Tag 75: Wenn Erwachsene sich wie Kinder benehmen

Sa. 22. August 2015, von der Silvrettahütte zur Seetalhütte

 

Gute Aussichten
Gute Aussichten
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Zum Frühstück setzte ich mich an einen Tisch, an dem nur ein Mann sitzt, vermutlich etwas jünger als ich. Gestern hatten wir keine Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Doch offensichtlich hat er von meiner Geschichte erfahren, jedenfalls spricht er mich auf meine Tour an und schon sind wir mitten im Gespräch. André hat seinen Downshift quasi schon hinter sich. Als erfolgreicher Anwalt in einer großen Kanzlei im Osten der Republik stand ihm eine große Karriere offen. Er hat sich statt dessen irgendwann für mehr Zeit und Selbstbestimmung und gegen mehr Geld und Karriere entschieden und sich mit einer früheren Kommilitonin selbstständig gemacht. Ich spüre, dass uns vieles verbindet, auch wenn wir sicherlich ebenso unterschiedlich sind.

 

Luxus im Niemandsland

Wir stecken so tief in unserer angeregten Unterhaltung, dass wir völlig die Zeit vergessen. Doch das ist für uns beide kein Problem, da wir beide keine großen Pläne für heute haben. Bis zu meinem endgültigen Ziel sind es elf bis zwölf Gehstunden. Das muss ich mir auf die letzten Tage wirklich nicht mehr antun. Somit habe ich zwei Möglichkeiten: entweder gehe ich heute eine kurze Etappe bis zur Seetalhütte, dann muss ich morgen weiter gehen. Oder ich gehe heute weiter bis zur Tübinger Hütte, dann könnte ich es morgen gemütlich angehen. Die Seetalhütte reizt mich, da sie eine Selbstversorger-Hütte ist. Gerne denke ich an die zwei Biwak-Übernachtungen zurück und insgeheim hoffe ich, noch einmal so eine Nacht erleben zu können. Ich entscheide mich für meine Lieblingsstrategie: ich werde mir die Sache vor Ort anschauen und dann entscheiden, ob ich bleibe oder weitergehe.

Natürlich wähle ich – wie immer – den schwierigeren Weg über die Winterberg Scharte, statt unten herum durch das Tal zu gehen. Heute ist das Wetter, das wir uns alle für gestern erhofft hatten: blauer Himmel, viel Sonne und nur wenige Schäfchenwolken. Es ist eine rundum schöne Etappe. Anstrengend, steil, aber nichts, was mich an irgendwelche Grenzen bringt.

Nach vier Stunden stehe ich vor der Seetalhütte. Eng an einen großen Fels geklebt, fällt sie von oben überhaupt nicht auf. Die ist einfach plötzlich da! Neugierig öffne ich die Türe und stehe im Vorraum. Die rückseitige Wand bildet der Fels, ansonsten ist sie – wie ich finde – sehr komfortabel ausgestattet. Spüle mit fließendem Wasser aus eigener Quelle, zwei Gas-Herdplatten sowie Regale für Rucksäcke und Schuhe. Eine grobe Naturstein-Treppe führt drei Stufen hoch in den Wohn- und Schlafraum. Ein uriger Raum, der vermutlich viele spannende Geschichten erzählen könnte. Und wenn erst mal Feuer im Holzofen knistert, dann wird es so richtig heimelig werden! Zwei Tische mit Bänken laden zum Sitzen ein, ein großer Buffet-Schrank hält ein ungeahnten Reichtum an Lebensmitteln bereit: Wasser, Säfte, Radler, Apfelwein (da muss ich mir heute Abend unbedingt einen „Heese Äppelwoi“ machen!), Weiß- und Rotweine, Nudeln, verschiedene Tomatensaucen, Röstis, Tütensuppen und eine umfangreiche Auswahl an Naschwerk. Gezahlt wird auf Vertauensbasis in eine extra Kasse. Und dann natürlich das wichtigste: die Lager. Auf zwei Ebenen gibt es jeweils sechs Schlafplätze, liebevoll mit richtigen Bettdecken und Kissen ausgestattet. Offensichtlich werde ich nicht der einzige heute Nacht sein, drei oder vier wild verteilte Hüttenschlafsäcke reservieren bereits einige Plätze, während ihre Eigentümer offensichtlich noch in den Bergen unterwegs sind.

 

Die Richtung meiner Zukunft steht fest

Als erstes koche ich mir einen Kaffee und setze mich vor die Hütte. Das ist zu meiner Lieblingsbeschäftigung geworden. Vor der Hütte sitzen und die Landschaft bewundern. In Gedanken durchstreife ich noch einmal die letzten elf Wochen. Je näher ich an die Gegenwart komme, desto häufiger begegnen mir die Letzte-Mal-Erlebnisse, bezogen auf meine Bergpilger-Tour. Gestern der letzte Gletscher, der letzte Gipfel, die letzte Nacht auf einer klassischen Berghütte. Heute das letzte mal Pause an einem See, die letzte Übernachtung in einer Selbstversorger-Hütte, das letzte Plumpsklo, das letzte mal draußen vor der Hütte waschen. Morgen die letzte Scharten-Überquerung, die letzten Schritte, das letzte mal Ankommen!

Es ist kein einfacher Moment. Mir ist klar, dass etwas unglaublich Großartiges kurz vor seinem Ende ist. Auf der anderen Seite freue ich mich sehr auf zu Hause. Dann wieder stören Fragen zur Zukunft das Gedanken-Idyll. Eines steht aber inzwischen fest: ich werde mein Glück in einem Smart Business Konzept suchen. Womit genau, habe ich noch nicht entschieden. Zuerst stehen noch einigen Marktrecherchen an, mit denen ich beginne, sobald ich wieder zuhause angekommen bin.

 

Mit Ruhe lassen sich viele Probleme besser lösen

Da es recht frisch ist, hacke ich Holz und Anzündholz, bevor ich in klassischer Manier mit Zeitungspapier den Ofen im Wohn-Schlafraum anzünde. Der relativ Moderne und große Herd kommt schnell in Gang und schon eine Viertelstunde später spüre ich seine wohlige Wärme, garniert mit dem einzigartigen Geruch, den ein Holzfeuer abgibt.

Es dauert nicht lange, als eine Familie mit Kind ankommen. Es stellt sich heraus, das es Einheimische aus Klosters sind. Sie haben am Morgen bei der Hüttenwartin reserviert. Kurz blitzt der Gedanke in mir auf, ob ich nicht auch besser reserviert hätte, nicht dass ich am Ende des Tages ohne Schlafplatz dastehe. Doch im nächsten Moment wische ich den Gedanken weg. Aus meiner Erfahrung weiß ich, es wird immer eine Lösung geben.

Die drei sind sehr nett und ich genieße die Gesellschaft. Doch lange bleiben wir nicht unter uns. Es kommt ein jüngeres Schweizer Pärchen, die auch reserviert haben, nicht viel später gefolgt von einem deutschen Pärchen. Jetzt sind wir, zusammen mit den vermutlich vieren, die noch in den Bergen unterwegs sind, zwölf Personen. Somit ist die Hütte voll. Doch es dauert wieder nicht lange, als zwei etwas ältere Damen ankommen. Sie wurden auf der Silvrettahütte abgewiesen und hier her geschickt. Die ersten Idee Anwesenden werden nun sichtlich nervös und verdeckt wurde schon von „Weiterschicken, wir sind voll“ gesprochen. Ich bin offensichtlich der einzige, den diese Situation überhaupt nicht beunruhigt. Während einige darüber philosophieren, dass die beiden Frauen auf Bänken schlafen müssten, ist mir klar, dass wir die beiden noch im Lager unterbringen. Im Vorraum liegen noch weitere Decken und ob wo sechs Leute in einer Reihe Platz finden, passt auch noch eine siebte Person rein. Nach einer schier endlosen Diskussion kommt der Rest auch auch zu diesem Ergebnis. Da wird mir wieder einmal bewusst, wie unkompliziert mich diese Tour gemacht hat. Auch, dass die beiden zuletzt angekommen Frauen sich fürchterlich über den Hüttenwirt der Silvrettahütte aufregen, weil er nicht gesagt hat, dass die Seetalhütte unbeeinträchtigter ist, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Diese Hütte ist die bestausgestattete Selbstversorger-Hütte, die ich mir vorstellen kann. Da habe ich schon von ganz anderen Löchern erzählt bekommen. Statt also dankbar zu sein, einen warmen Platz gefunden zu haben, bringen die beiden sich gegenseitig in Rage. Mich nervt das ziemlich an, weshalb ich froh bin, dass es langsam auf das Abendessen zugeht.

 

Der Geruch der Heimat

Mit dem Schweizer Paar schließe ich mich zu einer Kochgemeinschaft zusammen. Es gibt Röhrennudeln mit Käse-Tomatensoße. Da es noch die Gas-Kochplatten gibt, kann noch eine Gruppe kochen. Obwohl die Sitzgelegenheiten sehr knapp sind, Rücken wir alle schön zusammen und jeder findet einen Platz. Nach dem Abwaschen wollen sich meine Kochpartner hinlegen und versuchen, in Schlaf zu finden, da sie morgen früh um halb fünf aufbrechen wollen. Da wir heute voll sind, reorganisieren sie die vier wahllos verteilen Hüttenschlafsäcke zu einem Block und nehmen die zwei anschließenden Plätze ein. Auch wenn wir anderen uns bemühen, nicht zu laut zu sein, so richtig kann ich mir nicht vorstellen, dass sie ein Auge zubekommen.

Jetzt ist der Moment gekommen, mir einen heißen Apfelwein zu machen. Ich hänge meine Nase über das Glas, schließe meine Augen, sauge den ausströmenden Dampf tief ein – und fühle mich in meine Jugend versetzt! Oft sind wir von der Dorfjugend im Winter zu einem der höhergelegenen Dörfer gewandert und uns dort in der Dorfschenke an dem einen oder anderen heißem Apfelwein aufgewärmt! Heute riecht es genau so wie früher. Das ist ein heiliger Moment für mich!

 

Berge schützen nicht vor Dummheit

Leider werde ich wieder in die Gegenwart zurückgerissen, da die vier Damen und Herren älteren Semesters ankommen, die ihre Hüttenschlafsäcke hier zurückgelassen hatten. Es dauert keine Minute und einer der Herren entdeckt, dass ihre Schlafsäcke umgelegt wurden. Dann regt sich der Wichtigtuer auf wie ein Rumpelstilzchen! Sowas hat er in seiner fünfzehnjährigen Bergsteiger-Zeit noch nicht erlebt, was fällt denen nur ein, na, die binnen morgen früh aber noch einen Takt von mir zu hören. Irgendjemand meint, dass er dann aber früh aufstehen müsse!

Es hat den Anschein, als wolle er gerade die Standpauke auf jetzt vorverlegen, als Mr. Rumpelstilzchen ein neues Feindbild entdeckt und diesmal etliche Verbündete findet: durch das Fenster sehen wir, wie zwei Lichter antanzend. Die Türe geht auf und zwei junge Leute treten ein, eine Schweizerin und ein spanisch sprechender Mann. Sie wurden sofort mit aller Freundlichkeit empfangen: „hier könnt ihr nicht bleiben, wir sind eh schon zu viele, für Euch ist hier kein Platz! Ihr müsst weiter gehen!“ Von soviel asozialen Verhalten wird mir ganz schlecht! Auch den anderen ist das forsche Auftreten von Mr. Wichtigtuer unangenehm. Im Vorraum wird lange diskutiert, mit zunehmend freundlicherem Tonfall. Herauskommt, was mir sofort klar war: die beiden schlafen auf den Bänken. Es gibt noch reichlich Isomatten und Pferdedecken, damit lässt es sich sehr komfortabel schlafen. Was hätte ich in der einen Nacht in dem Notunterstand für diesen Luxus gegeben!

Ich habe von meinem offensichtlichen Resozialisierungsprogramm genug und verziehe mich auf meinen Platz in der oberen Ebene. Auch der Rest kommt langsam zur Ruhe, schließlich reicht die Rücksicht dann doch noch, die Hüttenruhe um zehn Uhr zu respektieren.

Gerde bin ich ein eindämmen, als unten eine Diskussion entbrannt. Da hat dieses Ekelpaket doch tatsächlich das Schweizer Pärchen wachgemacht, um Ihnen die aus seiner Sicht verdiente Standpauke zu verpassen, ehe die in ein paar Stunden verschwinden! Ich bin fassungslos über dieses kindische Verhalten! Hätten sie ihre Schlafsäcke vernünftig en bloc ausgelegt, hätte niemand sie korrigieren müssen. Nachdem auch andere sich über die unnötige nächtliche Störung beschweren, kehrt langsam Ruhe in die Hütte ein. Dass wir zu siebt statt zu sechst in einer Reihe liegen, stört schon lange niemanden mehr!

 

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