da sie sich mit dem Weg sichtlich schwer tat. Im Gespräch erfahre ich, dass sie Portugiesin ist und seit fünfzehn Jahren in Stuttgart lebt. Auf diese Weise habe ich wieder Unterhaltung.

Zehn Minuten nachdem die Portugiesin gegangen ist, taucht oben am Hauslabjoch eine Guppe auf. Das könnte Robert sein. Er wollte ja eine Gruppe zur Fundstelle führen. Gegen den Himmel kann ich nur kleine Silhouetten erkennen. Eine dieser Scherenschnitt-Figuren ist ausholend am gestikulieren, erklärt offensichtlich den anderen, welche Berge sie von dort aus sehen können. Dann höre ich auf einmal „Daniel“ vom Berg herunterhallen. Das kann nur Robert sein! Sofort schultere ich meinen Rucksack und gehe der Gruppe entgegen. Auf halbem Weg treffen wir uns. Voller Stolz erzählt Robert seinen Leuten von meiner Tour, worauf hin ich erst einmal einige Fragen beantworten muss. Robert drückt mir einen Gurt in die Hand, verabschiedet sich mit den Worten „wir treffen uns gleich oben am Hauslabjoch bei meinem Rucksack“ und führt seine Schützlingen den restlichen Weg runter zur Fundstelle.

 

Heimatkunde inklusive

Nach zwanzig Minuten ist auch er wieder oben und entschuldigt sich erst mal für seine Verspätung. Es waren zwei Bergführer mit je einer Seilschaft unterwegs. In der einen Seilschaft hat sich nach kurzer Zeit herauskristallisiert, dass eine Teilnehmerin sich überschätzt hatte. So hat Robert die übrigen Mitglieder der anderen Seilschaft übernommen, während sein Kollege mit der Frau wieder zurückgegangen ist. Ich versichere ihm, dass ich das Warten hier oben durchaus genoss habe und er sich deswegen keine Gedanken zu machen brauche. In der Tat bin ich selbst begeistert, wie ruhig und entspannt ich in den letzten Wochen geworden bin. Einfach irgendwo zwei Stunden zu sitzen und zu warten – vor drei Monaten wäre ich vor Ungeduld geplatzt! Jetzt kann ich es einfach genießen, da zu sitzen und mir die Landschaft und die Leute anzuschauen, wie sie kommen und gehen.

Robert ist ebenfalls nicht einfach nur ein Bergführer, er ist auch ein Botschafter seiner Heimat. Und so bekomme ich erst mal die wichtigsten Eckdaten zu Ötzis Fund sowie Heimatkunde in Form von vielen Gipfel-, Joch- und Gletschernamen. Er kennt die Gegend hier besser als ich den Inhalt meiner eigenen Hosentasche!

Von unserem aktuellen Standort aus werden wir unmittelbar den Hochjochferner betreten, weshalb Robert mich sofort ans Seil nimmt, bzw. ich tief in meinen Ausbildungskenntnissen kramen muss, um den gesteckten Achterknoten wieder hinzubekommen. Mit ein bisschen Unterstützung klappt es dann aber doch noch. Ich habe Robert gebeten, Steigeisen mit Körbchen mitzubringen, damit ich nicht wieder ständig meine Hufeisen verliere. Seine Eisen sitzen bombenfest, da muss ich mir wohl keine Gedanken mehr machen.

 

Kneifen gibt es nicht

Und dann geht es los! Bei strahlendem Sonnenschein steigen wir auf dem sanft abfallenden Gletscher nach Norden ab, zuerst noch auf Schnee, später auf blankem Eis. Da das Wetter heute super mitspielt, ist es eine Tour nach meinem Geschmack. Nur ein paar mehr Spalten könnten dem Ausflug etwas mehr Würze verleihen. Dafür ist Robert sehr fürsorglich, erkundigt sich regelmäßig, ob alles O.K. ist und immer wieder erklärt oder erzählt er mir etwas. Es fühlt sich tatsächlich so an, als würde ich meinen Bruder besuchen, der mir voller Stolz seine neue Heimat zeigt.

Am Ende des Gletschers angekommen, führt der Weg durch loses Geröll, welches das schwindende Eis nach tausenden von Jahren wieder freigibt. Geologen und Glaziologen lieben diese Zonen, da sie dort viele neue Informationen erhalten. Ich hingegen hasse diese losen Trümmerfelder, was aber nichts daran ändert, dass ich da durch muss.

Der restliche Weg bis zum Hochjochhospiz ist moderat. Damit ich voll auf meine Kosten komme, will Robert mit mir einen Gletscherbach überqueren statt weiter oben die Brücke zu nutzen. Aufmerksam beobachte ich jeden Schritt und jede Bewegung Roberts, damit ich es ihm gleich nachmachen kann. Zack, Zack, in zwei beherzten Schritten über vom Wasser überspülte Steine – und drüben ist er. Jetzt bin ich dran: vorsichtig stochere ich mit meinen Stöcken dort, wo Robert seine eben ansetzte. Ich mahle mir aus, wie es sich wohl anfühlt, wenn ich in das kalte, sprudelnde Wasser fallen würde. Dann setzte ich an und – Zack, zack, auch ich bin drüben! Außer den Schuhen ist nichts nass geworden. So einfach ist es. Alleine hätte ich es wohl nicht versucht, aber bei so einem Lehrer verbietet sich Kneifen von selbst.

Zum Ende hin zieht sich der Weg dann doch ein wenig, da es die letzte dreiviertel Stunde wieder hoch geht. Alles in allem sind wir aber überdurchschnittlich schnell und erreichen die Hütte bereits um halb fünf.

Während Robert sich ein wenig hinlegt – ich bin erleichtert, dass ein derart durchtrainierter Mensch auch so etwas wie Müdigkeit kennt – setze ich mich mit einem Radler abseits der Hütte ins Gras und sauge die letzten wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne in mich auf.

Da wir beide heute einen langen Tag hatten, verziehen wir uns bald nach dem Abendessen auf unser Zimmer. Heute komme ich das erste Mal seit neun Wochen in den Genuss eines Zweierzimmers auf einer Hütte! Da wir morgen bereits um sechs Uhr frühstücken wollen, bereiten wir unsere Rucksäcke noch soweit für vor, dass wir morgen früh nicht lange Zeit vertrödeln müssen.

 

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