Tag 70: Wer nicht hören will, bezahlt im Zweifel mit seinem Leben

Mo. 17. August 2015, von der Sesvennahütte nach Scuol

 

Gleich geht es los!
Gleich geht es los!
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Mein Fuß, aber auch der Rest haben sich bestens erholt. Nur das Wetter, das orientiert sich leider nicht an den Vorhersagen. Nebel und Nieselregen freuen sich schon darauf, mich in die Mangel nehmen zu können.

 

Der Tod lauert nur Sechzig Zentimeter neben mir

Dementsprechend unmotiviert raffe ich mich um halb neun auf. Alles an dem folgenden Weg erinnert mich an meine Vorstellung von Schottland. Regen, Nebel sowie grüne Berge soweit das Auge reicht, was bei diesem Wetter allerdings nicht besonders weit ist. Ich kann es nicht leugnen, ich bin ein Schönwetter-Mensch. Wenn also Sonnenschein wäre, könnte ich dieser Landschaft durchaus etwas abgewinnen.

So aber bin ich eher gespannt auf die Uina-Schlucht. Doch je mehr ich mich ihr nähere, desto schlechter wird die Sicht. An ihren Pforten angekommen, kann ich nichts Spannendes erkennen. Erst als ich in Richtung Himmel schaue, erahne ich weit über mir bruchstückhaft eine Andeutung von Berg. Auf einmal fühle ich mich so winzig wie eine Ameise, die vor mir steht! Die Ahnung, dass die Schlucht bis weit über mir ragt, flößt mir Respekt ein.

Anfänglich verläuft der Weg nur knapp über dem Bach. Doch dann stürzt der Bach in die Tiefe und der berühmte, in Fels gehauene Weg beginnt. Mit unfassbarer Anstrengung hat der Deutsch-Österreichische Alpenverein von 1908 bis 1910 auf einer Länge von 1000 Metern einen 130 cm breiten Weg in die größtenteils fast senkrechten Wände der Uina-Schlucht geschlagen. An zwei Stellen geht es gar durch einen kurzen Tunnel. Das Geländer ist nur noch teilweise vorhanden, so dass es stellenweise sechzig cm links von mir barrierefrei bis über 100 Meter in die Tiefe geht. Genau das, was mein höhensensibles Gemüt braucht. Gut, dass zumindest die bergseitig angebrachten Stahlseile einigermaßen vollständig sind! Nicht umsonst fordern Schilder dazu auf, das Bike zu schieben. Ein holländischer Mountainbiker hat 2012 diese Warnung nicht ernst genommen und ist 110 Meter in den Tod gestürzt. Erst kurz vor dem unteren Ende der Schlucht reißt die Nebelwand auf und gibt die wahren Ausmaße der beeindruckenden Schlucht preis. Eine Stunde, nachdem ich die Schlucht betreten habe, spuckt sie mich unten wieder aus.

 

Ein untrügliches Zeichen, in der Schweiz zu sein

Die nächsten zwei Stunden gehe ich einen normalen Wirtschaftsweg weiter bergab ins Tal. Während dieser Zeit kommen mir unzählige Mountainbiker entgegengefahren. Als mich zwei von ihnen fragen, ob mir zwei Mountainbiker begegnet wären, frage ich lakonisch zurück: „Welche von den gefühlt fünfzig Bikern meint Ihr denn?“. Diese Schlucht muss auf irgendeiner sehr prominenten Alpen-Cross-Route liegen, anders lässt sich dieser Ansturm nicht erklären.

Zwei Stunden nach Ende der Schlucht komme ich unten im Tal an. Nach vier Stunden Laufen ist mir nach einer Pause. Außerdem bin ich durch den permanenten Nieselregen recht durchgefroren. Da kommt mit die einzige Wirtschaft am Ort gerade recht. Beim ersten Blick in die Karte erkenne ich: bei diesen Preisen muss ich inzwischen in der Schweiz angekommen sein! Einen Caesar Salad z.B. gibt es für schlappe 19 CHF, meine Kürbischreme-Suppe gibt es da schon für 10 CHF! Da ich noch keine Gelegenheit hatte, Schweizer Franken abzuheben, kann ich in Euro zahlen, der Umrechnungskurs liegt bei 1:1. Ich ahne, der starke Franken wird mein Budget schwer belasten!

Nach einer guten Stunde bin ich wieder fit für den Weiterweg. In der Zwischenzeit habe ich mir überlegt, wie weit ich heute noch gehen möchte. Eigentliches Ziel war Sent, da ich mich aber noch fit fühle und es erst Mittag ist, beschließe ich, noch etwas weiter zu gehen, also steuere ich Scuol an. Der Weg führt nun unten im Tal entlang, zu meinem Leidwesen die meiste Zeit über auf Teerstraßen. So bin ich froh, nach knapp drei Stunden in Scuol an der Touristikinfo eine Bleibe zu finden, ein Backpacker Hotel.

Den restlichen Nachmittag nutze ich, schon mal die Berichte der letzten Tage hochzuladen. Da das W-LAN sehr instabil ist, kann ich leider keine Fotos hochladen. Das muss warten, bis ich nach der morgigen Etappe einen Tag Pause machen werde.

 

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