Tag 65: Grönland liegt in den Alpen

Mi. 12. August 2015, von der Hochjochhospiz Hütte zur Weißkugel-Hütte

 

Gletscherrückgang
Gletscherrückgang
Einst hat der Hintereiserner das ganze Tal ausgefüllt
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Obwohl es noch sehr ruhig in der Hütte ist, sind um viertel vor sechs schon unerwartet viele Menschen am frühstücken. Unser Frühstück verläuft recht wortkarg, was um diese Zeit nichts besonderes ist. Nach einem letzten Plausch mit dem Hüttenwirt starten wir durch.

 

Endloses Eis

Die ersten zwei Stunden geht es kontinuierlich knapp neunhundert Höhenmeter bis zu der Stelle hoch, an der wir den Gletscher betreten. Auch Robert gibt wieder ein sehr angenehmes Tempo vor, mit dem ich gut mithalten kann, ohne außer Atem zu geraten. Immer wieder erzählt Robert mir etwas oder erklärt mir die Gipfel und Gletscher. Die restliche Zeit schreiten wir schweigend vorwärts und genießen die gewaltige Natur.

Die erste halbe Stunde auf dem Gletscher brauche ich noch nicht ans Seil, da der Kesselwandferner aper ist und wir die Spalten sehen. Es lässt sich außerordentlich gut gehen, weshalb mein Sprunggelenk nichts auszusetzen hat.

Unterwegs fragt mich Robert, ob ich zum Brandenburger Haus hochgehen will oder wir direkt weitergehen sollen. Im Aufstieg dachte ich mir noch, wir müssen da ja nicht extra hoch. Doch jetzt, wo ich erahnen kann, welche Aussicht ich von dort oben verpassen würde, entscheide ich mich für die zwanzig Minuten zusätzlichen Aufstieg. Wir lassen unten am Rande des Gletschers unsere Rucksäcke zurück. Um das Gewicht befreit, schwebe ich gleichsam die letzten 150 Höhenmeter zur Hütte hoch.

Die Entscheidung für diesen kleinen Umweg soll ich in keinster Weise bereuen! Auf Höhe des Brandenburger Hauses vereinen sich der Kesselwandferner mit dem Gepatschferner zu einem 330° Panorama aus Eis und Schnee, so weit mein Auge reicht! So ähnlich muss es in Grönland aussehen!

 

Hüttenwirt – ein anspruchsvoller Job

Das Brandenburger Haus wird von Anna betrieben, die wir leider verpasst haben. Sie muss uns in einer der entgegenkommenden Seilschaften passiert haben. Da wir aber die Direttissima gegangen sind, konnte man sie nicht erkennen. Robert erzählt mir, dass Anna vor fünf Jahren, als 20-jährige den Betrieb auf der Hütte übernommen hat. Ich kann es kaum fassen. Mit zwanzig Jahren!

Eine Berghütte in der heutigen Zeit zu betreiben, ist ein umfangreicher und komplexer Job. Du musst Dich mit viel Technik wie Biokläranlage, regenerativer Energiegewinnung, Wasseraufbereitung und vielem mehr auskennen. Dann das Thema Logistik: Transport und Lagerhaltung oft verderblich Waren sowie die Entsorgung der Abfälle. Ein Hüttenwirt hat mir mal erzählt, dass er pro Jahr bis zu 32 T€ Helikopterkosten hat. Das ist kein Pappenstiel. Und dann das Risiko. Wenn es ein gutes Jahr ist, dann brummt die Hütte. In schlechten Jahren, und 2014 war der Sommer eine echte Katastrophe, hast Du jede Menge Fixkosten aber keine Gäste. Ich hatte auf meiner Tour einen Hüttenwirt kennengelernt, der nach zwei schlechten Sommer seine Hüttenpacht nicht verlängern konnte, weil die Bank ihm im Nacken saß. Anschließend ist er zehn Jahre LKW gefahren, um die Finanzen zu sanieren. Jetzt hat er wieder eine Hütte, und so wie ich ihn kennengelernt habe, ist das auch gut so! Für ihn, aber auch für uns Bergfreunde! Du musst gut Kochen können oder brauchst einen guten Koch, denn die Ansprüche der Kundschaft unterscheidet sich nicht von denen im Tal. Mit Kantinenfraß lockst Du keine Bergsteiger mehr an. Und zu guter letzt musst Du eine gute Führungspersönlichkeit sein. Hier oben ist die Nacht maximal sechs Stunden lang. Die restliche Zeit gibt es immer was zu tun. Da muss das Team funktionieren und gleichzeitig eine positive Ausstrahlung haben. Alles in allem hätte ich mir das mit zwanzig nicht zugetraut. Aber wenn ich es richtig herausgehört habe, ist sie recht plötzlich in ihre Rolle gekommen. Da blieb nicht viel Zeit für Zweifel. Beim Recherchieren ist mir dann ein interessanter Artikel aus dem Münchner Kurier aufgefallenen, der zum Thema passt.

 

Dankbar für diesen Moment

Statt von Anna werden wir von ihrem Bruder empfangen. Man kennt sich hier oben, weshalb Robert und er sich viel zu erzählen haben. Wir bestellen etwas zum Trinken und legen uns auf der Terrasse in die Sonnenstühle. Es ist einer der seltenen, unbeschreiblichen Momente! Sonnenschein, tiefblauer Himmel, Schnee und Eis soweit das Auge reicht! Ich will die Zeit anhalten, finde aber den Schalter nicht. Also genieße ich den Moment und bin dankbar, ihn erleben zu dürfen. Mir ist bewusst, dass er ein besonderer Moment ist, der nur wenigen Menschen zuteil wird.

 

Sensationsfund?

Irgendwann kommt leider der schönste Moment an sein Ende. Wir haben noch einiges vor uns, deshalb wird es Zeit, aufzubrechen. Nachdem wir unsere Rucksäcke wieder aufgenommen haben, setzen wir unsere Tour auf dem Gepatschferner fort. Lange dauert es nicht, bis meine Hochstimmung von eben wieder auf Normalmaß sinkt. Wir laufen über eineinhalb Stunden lang durch weichen Schnee, den obendrein Sonne und Witterung zu einem Wellenmeer geformt hat. Die Konsistenz ist nicht berechenbar. Manchmal hält die oberste Firnschicht, meistens aber dann doch nicht. Das Einbrechen fordert von meinem linken Sprunggelenk sehr viel ab, auf Dauer etwas zu viel. Nach einer Weile merke ich, dass ich links mehr Fehler mache und öfter ins straucheln komme. Leidtragender ist Robert, an dem jedesmal das Seil ruckt. Gestern fragte mich Robert, ob ich lieber auf Schnee oder auf Eis gehe. Da war meine Antwort noch Schnee. Was würde ich jetzt nur geben, auf festem Eis laufen zu dürfen!

In der Ferne entdecken wir ein Muster, das hier nicht hingehört. Näher dran glaube ich, Ötzis persönliches Schaf entdeckt zu haben. Doch Robert holt mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Er vermutet, dass ein Adler ein Lamm hier her verbracht hat. Hm, doch kein Sensationsfund!

 

Ein ungewolltes Bad

Eineinhalb Stunden später wird mein Wunsch endlich erhört: der Schnee weicht und das Eis heißt uns wieder willkommen. Jetzt müssen wir das erste Mal heute unsere Steigeisen anlegen. Über etliche Spalten geht es zunehmend steiler runter, bis das Gelände zu steil wird. Statt dessen queren wir ein Stück am Abhang entlang, bis wir an eine Stelle kommen, die Robert für geeignet hält, um mir zu demonstrieren, wie man sich seine Eisschraube wieder holt, nachdem man sich mit ihrer Hilfe abgeseilt hat. Der Trick ist so simpel aber genial, dass ich fasziniert staune.

Ein paar Minuten später verlassen wir das Eis für heute. Meine zweite Hochtour ist damit leider schon zu Ende! Aber noch trennen uns fast zwei Stunden Marsch von der Weißkugelhütte. Zuerst geht es eine Weile über Klettersteig-artige Versicherungen, anschließend versperrt uns mal wieder ein stolz geschwellter Gletscherbach den Weg. Wir haben beide unsere Stöcke noch am Rucksack verstaut. Das hält Robert aber nicht davon ab, einer Gämse gleich über zwei von der Gischt verdeckte Steine ans andere Ufer zu tänzeln. So elegant wird es bei mir wohl nicht aussehen, denke ich, aber versuchen will ich es auf jeden Fall. Bei meinem ersten Anlauf versuche ich es Robert gleichzutun. Doch schon im Ansatz merke ich, dass die Bewegungseinschränkung in meinem kaputten Sprunggelenk derartige Akrobatik unmöglich macht. Also stütze ich mich mit der rechten Hand auf einem Stein ab, den ich durch die Gischt erahnen kann. In dem Augenblick, als ich mein Gewicht auf die rechte Hand verlagere, rutscht der Stein weg, auf dem bis eben noch mein rechter Fuß Halt hatte. Mit einer eleganten Rotation setzte ich mich ganz bequem mitten in das rauschende Wasser auf mein Hintern! Früher oder später musste sowas ja mal passieren. Blitzschnell rappele ich mich wieder auf meine Beine und springe auf die andere Seite. Ich wundere mich, denn längst hätte es da sein müssen: das unangenehme Gefühl, das sich einstellt, wenn die vom Wasser getränkte kalt-nasse Kleidung den Körper umschlingt. Doch es passiert nichts! Dann kapiere ich: meine Hochtouren-Hose ist so wasserfest, dass sie einem spontanen Bad im Wasser problemlos standhält. Ich schlottere kurz mit beiden Beinen und schon perlt das restliche Wasser ab. Die integrierten Gamaschen haben sogar verhindert, dass Wasser in meine Schuhe laufen kann. Ich bin total begeistert! Längst ist nämlich im Kopfkino ein Film abgelaufen, wie ich mir die nassen Klamotten vom Leib pelle. Doch schnell weicht die Begeisterung einem neuen Gedanken. Wenn ich von den Füßen bis zum Rücken im Wasser lag, dann lag auch ein Großteil meines Rucksacks unter Wasser! Ein prüfender Griff bestätigt meine Befürchtung!

 

Geteilte Gaumenfreude ist doppelte Freude

Als wir zwanzig Minuten später eine Pause einlegen, sichte ich das Ausmaß meiner Badeaktion. Zufrieden Stelle ich fest, dass nur Handschuhe, Mütze, ein Shirt und meine andere Hose nass geworden sind. Der Rest ruht in einem wasserdichten Sack oder in Zipper-Beuteln. Jetzt wird mir bewusst, wie wichtig es ist, auch bei Schönwetter alles wasserfest zu verpacken, denn das Wasser kommt nicht nur von oben!

Eine Stunde später kommen wir auf der Weißkugelhütte an. Robert will es sich nicht nehmen lassen, mich auf Kaffee und Kuchen einzuladen. Ich willige ein unter der Bedingung, dass wir uns einen Kaiserschmarrn teilen. Ein ganzer ist mir zu viel. Robert findet die Idee auch super und so sitzen wir noch eine Weile zusammen, philosophieren ein wenig und amüsieren uns am Gebaren der Tagesausflügler. Ich frage Robert, ob er mich in eineinhalb Wochen auf den Pitz Buin und über die Gletscher zur Silvretta-Hütte führen kann. Er verspricht mir, sich diesbezüglich zu melden oder mir jemanden zu empfehlen. Um kurz vor drei Uhr ist unsere gemeinsame Zeit abgelaufen. Robert muss weiter, seine Frau holt ihn unten im Tal an der Melagalm ab.

 

Meine Seele verspätet sich

Ich fange an, meine Berichte weiter zu schreiben, doch ich bringe keinen vernünftigen Satz zustande. Meine Gedanken sind noch immer oben auf dem Gletscher. Gut, ich muss ja nicht. Stattdessen lege ich mich abseits der Hütte auf einen großen Felsen und genieße die wärmenden Sonnenstrahlen.

Dabei denke ich wieder einmal über das Thema Entschleunigung nach.

In meinen Augen muss man das Thema auf zwei Ebenen betrachten:

1. Körperliche und geistige Ebene
Vor allem in der beruflichen Welt, aber oft auch im Privaten rennen wir dem Schneller, Höher, Weiter und Mehr hinterher. Dabei bewegen wir uns heute längst auf einem Level, der jenseits unserer biologischen Anlagen liegt, was neuzeitliche Phänomene wie Burn-Out erschreckend eindrucksvoll belegen.

Was passiert: in unserem Kopf tobt nicht selten ein Wirbelsturm der Gedanken! Die Ereignisse nehmen eine Eigendynamik an, die immer wenige noch selbst unter Kontrolle haben.

Ich bemühe in diesem Zusammenhang immer folgendes Bild. Das Unternehmen ist wie ein Getriebe und die Menschen, die dort arbeiten, sind die einzelnen Zahnräder in diesem Getriebe. Das Tempo des Getriebes wird aber nicht von den Zahnrädern bestimmt sondern von einer Kraft, die von Außen auf das Getriebe wirkt, zum Beispiel von den Eigentümern oder vom Markt. Alle Zahnräder müssen sich mehr oder weniger exakt mit dem Tempo des Getriebes mitbewegen. Lediglich eine kleine Toleranz in den Zähnen lässt etwas Spiel zu. Will ein Zahnrad sein eigenes Tempo wählen oder wird es durch eine Störung dazu gezwungen, wird das Zahnrad unweigerlich zerstört.
Alle vermeintlich noch so intelligenten Zeitmanagement-Systeme ignorieren schlicht diesen Punkt! Ist auch nachvollziehbar, denn wer sägt schon gerne den Ast ab, auf dem er sitzt.

Die Folge: ein To-Do jagt das nächste und treibt den Puls nach oben. Zeit, um Dinge geistig zu verarbeiten, nehmen wir uns nicht mehr, ja, können wir uns oft nicht mehr nehmen. Ich kann mich noch sehr gut an Phasen in meinem Berufsleben erinnern, in denen ich die eine Besprechung vorzeitig verlassenen musste und dennoch zum nächsten Termin zu spät kam. In einem derart eng getakteten Tag bleibt weder Zeit für Vorbereitung noch für Nachbereitung. Dieses Beispiel ist sicherlich extrem, aber es zeigt plakativ auf, dass wir wichtige Phasen des Tuns und Lebens sträflich vernachlässigen: die Vorbereitung und Nachbereitung. Damit meine ich nicht die Aktivitäten wie Unterlagen zusammenstellen, eine Präsentation vorbereiten oder ein Protokoll verfassen. Es geht um das geistige Verarbeiten von und das Auseinandersetzten mit einem Ereignis oder Erlebnis. Gerade in diesen Phasen entstehen oft wertvolle Geistesblitze und Ideen. Unser Kopf braucht diese Verarbeitungsphasen, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir ihm aber die Zeit dazu nicht lassen, verheddert er sich in dem Wust an Themen, die er noch abzuarbeiten hat. Das Ergebnis: unsere Leistungsfähigkeit nimmt immer mehr ab, obwohl wir das Gefühl haben, immer mehr zu leisten. Unser Wirkungsgrad verschlechtert sich zusehends!

Es hat lange gedauert, bis mein Kopf alle alten Aufgaben abgearbeitet und das Wirrwarr im Kopf aufgelöst hat. Seit inzwischen über fünf Wochen herrscht absolute Ordnung in meinem Kopf. Keine Gedanken, die nicht in das Hier und Jetzt gehören, beschäftigen mich. Ich habe mich und meinen Kopf erfolgreich entschleunigt!

2. Seelische Ebene
Es gibt ein arabisches Sprichwort, das besagt: „die Seele reist mit der Geschwindigkeit eines Kamels. Anders gesagt: Wer zu Fuss unterwegs ist, bewegt sich in einer Geschwindigkeit, in der die Seele Schritt halten kann. Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass da was wahres dran ist. Mit den Erfahrungen des heutigen Tages ergänzen sich diese Erkenntnisse: manchmal wird die Seele durch das Verarbeiten besonders intensiver Eindrücke oder Erlebnisse noch etwas langsamer. Dann passiert das, was ich heute Nachmittag erlebe. Ich möchte etwas tun, bin aber nicht bereit dazu. Dann braucht die Seele einfach noch etwas Zeit.

Weil ich von dem arabischen Sprichwort überzeugt bin, halte ich eisern an meinem Vorsatz fest, mich nur mit eigener Körperkraft fortzubewegen, wobei ich heute noch weiter gehen und auch das Fahrrad ausschließen würde, da es für die Seele bereits zu schnell wäre.

Vor einiger Zeit habe ich ein Sprichwort zitiert, das ich unterwegs entdeckt hatte: „Nur wo Du zu Fuß warst, warst Du wirklich“. Inzwischen ist mir klar, warum das so ist. Nur, was Dein Bewusstsein und Deine Seele zeitnah erlebt und verarbeitet haben, hast Du wirklich erlebt.
Körper und Geist sind sehr robust und können, oft über lange Phasen hinweg, Erstaunliches leisten. Deshalb kommen viele Menschen mit einem stressigen Alltag sehr gut klar. Ich glaube aber, damit hängt man seine Seele ab. In diesem Moment fängt ein Prozess an, der das (Er-) Leben schleichend aber zunehmend gegen ein einfaches Vegetieren ersetzt.

Hier, während meiner Bergpilger-Tour, habe ich inzwischen fast schon einen Idealzustand erreicht, der gerne ewig anhalten könnte, aber schon bald zu Ende gehen wird. Spannend wir es, wieviel davon ich in meinen kommenden Alltag hinüberretten kann.

Heute ist mir nicht besonders nach Gesellschaft. Ich unterhalte mich zwar angeregt mit einer Kölner Truppe, aber ich bin nicht mit meinem Herzen dabei. Statt dessen gehe ich früh zu Bett, auch wenn ich morgen erst um sieben Uhr mit Frühstücken dran bin.

 

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