Tag 71+72: Der Denkapparat läuft wieder an

Di. 18. August 2015, von Scuol nach Guarda

 

Schleier
Schleier
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Kurz vor acht Uhr sitze ich im Flur meiner B&B Unterkunft und schnüre meine Stiefel, als ein Mann von draußen reinkommt. Die Türe sperrangelweit offen lassend, steuert er auf den Frühstücksraum zu. Instinktiv drehe ich mich zur Türe um zu sehen, wer noch kommt. In diesem Moment höre ich von hinten: „Da kommen noch welche, da brauchst Du gar nicht so blöd zur Türe schauen!“. Aha, denke ich, das gehört wohl zu meinem Resozialisierungsprogramm. Dieser ungehobelte Geselle schafft es durch diesen Kommentar auf meine Superlativliste in die Rubrik „schlechteste Kinderstube“!

 

Wirre Gedanken

Passend zum Start des Tages steht heute mal wieder eine unattraktive Transferstrecke im Tal an. Als wolle er die Ödnis des Tal-Dasein vor mir verbergen, hüllt auch heute Nebel alles ein. Zwar finde ich einen Weg, der oberhalb des Tals und damit weit entfernt von der Hauptstraße verläuft, aber es ist und bleibt nur ein breiter geschotterter Wirtschaftsweg. Etwas reizvolleres haben offenbar die Macher des Via Alpina auch nicht finden können, denn dieser Fernwanderweg verläuft die ersten acht Kilometer ebenfalls hier entlang.

In der Monotonie des Gehens merke ich, wie erneut Gedanken aufkommenden, die nichts mit heute zu tun haben. Seit Wochen war mein Kopf wirklich frei gewesen. Doch als hätte jemand in meinem Kopf einen Schalter umgelegt, tauchen seit zwei oder drei Tagen wieder Gedanken jenseits meiner Tour auf. Ich bin überrascht, dass mein Denkapparat kurz vor dem Ende meiner Bergpilger-Reise ohne mein zutun automatisch wieder anspringt. Noch sind die Gedanken bruchstückhaft, ja teils sogar etwas wirr und scheinbar unbrauchbar. Doch das verwundert mich nicht und ich bin mir sicher, das wird sich noch ändern. Das ist wie bei einer Produktionsanlage: bis sie auf Produktionsbedingungen hochfährt, entsteht auch nur Ausschuss.

 

Teure Schweiz

In Ardez entdecke ich auf einer Infotafel die Anzeige eines Cafés. Das kommt mit sehr gelegen, denn mir ist fürchterlich kalt. Die Feuchtigkeit des Nebels und des gelegentlichen Nieselregen kriecht durch jede Ritze meiner Kleidung und vermischt sich mit meinem Schweiß. Wind und niedrige Temperaturen tragen das ihre dazu bei, dass mein Körper auskühlt. Ein Kaffee und ein warmer Raum werden mir deshalb bestimmt gut tun. Obwohl das Örtchen wirklich nicht groß ist, habe ich Schwierigkeiten, das Café gleich zu finden. Gerade lasse ich mich erleichtert nieder und freue mich, dass es hier drinnen gemütlich warm ist, da kommt die Inhaberin auch schon, zeigt auf die Karte und meint mit einem vorwurfsvollen Unterton, ich müsse mich beeilen, da sie eigentlich jetzt zu mache. Na toll, ein Café das um elf Uhr vormittags schließt! In welchem verschlafen Nest bin ich denn hier gelandet? Doch ihr Unterton stachelt mich erst recht an, einen Kaffee zu bestellen und jede Minute im Warmen auszukosten. Doch ihre Penetranz befördert mich eine viertel Stunde später wieder auf die Straße und in die Kälte.

Wenn hier nicht einmal ein Café durchgehend geöffnet hat, wie sieht es dann nur mit einer Unterkunft aus? Eigentlich möchte ich noch bis Guarda weitergehen, doch der Ort ist noch kleiner als Ardez. Hin und hergerissen überlege ich, was ich machen soll. Ich entscheide mich, in Guarda ein kleines Hotel anzurufen, dessen Internetpräsenz hat mich angesprochen. Die Dame am anderen Ende kann mir leider nicht weiterhelfen, sie verspricht aber, dass mich jemand zurückrufen wird. Um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen suche ich den einzigen Mini-Supermarkt auf, eher ein Tante-Emma-Lädchen am Ort auf. Außen lässt mich die Angebote-Der-Woche-Tafel nichts Gutes ahnen: ein Sixpack Heinecken (!) Halbliter-Flaschen gibt es im Angebot für sage und schreibe 12,40 CHF, regulär kostet er 14,40 CHF. Gut, dass meine Tour bald endet, sonst würden die Lebenshaltungskosten dies früher oder später für mich tun!

 

Willkommen in der Vergangenheit

Nachdem ich mit meinem kleinen Einkauf fertig bin, warte ich immer noch vergeblich auf den Rückruf des Hotels. Eine halbe Stunde später reist mir seit Wochen das erste mal wieder der Geduldsfaden und ich rufe selbst noch mal an. Statt einer Entschuldigung erfahre ich, dass ein Zimmer frei wäre, doch der Preis hört sich dann eher an als wolle sie mir Anteile an dem Hotel verkaufen. Ich beschließe, nichts desto trotz weiterzugehen und mich vor Ort in Guarda auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft zu begeben.

Vier Kilometer Asphaltstraße später komme ich an. Ein niedliches Dorf mit dem Charme eines Freilichtmuseums. Ein Schild mit einen großen i signalisiert mir, dass ich dort Hilfe erwarten kann. Nach kurzer Suche stehe ich vor der Türe, zu der mich das i gelockt hat. Es scheint ein Multifunktions-Haus zu sein. Es beherbergt einen Turnraum, vermutlich eine Schule, so etwas wie eine Bibliothek und Bürgerraum, nur den Raum von der Tourismus-Info finde ich nicht! Dann kapiere ich: das Regal im Flur ist die Tourismus-Information! Ich wühle mich durch den Wust an Zetteln und fische die Angebote der ortsansässigen Unterkünfte heraus. Ein gemeinsames Unterkunftsverzeichnis scheint es nicht zu geben. Nach Anwendung meines Filters „Budget“ bleibt nur noch ein Haus über. Auf dem Weg dort hin komme ich an drei Häusern vorbei, an denen Schilder mit einem Bett darauf prangen. Bei jedem klopfe ich an. Beim ersten öffnet niemand, beim zweiten auch nicht. Beim Dritten kommt der Opa des Hauses raus, kann mir nicht sagen ob etwas frei ist und bittet mich, zurück zu Haus eins zu gehen. Also gehe ich wieder zurück und klingele noch mal und diesmal rührt sich etwas. Es gibt tatsächlich ein Zimmer für mich, auch der Preis passt, nur W-LAN, so was neumodisches habe man nicht. Da ich hier einen Tag Pause und unbedingt mal wieder meine Berichte online stellen möchte, werde ich mich erst mal weiter umsehen. Ich gehe also zu dem auserwählten Hotel und habe Glück: hier gibt es ein Zimmer, W-LAN und der Preis ist auch noch akzeptabel für Schweizer Preisverhältnisse.

Zu vielem bin ich heute nicht mehr in der Lage. Zur üblichen Routine muss ich mich aber noch zwingen. Nach einer ausgiebigen warmen Dusche ziehe ich mir die Sachen an, die am wenigsten müffeln. Den Rest wasche nacheinander durch. Als ich fertig bin, hängt an jedem Vorsprung, den ich im Raum finden konnte, ein Bügel mit einem nassen Kleidungsstück. Am Ende gleicht mein Zimmer einem Trockenraum.

 

Mi. 19. August 2015, in Guarda

Nachdem ich mich ausgiebig am Frühstücksbüffet gestärkt habe, setzte ich mich an meine Karten und denke über die nächsten Etappen nach. Ich könnte es ruhig angehen lassen und die letzten Tage einfach nur wandernd meinem Ziel nähern. Oder ich mache zum Abschluss noch mal eine Gletschertour.

 

Die Suche nach dem Bergführer im Heuhaufen

Mir ist nach Zweitem, also brauche ich wieder einen Bergführer. Nachdem ich von Robert nichts mehr gehört hatte, gehe ich davon aus, dass er keine Zeit hat. Also muss ich mich wieder auf die Suche machen. Im ausliegenden Branchenverzeichnis sind einige Bergführer aufgeführt. Ich rufe beim ersten an – keine Zeit! Beim Zweiten geht keiner ran, der dritte ist ebenfalls schon ausgebucht und der vierte lässt seinen Anrufbeantworter für sich sprechen. Der Fünfte sagt zumindest nicht von vorne herein ab. Das Bergführern sei sein zweites Standbein, erfahre ich, das andere ist seine Landwirtschaft. Eine nicht ganz ungewöhnliche Kombination, wie ich im Laufe der Zeit erfahren habe. Eigentlich müsse er Heu machen, da noch mal ein paar gute Tage anstünden. Er will sich heute Abend zurückmelden. Ich gebe zu bedenken, dass ich dann aber weitersuchen müsse, sonst stünde ich im ungünstigsten Fall ohne Bergführer da. Das versteht mein Gegenüber und verspricht mir, heute Abend entweder selbst zuzusagen oder jemand anderes für mich zu organisieren. Auf diesen Deal kann ich mich einlassen.

 

Krisenstimmung

Den Rest des Tages kann ich mich also meinem Blog widmen. Die Texte habe ich schon vorgestern in Scuol hochgeladen, jetzt kommt der langwierigere Teil mit den Fotos dran. Da das W-LAN auf dem Zimmer nicht wirklich funktioniert, lungere ich also im „Lounge-Bereich“ herum. An einen Computer kann ich in diesem Hotel leider aus Sicherheitsgründen nicht, das müsse ich verstehen. Natürlich ist mir klar, dass ich bisher viel Glück hatte und immer sehr nette Hoteliers getroffen hatte, aber etwas enttäuscht bin ich trotzdem.

Kurz vor Mittag klingt mein Telefon, es ist Not Buchli, der landwirtschaftende Bergführer. So früh habe ich nicht mit seinem Anruf gerechnet, und schon gar nicht mit seiner Zusage! Wir verabreden uns für morgen Abend auf der Tuoi-Hütte. Allerdings wird er erst nach dem Nachtessen ankommen.

Jetzt kenne ich die Planung der letzten Etappen bis zum Gemsli und somit auch den Bedarf an Schweizer Franken für diese Tage. An der Rezeption frage ich nach einem Geldautomaten im Ort. Zähneknirschend gibt der Hotelchef zu, dass es hier keinen gibt. Ich könne aber mit dem Bus nach Ardez fahren. Ich habe keine Lust, mit ihm auszudiskutieren, warum ich nicht mit dem Bus fahren kann. Statt dessen gehe ich auf mein Zimmer und ziehe mir meine Bergstiefel an.

Zu Sicherheit will ich meinen Ausweis einstecken, doch die Hülle, in der ich ihn immer aufbewahre, ist leer. Dann liegt er bestimmt noch unten an der Rezeption. Der Chef kann ihn nicht finden, seine Frau, die mich eingecheckt hat, ist aber für eine halbe Stunde weg. Ich muss also so lange warten. Als sie ankommt, ist sie ganz sicher, meinen Ausweis nicht verlang zu haben! Ups, dann habe ich jetzt ein Problem! Dann muss ich den Ausweis irgendwo vorher vergessen haben. Seit zehn Wochen ist alles glatt gegangen, und jetzt das! Ich fange an, mich rückwärts durch meine Unterkünfte durchzutelefonieren. In Scuol erreiche ich niemanden und auf der Sesvennahütte ist mein Ausweis nicht aufgetaucht. Bei dem Hotel in St. Valentin dann der Volltreffer! Dort hat man mir den Ausweis bereits in die Post gesteckt! In Südtirol hat man öfters meinen Ausweis beim Check-In eingezogen und am Ende wieder zurückgegeben. Da ich aber schon um fünf Uhr morgens aufgebrochen war, gab es keinen formalen Check-Out und so hat keiner mehr an den Ausweis gedacht. Naja, zumindest ist er mich wirklich verloren gegangen. Die letzten Tage werde ich wohl ohne durchkommen. Zur Sicherheit bitte ich Bianca, mir das Bild von meinem Ausweis zu schicken, das ich vor meiner Tour vorsorglich eingescannt hatte.

 

Vom Regen in die Traufe

Um diese Sorge erleichtert, kann ich mich nun endlich dem Geld abheben widmen! Ich mache mich auf den Weg in das vier Kilometer entfernte Ardez, doch nach gerade einmal dreihundert Meter fängt es zu regnen an. Unter einem Baum suche ich Schutz und überlege, was ich machen soll. Regenjacke holen bringt nichts, da sie noch nicht trocken ist. Also bleibt mir nichts übrig als weiterzulaufen. Mit gelegentlichem Joggen versuche ich, den Weg zu verkürzen. Völlig durchnässt komme ich in Ardez an. Eine junge Mutter mit Kind frage ich nach dem Geldautomaten, den es hier geben soll. So wie ich aussehe, durchnässt, mit Schlapphut und Vollbart, vermutlich auch noch etwas streng riechend, wundert es mich, dass sie nicht sofort in ihr Auto flüchtet, sondern mir bereitwillig Auskunft erteilt.

Fünf Minuten später und einige Schweizer Franken mehr in der Tasche sehe ich die junge Frau wieder und werfe ihr noch ein „Vielen Dank“ zu, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache. Im Zimmer angekommen schlüpfe ich aus den klatschnassen in die frisch gewaschenen aber noch klammen Klamotten.

Auf das Abendessen verzichte ich zugunsten meines Zieles, noch alle Fotos in meinem Blog einzubinden. Mangels Computer bitte ich heute mal meine Schwester um Unterstützung. Für einen Außenstehenden ist das zuordnen der Fotos nicht einfach, weshalb wir fast eine Stunde am Telefon sitzen und diese Aufgabe gemeinsam lösen.

 

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