Tag 68: Der Super-Gau!

Sa. 15. August 2015, von St. Valentin zur Sesvennahütte

 

Lichtspiele
Lichtspiele
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Zwanzig nach vier ertönt mein Wecker. Diesmal ist mir sofort klar, was Sache ist. Doch bis ich geduscht und gepackt habe, komme ich schon wieder zehn Minuten später los als geplant.

 

Die Gespenster-Alm

Die ersten knapp zwei Stunden geht es auf einem Schotterweg hoch zur Haider Alm. Nebel hüllt den Berg ein und kriecht unter meine Jacke. Recht ausgekühlt träume ich davon, mich auf der Haider Alm an einem Kaffee aufwärmen zu können.

Während es draußen langsam hell wird, ist in dem Gebäude noch alles dunkel. Kein Lebenszeichen weit und breit. Im Grunde kann ich es mir sparen, an der Türe zu rütteln, aber eine innere Stimme sagt mir, es zu versuchen. Die Türe ist wider Erwarten nicht abgeschlossen! Zögerlich betrete ich den großzügigen Gastraum. Im Halbdunkeln kann ich immer noch keine Menschenseele entdecken. Ich kann mir die offene Türe nur so erklären, dass in Not geratene Wanderer hier Zuflucht finden können.

Auch wenn ich nicht wirklich in Not bin, kalt ist mir inzwischen schon. Ich beschließe, mich in dem recht warmen Raum aufzuwärmen, auch wenn es etwas gespenstisch ist. Leider gibt es keinen Kaffee, ich nutze die Gelegenheit trotzdem, eines der großen Vesperbrote zu vertilgen, die ich mitbekommen habe. Neugierig schaue ich mich im Raum um und entdecke einen Schlüsselbund samt Autoschlüssel. Komisch, so was lässt man doch nicht einfach liegen! Aber außer einen Hirten, der draußen einen Disput mit seinem Ziegenbock hat, ist immer noch niemand zu sehen.

 

Die unerwartete Begegnung mit 12 Pin-Up-Girls

Nach einer halben Stunde bin ich satt und wieder warm – bereit, weiterzugehen. Jetzt muss ich mich endgültig entscheiden: Wanderweg oder Gipfeltour. Noch kann ich mit einem kleinen Umweg auf den Wanderweg wechseln. Ein Blick nach oben lässt mich so etwas wie blauen Himmel durch den Nebel erahnen. Ich entscheide mich für die Gipfeltour! Auf der Weisskugel-Hütte hat mit ein Mann erzählt, dass er diese Tour gemacht hat und sie absolut heftig gewesen sei, da super anstehenden. Jetzt wird sich zeigen, ob das ganze nur Seemanns Bergsteigergarn war.

Bis zum ersten Gipfel, den Seebodenspitz, sind es noch mal ca. zwei Stunden Aufstieg. Gemächlich schraube ich mich Meter für Meter hoch. Doch der Rucksack hält heute besonders schwer dagegen. Da es laut Karte keine Möglichkeit geben wird, Wasser nachzufüllen, schleppe ich heute drei Liter Wasser mit. Dazu kommt mein Vesper-Paket, frisch aufgefüllte Vorräte an Obst und Studentenfutter und zu allem Überfluss auch noch das Paket. Somit komme ich heute knapp an neunzehn Kilo ran, und die spüre ich bei jedem Schritt nach oben!

Inzwischen erreiche ich die Wolkenobergrenze und werde mit einem herrlichen Blick belohnt! Nach eineinviertel Stunden erreiche ich das Kabuff einer Schlepplift-Bergstation. Ohne eine Vorstellung zu haben, was ich erwarte, drücke ich die Türklinke herunter und siehe da, die Türe öffnet sich! Alles mögliche stapelt sich in dem drei Quadratmeter großen Holzhäuschen. An einer der Wände hängt noch ein Erotik-Kalender aus dem vergangenen Jahr und in gebührendem Abstand das Foto von zwei kleinen Kindern. Hier hat offensichtlich ein junger Familienvater zuletzt seinen Dienst verrichtet.

 

Messer im Sprunggelenk

Dann entdecke ich einen einfachen Holzstuhl. Das fasse ich als Einladung auf, eine Rast zu machen! Den Stuhl stelle ich so hin, dass ich einen herrlichen Blick über das Tal habe. Etwas surreal ist es schon, auf 2700 m ü. NN mitten auf einer Wiese auf einem Stuhl zu sitzen, aber ich genieße einfach diesen Moment.

Auf einmal bemerke ich, dass die Wolkendecke unter mir mit beachtlicher Geschwindigkeit auf mich zukommt. Das ist das Letzte, wonach mir ist. Schnell verstaue ich den Stuhl wieder und setze meinen Aufstieg fort. Nach quälend langen fünf Stunden stehe ich endlich auf dem Seebodenspitz!

Noch habe ich passable Sicht, da die Wolken aber unaufhaltsam näherkommen, beeile ich mich, trage mich nur schnell ins Gipfelbuch ein und gehe weiter. Eine viertel Stunde später holen die Wolken mich bereits ein. Was mir bleibt sind zweihundert Meter Sicht, mit Gipfelgenuss hat das nur noch wenig zu tun. Ab und zu reist es zwar kurz auf, aber im großen und Ganzen verläuft die eindreiviertelstündige Kammwanderung in Wolken.

Nach knapp sieben Stunden erreiche ich endlich den Rasass Spitz, das andere Ende des Kamms. Während ich mit meinem Gipfelbucheintrag beschäftigt bin, verdichtet sich der Nebel derart, dass ich kaum noch zehn Meter sehen kann. Kurz darauf gesellt sich Regen dazu. So früh habe ich damit nicht gerechnet! Der dichte Nebel und beschlagene Brillengläser führen dazu, dass ich etwas planlos umherirre, bevor ich meinen richtigen Weiterweg finde.

Der führt einen relativ steilen Grat herunter. Auf der einen Seite bin ich ganz froh, nicht weiter als zehn Meter sehen zu können, so weiß ich auch nicht, wie steil es links und rechts von mir abfällt. Auf der anderen Seite fällt es mir sichtlich schwer, die nächste Markierung zu finden. Vor ein paar Tagen noch hatte ich mich darüber lustig gemacht, dass jemand alle zehn Meter eine Markierung angebracht hat. Bei strahlendem Wetter schien das sehr übertrieben zu sein. Heute nehme ich alles reumütig zurück! Jetzt verstehe ich, wie nützlich dieser Fleiß bei schlechter Sicht sein kann!

Je tiefer ich komme, desto lichter wird der Nebel. Und dennoch: wie aus dem Nichts erscheinen plötzlich Kühe, wo drei Schritte vorher nur eine weiße Wand zu sehen war! Ich freue mich gerade darüber, dass der Regen nachlässt und ich die lästige Kaputze absetzen kann, als ein fürchterlicher Stich im linken Sprunggelenk signalisiert, dass ich langsam zum Ende kommen soll! So heftig hatte ich es in den letzten Wochen nicht erlebt. Die letzten neunhundert Meter komme ich deshalb nur noch humpelnd voran. Was freue ich mich darauf, meine Beine auf der Hütte hochlegen zu können!

Immer dem Lärm nach

Dann endlich taucht schemenhaft ein Haus im Nebel auf. Das muss die Sesvennahütte sein! Diese Aussicht verleiht mir kurzfristig neue Kraft. Doch dreihundert Meter vor dem Haus taucht ein weiteres Gebäude rechts neben mir auf. Etwas verwirrt überlege ich, wo ich nun hin soll, als lauter Lärm von der rechten Seite an mein Ohr dringt. Da das linke Gebäude ziemlich unbewohnt scheint, steuere ich auf die Lärmquelle zu.

Was mich dann erwartet, ist mein persönlicher Super-Gau! Geschätzte dreihundert lärmende Menschen scharen sich um den Eingang der Hütte. Da fällt es mir wieder ein: irgendwer hat mir erzählt, dass an diesem Wochenende ein Berglauf zu dieser Hütte stattfinden soll. Und ich platze gerade in die Siegerehrung rein.

Fünf Minuten brauche ich, um mir einen Weg durch die Massen ins Innere der Hütte zu bahnen. Hocherfreut erfahre ich, dass ich im Lager unterkommen kann! Das erste Mal in den letzten zwei Monaten erhalte ich einen Begrüßungsschnaps auf einer Hütte! Anschließend arbeite ich mich wieder raus um meinen Rucksack zu holen, wähle nun aber, um einige Ortskenntnisse reicher, den Weg durch den Schuhkeller. Zum Aufwärmen bestelle ich eine Speckknödel-Suppe. Mit diesem Tumult aber komme ich gerade überhaupt nicht klar. Warum – vorwiegend – Männer immer meinen, sie müssten sich möglichst laut artikulieren. Denn das, was sie von sich geben, ist ohnehin nur akustische Umweltverschmutzung. Offensichtlich sind sie passive Sportler, also jene, die das sportliche Treiben Anderer als Anlass nehmen, die eigene Leistungsfähigkeit in der Disziplin Alkoholvernichtung öffentlich unter Beweis zu stellen.

Angewidert verziehe ich mich nach oben in mein Lager und hoffe inständig, dass dieser Zirkus da unten zum Abend hin ein Ende findet!

Zur Abendessenszeit gehe ich wieder runter. In der Tat hat sich das Spektakel weitgehend aufgelöst. Der Wirt und seine Mitarbeiter sind gerade bemüht, den harter Kern von sechs, inzwischen stark angetrunkenen Zeitgenossen loszuwerden, ein Unterfangen, das sich eine halbe Stunde hinzieht.

Die Tischordnung weist mir eine Gruppe von fünf Trans-Alp-Mountainbiker zu. Eigentlich ganz nette Jungs, aber heute ist mal wieder so ein Tag, an dem ich nicht wirklich in Gesprächslaune komme. Dementsprechend ziehe ich mich zeitig wieder nach oben zurück.

 

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