Tag 74: Dankbar aber nicht zufrieden

Fr. 21. August 2015, von der Tuoi-Hütte zur Silvrettahütte

 

Streußelkuchen
Streußelkuchen
Wie ein Streußelkuchen sieht das vom Schnee gepuderte Geröllfeld aus.
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Um fünf Uhr kehrt rasch Leben in die Gaststube ein. Zwei weitere Zweier-Seilschaften wollen ebenfalls früh aufbrechen. Doch keiner ist wirklich ausgeschlafen, weshalb das Frühstücken recht schweigsam verläuft.

 

Wie zu Großvaters Zeiten

Pünktlich um halb sechs treten Not und ich in die Dunkelheit. Kalter Nebel umhüllt uns augenblicklich, doch noch haben wir Hoffnung, dass es heute schön wird.

Anfangs noch im Schein unserer Stirnlampen steigen wir zwischen Piz Buin und Piz Fliana auf. Auf ca. 2700 m ü.NN werden die Steine und Felsen schlagartig spiegelglatt! In der Nacht hatte es starke Niederschläge und wir befinden uns gerade in der Zone, in der Regen in Schnee überging. Fünfzig Höhenmeter später ist der Spuk vorbei und wir laufen über gezuckertes Gelände. Da es hier ohnehin keine Markierungen, geschweige denn einen Weg gibt, hindert uns der Schnee auch nicht weiter an der Orientierung.

Nach gut zwei Stunden stehen wir auf dem Gletscher. Während die eine Seilschaft uns vor einer halben Stunde überholt hat und inzwischen im Aufstieg zum Piz Fliana sein müsste, kommt die andere Gruppe ziemlich gleichzeitig mit uns am Gletscher an. Die beiden, ein erfahrenes Schweizer Bergsteiger-Pärchen, wollen auf den Piz Buin steigen und anschließend zur Silvrettahütte gehen.

Auch wir beginnen, uns für das Anseilen fertig zu machen, bon Not erhalte die gewünschten Steigeisen. Als ich ihn nach dem Gurt frage, schaut Not mich verdutzt an und meint: „Ich hatte es so verstanden, dass Du einen Gurt dabei hast?!?“ Tja, so nah liegt oft das Falsche neben dem Richtigen. Aber Not ist ein alter Hase und weiß noch, wie man sich früher, als es noch keine Gurte gab, gesichert hat und bindet das Seil gekonnt direkt um meinen Körper. Uns ist beiden bewusst, dass dies eine gefährlichere Sicherungsvariante ist und ein Sturz um alles in der Welt vermieden werden soll. Dies in Verbindung mit der Neuschnee-Situation führt unweigerlich dazu, dass es heute für mich nicht auf den Piz Buin geht. Als „Entschädigung“ werden wir aber das Egghorn besteigen.

 

Das erste mal Klettern der Schwierigkeit IV

Doch zuvor müssen wir erst auf den Gletscher zum Silvrettapass aufsteigen. Inzwischen schaffen es sogar vereinzelt Sonnenstrahlen, sich einen Weg durch den Nebel zu brennen. Durch fünf Zentimeter Neuschnee laufend, fühlt es sich fast an wie eine Winter-Wanderung, wenn wir nicht immer wieder durch ausgewachsene Spalten zu einem Zick-Zack-Kurs gezwungen wären.

Nach einer halben Stunde auf dem Gletscher nimmt sein Gefälle deutlich zu und erreicht kurz vor einer Felsstufe 60-65° Neigung. Die Felsstufe kennt Not noch nicht. Das letzte Mal war er vor drei Jahren im Winter hier oben, da war diese Barriere noch vollständig vom Gletscher bedeckt. Nun müssen wir ein ca. zwanzig Meter hohes Band überwinden. Not klettert vor, um einen guten Platz zu finden, von dem aus er mich sichern kann. Dann bin ich dran. Es fällt mir teilweise schwer, geeignete Griffe zu finden, denen ich vertraue. Handbreite für Handbreite taste ich mich vor. Sobald ich einen Halt finde, sucht mein Fuß nach einem neuen Absatz, auch wenn er nur die Größe eines Daumennagels hat. Ich spüre, wie schwer es meinem Unfall-Fuß fällt, auf solch kleinen Vorsprüngen Halt zu finden. Es ist ein Kraftakt, den er sicherlich nicht über längere Zeit durchhalten würde. Hier bewege ich mich zur Zeit ganz klar an seinen Grenzen. Das finde ich jedoch keinesfalls schlimm. Zum einen bin ich wahnsinnig dankbar, überhaupt wieder solche Aktivitäten unternehmen zu können. Außerdem glaube ich fest daran, dass sich die Möglichkeiten und Fähigkeiten auch weiterhin verbessern werden. Da lasse ich nicht locker! Was heute nicht geht, wird möglicherweise in ein, zwei oder drei Jahren gehen! Unbeirrt arbeite ich mich langsam aber stetig, Meter für Meter nach oben. Die Frage, wie ich hier nachher wieder runterkommen soll, vertage ich auf später. Jetzt gibt es nur eine Richtung: nach oben. Ein paar Minuten später stehe ich erleichtert neben Not.

Jetzt gilt es noch einmal, eine haushohe Schneestufe zu erklimmen, über die wir zu dem letzten, felsigen Abschnitt gelangen. Hier lassen wir unsere Rucksäcke zurück und steigen entlastet die letzten 170 Höhenmeter in weniger schwierigem Fels hoch. Am Gipfel angekommen kann ich erahnen, welch tolle Aussicht ich bei schönem Wetter von hier aus hätte. Wie viel grandioser wäre dann die Aussicht vom Piz Buin? Heute allerdings gibt es von dort gar keine Aussicht! Wie ein aufgespießter Wattebausch umhüllt eine große Wolke den Gipfel des Piz Buin. Ich habe zwar „nur“ den kleineren Gipfel bekommen, werde dafür aber mit einer halbwegs anständigen Aussicht entschädigt. Beim Blick hinunter zum Ochsentaler Gletscher entdecken wir vier Seilschaften, die mitten im Irrgarten aus Gletscherspalten stecken. Not hat wenig Verständnis dafür, wie weit manche Bergführer gehen, um die Sensationsgier ihrer Kundschaft zu befriedigen.

Auf der anderen Seite erhalten wir einen tollen Überblick über den Silvrettagletscher. Auch wir werden noch einige Spalten überqueren oder umgehen müssen, soviel ist klar. Aber ich habe volles Vertrauen in Not. Ich finde es faszinierend: da vertraue ich mein Leben einem Menschen an, den ich so gut wie nicht kenne. Und doch habe ich in allen drei Fällen, in denen ich mit einem Bergführer unterwegs war, nicht den Hauch von Zweifel gehabt, diesen Menschen vertrauen zu können. Auf der anderen Seite sind wir, so lange wir mit dem Seil verbunden sind, eine Schicksalsgemeinschaft. Jeder von uns möchte gerne wissen, wie sein Leben weitergeht, und wird alles vermeiden, was einem schaden könnte.

Auf dem Rückweg gehe ich voran, damit Not mich von oben sichern kann. Zügig erreichen wir die Schneestufe, die schnell überwunden ist. Dann bekomme ich unweigerlich wieder die Frage präsentiert, die ich eben noch weggeschoben hatte: wie soll ich hier nur runter kommen? Jetzt kann ich zwar besser Griffe erkennen, dafür sind meine Füße stärker auf sich selbst gestellt, da ich weiter unten nur noch wenig sehe. Entsprechend langsam komme ich voran. Doch auch hier lerne ich: Schritt für Schritt lassen sich Hindernisse überwinden, die unüberwindbar schienen. Erleichtert bin ich trotzdem, als ich an dem steilen Anfang des Gletschers ankomme. Während Not nachkommt lege ich mir schon mal die Steigeisen an, und dann geht es weiter über den Silvrettagletscher, vorbei an unzähligen teils mächtigen Spalten und Gletschermühlen. Am Ausstiegspunkt komme ich noch in den Genuss, ein Gletschertor zu bestaunen. Normalerweise entsteht es an der Stelle, an der das Schmelzwasser am unteren Ende des Gletschers austritt, hier ist das Tor durch einen Bach entstanden, der von oben auf das Eis fließt.

 

Parallelwelten

Eine Stunde später sitzen wir bereits auf der Terrasse der Silvrettahütte und löffeln unsere Tagessuppe. Not muss zugeben, mich unterschätzt zu haben. Er dachte nicht, dass wir so schnell und gut durchkommen würden. Ich stelle es mir aber auch sehr schwer vor, einen Klienten anhand einiger vager Angaben am Telefon richtig einzuschätzen.

Nachdem Not auf und davon ist, gönne ich mir ein kleines Mittagsschäfchen, bevor ich am späten Nachmittag etwas verschlafen wieder unten in der Stube Platz nehme. Auf dieser Hütte wird mal wieder mit Sitzordnung gearbeitet und ich werde einem Tisch zugewiesen, an dem zwei Zweiergruppen jeweils mit Hund sitzen. Was besseres hatte mir der Hüttenwirt nicht tun können. Das erste Mal seit über zwei Monaten kann ich wieder einen Hund streicheln. Es fühlt sich gut an, wenn die warm-feuchte Zunge begierig das Salz von meinem Handrücken und meinen Armen schleckt. Ich lasse langsam meine Finger durch das Fell gleiten und muss unweigerlich darüber nachdenken, wie unser Hund Jakob wohl reagieren wird, wenn ich in wenigen Tagen wieder nach Hause komme. Ob er es mir übelnimmt, dass ich so lange weg war? Mit Frauchen und Herrchen eines Alaskan Malamute entsteht ein sehr intensives Gespräch. Es entsteht ein Aufeinandertreffen von Parallelen! Auf ihre Frage, wo ich wohne, gebe ich grob vereinfachend „Bielefeld“ zur Antwort, erwarte aber im nächsten Moment die Frage: wo liegt das? Zeitgleich fangen Saskia und Markus laut an zu lachen! Sie haben selbst vor Jahren eine Station ihres Lebens in Bielefeld verbracht! Heute leben sie in Augsburg und genießen die kurzen Wege in die Berge (wie meine Schwester und ihr Mann). Saskia ist Kunsthistorikerin (wie mein Vater), hat aber ihren Job an Nagel gehängt (auch ich habe 2004 meinen ersten Beruf aufgegeben) und arbeitet heute als Fotografin (das war mein erster Beruf)! Logisch, dass wir neben den bergsteigerischen Themen noch viel anderen Gesprächsstoff haben, doch leider ist der Abend viel zu kurz!

 

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