Tag 66+67: Keine Unterkunft

Do. 13. August 2015, von der Weißkugelhütte zum Reschensee

 

Langtauferer Tal
Langtauferer Tal
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Herute Morgen verstehe ich, warum das Frühstück in mehreren Schichten stattfindet: der Gastraum ist recht klein und für jede Gruppe wird quasi ein eigenes kleines Buffet aufgetischt, egal ob es sechs Personen sind oder ich alleine. Ich könnte drei Tage von dem leben, was mir da aufgetischt wird!

 

Ein Wunsch, der von Herzen kommt

Kurz nachdem ich aufgebrochen bin, komme ich an der Stelle vorbei, an der – nach Roberts Bericht – vor exakt drei Wochen einer der zwei Bergsteiger vom Blitz erschlagen wurde. Dessen Partnerin wurde verletzt, eine dritte Person blieb unversehrt. Ich bin erstaunt, dass in dieser recht tiefen Lage so etwas passiert ist. Das führt mir erneut vor Augen, dass mit Gewitter nicht zu spaßen ist, auch nicht in tieferen Lagen! Im Grunde war es absolut leichtsinnig, dass die Jungs auf der Stettiner Hütte ihren Kameraden im Gewitter haben aufsteigen lassen!

Heute laufe ich antizyklisch. Während ich am Absteigen bin, kommen mir jede Menge Tagesausflügler entgegen. Während die meisten Wanderer mit dem Auto weit in das Tal reinfahren, wartet auf mich noch ein langer Fußmarsch bis nach Graun, meinem heutigen Ziel.

Glücklicherweise finde ich einen Art Höhenweg, der mich fernab der Straße Richtung See führt. Irgendwann komme ich an einem Bauernhof vorbei. Ich biege gerade auf den rechten zweier Wege ein, als mir ein altes Männchen entgegenkommt, das auf seinen Arm Holz zum Wohnhaus trägt. Mit einem wissenden Grinsen bedeutet er mir, den anderen Weg zu nehmen. So fängt ein schönes Gespräch zwischen uns an. Als er hört, wo ich herkomme, verliert er fast die Dritten vor lauter Staunen. Immer wieder schüttelt er mit dem Kopf und meint: „alles zu Fuß, das geht?!?“. Zum Abschied wünscht er mir weiterhin alles Gute und Gesundheit! Dieser Wunsch berührt mich sehr, denn ich spüre ganz deutlich, wie sehr er von ganzem Herzen kommt!

 

Ein Vorbild für Italiener

So langsam brauche ich eine Pause, doch mein Bauchgefühl sagt mir, noch etwas durchzuhalten. Da ich ohnehin keinen schönen Platz zum Rasten sehe, gebe ich nach und schleppe mich weiter. Nach einer halben Stunde höre ich Wasser rauschen! In meiner Fantasie spüre ich bereits, wie kaltes Wasser meinen erhitzten Körper abkühlt. Wenige Minuten später ist meine Phantasie zum Greifen nah! Fünfzig Meter vom Weg entfernt lockt mich ein Wasserfall. Dieser Verführung kann ich nicht widerstehen! Fünf Minuten später habe ich mir meine Kleider vom Leib gerissen und ich stehe unter einer herrlichen Naturdusche! Ich spüre, wie die Kälte des Wassers meinen schwitzenden Leib abkühlt! Ist das ein herrliches Gefühl! Da ich seit Wochen kein Handtuch mehr habe, setzte ich mich anschließend in die Sonne und lasse mich von ihr trocknen.

Mit neuer Frische setze ich meinen Weg fort. Zwanzig Minuten später sehe ich endlich das Wahrzeichen meines heutigen Ziels: der Kirchturm im Reschensee! Gut gelaunt, da ich bald meinen Rucksack für heute ablegen kann, laufe ich runter bis zum See. Weil ich schon wieder vor Hitze schwitze, beschließe ich, eine Runde im See zu schwimmen. An einem Mini-Strand setzte ich meinen Rucksack ab, ziehe mich bis auf die Unterhose aus und lasse mich genüsslich ins angenehm frische Wasser gleiten. Das scheint eine willkommene Vorlage für ein paar Italienerinnen zu sein. Ihre Männer stehen zierend bis zu den Knien im Wasser und müssen nun den Spott ihrer Frauen über sich ergehen lassen. Nach zehn Minuten beende ich meinen Badeausflug, schlüpfe noch nass in meine Klamotten und bin schon wieder am gehen, als ich sehe, dass sich die Italiener, angefeuert von ihren Frauen, nun auch zögerlich und nach Luft schnappend weiter ins Wasser wagen.

 

Ungewollte Zugabe

Mein erster Gang in Graun führt mich zu dem Hotel, in das mir Bianca mein nächstes Päckchen geschickt hat. Nach der Verzögerung in Sterzing rechne ich zwar noch nicht damit, dass es schon da ist, aber auf einen Versuch kommt es an. Zu meiner Begeisterung händigt mir die freundliche Hotelchefin postwendend das begehrte Stück aus! Ich bin begeistert, habe ich so mehr Freiheit, wie ich meine nächsten Tage einteile. Nur ein Zimmer hat sie keines mehr für mich.

Also stecke ich mir am Info-Point ein Unterkunftsverzeichnis ein, setzt mich in das nächstgelegene Café und fange an, die magere Auswahl an Unterkünften abzutelefonieren. Doch heute ist es das erste Mal, dass ich keine Übernachtungsmöglichkeit finde! Nach über neun Wochen musste das ja mal passieren. Ich überlege meine Möglichkeiten. Draußen schlafen – lieber nicht, das Wetter sieht nicht so aus, als bliebe es über Nacht trocken. Weiter gehen bis zum nächsten Ort wäre auch noch eine Option, auch wenn meine Füße schon platt sind. Also telefoniere ich wieder etwas rum und habe irgendwann Glück: in St. Valentin bekomme ich in einem Hotel für zwei Nächte ein Zimmer.

Bevor ich mich auf den Weg in das sechs Kilometer entfernte St. Valentin mache, hole ich mir im Supermarkt etwas zu trinken und mache noch einmal eine ordentliche Pause. Ich überlege, ob ich meine alten Unterlagen gleich noch bei der Post aufgeben soll, verschiebe es aber auf morgen, dann kann ich das in aller Ruhe machen.

Die Strecke nach St. Valentin verläuft zwischen Passstraße und See. Die Teerstraße ist bestimmt wieder Gift für meine geschundenen Füße, aber ich habe keine andere Wahl. Eineinhalb Stunden später komme ich endlich fix und fertig an meinem Hotel an! Noch bevor ich meine Schuhe ausziehe, spüre ich sie: an beiden kleinen Zehen haben sich neue Blasen gebildet!

Für all zu viel reicht meine Energie heute nicht mehr. Nach der üblichen Routine und dem Abendessen verziehe ich mich schnell auf mein Zimmer.

 

Fr. 14. August 2015, St. Valentin

Der heutige Tag steht wieder im Zeichen des Organisatorischen. Zwar starte ich nach einem ausgiebigen Frühstück mit dem Schreiben meiner Berichte, muss mich aber gegen Mittag dazu zwingen, mich um meine Pflichten zu kümmern.

Als erstes suche ich alles zusammen, was ich nach Hause schicken möchte. Mit dem Päckchen unter dem Arm frage ich an der Rezeption nach, wo das Postamt ist. Dann die große Enttäuschung: es gibt in St. Valentin keine Post! Mir bleibt nichts anderes übrig, als das fertig gepackte Päckchen die nächsten Tage mitzuschleppen bis ich am nächsten Postamt vorbeikomme.

Leicht missgelaunt kehre ich auf mein Zimmer zurück und mache mich daran, die nächsten Tagesetappen unter Berücksichtigung des aktuellen Wetters anzuschauen. Für morgen stehen mir zwei Wegvarianten zur Sesvennahütte zur Auswahl: die moderate Variante ist ein Wanderweg, der im Tal hochgeht, die knackigere Variante geht über zwei Gipfel, die mit einem Kamm verbunden sind. Der Wetterbericht meldet für morgen ab spätem Mittag Regen und ab späten Nachmittag Gewitter. Da mich die Gipfel-Variante reizt, mir die Entscheidung aber noch offen lassen möchte, beschließe ich, morgen um fünf Uhr zu starten, dann sollte ich in jedem Fall vor dem Gewitter an der Hütte angekommen sein. Mit dem Hotelchef kläre ich ab, dass ich wieder ein Vesper-Paket bekomme.

Der Rest des Tages vergeht wie im Flug und um zehn Uhr ist es Zeit, schlafen zu gehen.

 

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