Tag 76-78: Am Ziel angekommen!

So. 23. August 2015, von der Seetalhütte zum Gemsli

 

Im Seetal
Im Seetal
« 1 von 11 »

 

Am Morgen sind die Wogen geglättet. Jeder ist in seinem morgendlichen Tran mit sich selbst beschäftigt. Nichts desto trotz sehe ich zu, bald Land zu gewinnen. Die Verabschiedung von der Familie aus Klosters ist sehr herzlich, dem Rest werfe ich ein „Tschüss“ zu und im nächsten Moment verschwinde ich hinter der Hütte.

 

Vom Weg abgekommen

Der Familienvater hat mir von einem direkten Übergang in das Schlappiner Tal erzählt. Das erste Mal freue ich mich schon morgens über eine Abkürzungsmöglichkeit. Ein untrügliches Zeichen, dass die Zeit reif ist für den Abschluss meiner Bergpilger-Tour.

Nach zwanzig Minuten dämmert es mir: ich bin auf dem falschen Weg. Statt zurück zu gehen, meine ich, querfeldein gehen zu müssen. Die Strafe für diese Selbstüberschätzung lässt nicht lange auf sich warten. Mein „Weg“ führt mich durch ein großes grünes Meer aus großblättrigen Pflanzen. Damit es spannender wird, verdeckt das grüne Meer ein Blocksteinfeld. Das Gehen wird so zu einem unglaublichen Mühsal. Mit den Stöcken versuche ich das verborgene Gelände zu sondieren. Doch immer wieder trete ich auf einen losen Stein, rutsche ab oder lande inmitten eines Schlammlochs. Das vorankommen erweist sich rasch als mühselig und schweißtreibend. Doch für eine Kursänderung ist es nun auch zu spät.

Nach einer Weile ändert sich der Untergrund hin zu einer Wiese mit gelegentlichen Steinen. So läuft es sich wesentlich angenehmer! Laut Karte müsste ich irgendwann auf meinen richtigen Weg stoßen. Aufmerksam scanne ich die Landschaft nach einer Wegmarkierung oder ähnlichem ab, bis ich gelbe Schilder entdecke. Eine Weile später entdeckte ich einen Stein, der eine sonderbare Farbe hat. Eine Wegmarkierung kann es nicht sein. Erst als ich fünf Meter vor dem Stein stehe, erkenne ich: es ist eine Wegmarkierung, sie ist aber von einem ausgebleichten Kuhfladen größtenteils abgedeckt. Das muss mein Weg sein! Aber wo verläuft er lang? Ich kann keine weitere Markierung entdecken. Irgendwann sehe ich wieder einen Kuhfladen auf einem Stein und aus der Nähe betrachtet schimmert wieder das rot der Wegemarkierung durch. Hier war offensichtlich eine wandererfeindliche Kuh am Werk! Und tatsächlich, alle kommenden Markierungen sind zugeschissen! Erst als der Weg durch Felsblöcke und über große Steine führt, sind die Markierungen wieder gut erkennbar.

Ich nehme diese letzte Etappe sehr bewusst und intensiv war. Alle zur lieben Gewohnheit geworden Details sauge ich auf, als wären sie die letzten in meinem Leben: die Anstrengung des steilen Aufstiegs, die warmen Sonnenstrahlen, der Schweiß auf meiner Stirn, das satte Grün der steilen Hänge, die rauhen Kämme und Gipfel, der Kulissenwechsel auf der Scharte, der kniefeindliche Abstieg, der friedlich dahinmäandernde Bach. Diese Eindrücke müssen wohl eine Weile halten, bis ich wieder in die Berge komme. Davor muss ich mich erst um meinen beruflichen Neustart kümmern.

Die letzten sechs Kilometer möchte ich nicht auf dem Fahrweg durch das Tal laufen. Statt dessen entscheide ich mich für einen Höhenweg. Der Familienvater von Gestern hatte mir zwar prophezeit, dass dieser Weg nicht mehr begehbar ist. Teilweise ist er abgerutscht und da er nicht mehr gegangen wird, wird er wohl zugewachsen sein. Davon lasse ich mich aber nicht abhalten, zu groß ist die Abneigung, die letzten Kilometer auf einer langweiligen Schotterpiste laufen zu müssen! Lange dauert es nicht, als mir klar wird, was er meinte: ein Pfad ist nicht mehr da. Nur an der Vegetation lässt sich erahnen, wo der Weg einst entlang ging. Gelegentlich finde ich Pfade, die von den Kühen getrampelt wurden, aber wenn ich nicht aufpasse, komme ich von meiner Richtung ab. Durch knietiefes Gras wühle ich mich Schritt für Schritt voran und geniese diese letzen Kilometer, auch wenn mein Fuß mich schon wieder am Verfluchen ist. Das ständige Gehen an teils sehr schrägen Hängen entlang ist nichts für mein Sprunggelenk. Egal, ab morgen kann es sich ausruhen, aber heute muss es sich noch einmal zusammenreißen! Nach sechs Kilometer stoße ich wieder auf einen vernüftigen Weg, der mich direkt vor die Türe des Gemsli bringt.

Auf dem letzten Kilometer bekomme ich einen Klos im Hals. Nach außen hin ist es ein unscheinbarer Moment, doch für mich ist es etwas besonders. Ich verlangsame meine Schritte um das Ende herauszuzögern. Am 9. Juni fing in Salzburg alles an. Jetzt, elf Wochen, ca. 600 km und 45.000 Höhenmeter später bin ich am Ende meiner Tour angekommen! Ich kann es noch nicht wirklich realisieren. Freude und Traurigkeit vermischen sich und bringen mich durcheinander. In diesem Moment kommt der Wirt des Gemsi, Tobi, auf die Terrasse. Ich gebe mich zu erkennen. Von Guarda aus hatte ich ihn angeschrieben und gefragt, ob ein Treffen möglich ist mit dem Mann, der mich zu dieser Bergpilter-Tour inspiriert hat: Rudolf Wötzel.

Als erstes bestelle ich ein schönes kühles Radler, schließlich muss dieser Erfolg gefeiert werden! Alles andere ist jetzt unwichtig. Tobi setzt sich kurze Zeit später zu mir und lässt sich von meiner Tour und meinen Erlebnissen erzählen. Er kennt das schon, denn ich bin nicht der erste, der sich von Rudolf Wötzels Sucht der Alpenquerung hat anstecken lassen und hier vorbeigeschaut hat.

Heute wird es nicht mehr zu einem Treffen mit Rudolf Wötzel kommen, er will aber versuchen, dass es morgen klappt. Für mich war immer klar: ich werde es darauf ankommen lassen, ob es zu einem Treffen kommen wird oder nicht. Was auch immer passieren wird, so soll es sein. Etwas anderes zu erzwingen, würde ich nicht versuchen.

 

Mo. 24. August 2015, beim Gemsli

Bewusst habe ich mir vorgenommen, noch einen Tag hier zu bleiben. so kann ich das Ende gleichermaßen genießen und verarbeiten. Mal schreibe ich an meinen letzten Berichten, mal gehe ich etwas durch das Dorf spazieren oder sitze einfach nur auf der Terasse.

Als am späten Nachmittag klar ist, dass Rudi heute nicht mehr kommen wird, gehe ich noch mal runter ans andere Ende von Schlappin zum Berghaus Erika. Ich will schauen, ob das Paar aus Großbritannien bereits angekommen ist. Ich frage die Wirtin, die bestätigt, dass Sarah und Tony bereits da seien. Sie geht sofort hoch um den beiden Bescheid zu geben. Kurze Zeit später kommen sie runter. Wir setzen und draußen hin und stoßen mit einem Grappa auf die schöne Zeit hier in der Silvretta und unser Wiedertreffen an. Irgendwann muss ich leider zum Abendessen aufbrechen, doch ich hoffe, es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns sehen.

Im Gemsli angekommen treffe ich auf vier Mountainbiker aus dem Rheinland, die ebenfalls gerade eingetroffen sind. Schnell ist klar, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und sind sofort in einer Unterhaltung vertieft. Als die vier ins Lager gehen um sich etwas frisch zu machen, setzte ich mich drinnen an meinen Tisch. Tobi fragt mich, ob ich schon mit Essen anfangen möchte, doch mein Gefühl sagt mir, dass ich gleich mit den vier Rheinländern zusammen sitzen werde und beschließe, auf sie zu warten. Tatsächlich kommt der erste von ihnen kurz darauf zurück und läd mich zu ihnen an Tisch ein. Dies ist der Anfang eines lustigen und schönen Abends.

 

Di. 25. August 2015, Aufbruch beim Gemsli

Die vier müssen aus dem Rheinland kommen, denn heute ist einer der selten Male, an denen es morgens genau so heiter weitergeht wie der Abend endete. Während die Rheinländischen Frohnaturen irgendwann aufbrechen, bleibe ich noch sitzen, in der Hoffnung, dass es doch noch zu einem Treffen kommt. Ich gebe uns noch Zeit bis viertel vor neun, dann muss ich zum Bahnhof loslaufen. Tobi telefoniert nochmals mit Rudolf Wötzel und hat die gute Nachricht, dass er zwar erst um neun Uhr kommen kann, er mich dafür nach Klosters an Bahnhof mitnehmen kann.

Tatsächlich betritt gegen Neun Uhr mein Inspirator die Gaststube. Ich finde es toll, dass er sich die Zeit nimmt, mich zu treffen, schließlich hat er bestimmt jede Menge anderes zu tun. Wir unterhalten uns lange. Während ich ihm von meiner Tour erzähle und wie es dazu kam, bin ich ganz gespannt, was er darüber verrät, wie das Leben danach sein wird. Er bescheinigt mir, dass ich nun infiziert sei. Ich habe in einer Weise von der süßen Versuchung „Freiheit und Selbstbestimmtheit“ gekostet wie wenige Menschen. Das wird mich in der Zukunft sehr stark prägen, so seine Prophezeiung.

Leider müssen wir irgendwann aufbrechen, damit ich mir noch eine Bahnfahrkarte besorgen kann. Doch uns bleibt noch die Autofahrt. Schade, dass ich so weit weg lebe. Rudi ist ein Mensch, in dessen Gegenwart ich mich sehr wohl fühle. Mir fällt besonders auf, wie gelassen er heute noch wirkt. Ich hoffe inständig, dass auch ich einen großen Teil meiner neu entdeckten inneren Ruhe in mein zukünftiges Leben mitnehmen kann. Sie hat mir in den zurückliegenden Wochen sehr oft die Kraft gegeben, in schwierigen Situationen die Fassung zu bewahren und mit Besonnenheit Herausforderungen zu meistern!

Am Bahnhof verabschieden wir uns herzlich. Ich besorge mir eine Fahrkarte und setze mich kurz darauf in meinen Zug, der schon wartet. Mit mir völlig im Reinen fahre ich nach Hause.

 

ENDE

facebooktwittergoogle_pluspinterestmailfacebooktwittergoogle_pluspinterestmail

Hinterlasse einen Kommentar zu André Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>