Tag 8: es treffen sich zwei Orientierungslose

Di., 16. Juni 2015, vom Kärlingerhaus zum Riemannhaus

Funtensee
Funtensee
Dies soll der kälteste Ort Deutschlands sein: -42° C wurden im Winter gemessen.
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Der erste Blick nach draußen sagt mir, dass es immer noch regnet. Da ich aber nicht noch einen Pausentag einlegen möchte, lasse ich mich also von dem Regen nicht abschrecken. Ich möchte endlich hoch zum Riemannhaus, das erst vor wenigen Tagen aufgemacht hat. In den zurückliegenden Tagen habe ich sehr unterschiedliche Aussagen dazu bekommen, ob und wie der Weg aufgrund der Schneesituation zu gehen sein soll. Von dieser Etappe hängt es ab, ob ich planmäßig nach Saalfelden komme oder ob ich im schlimmsten Fall sogar wieder zurück nach Berchtesgaden gehen muss, was mir überhaupt nich in Kram passen würde.

 

Wo hört Oben auf und wo beginnt Unten?

Bereits um sieben Uhr breche ich auf. So habe ich die Chance, dass im Laufe des Tages noch jemand vorbei kommt, sollte mir etwas passieren. Allerdings bleibt abzuwarten, ob sich bei dem Sauwetter noch jemanden vor die Türe wagt.

Wegen der schlechten Bedingungen ändere ich meine Route und wähle den etwas weniger anspruchsvollen Weg durch das Baumgartl. Die erste Stunde läuft alles – vom Regen mal abgesehen – ganz normal. Schritt für Schritt geht es aufwärts, steil, aber nicht ausgesetzt. Der Regen tropft unablässig von meinem Krempenhut und auch der Rest meiner Klamotten ist schon nach einer Stunde durchnässt, ob vom Regen oder vom Schwitzen, ist dabei völlig egal. Ich muss nur darauf achten, in Bewegung zu bleiben, damit ich nicht auskühle. Nun kommen die ersten Schneefelder. Und zur gleichen Zeit komme ich in die Wolken, die mir zusehends die Sicht rauben. Die Schneefelder werden größer, doch lassen sie sich recht gut gehen. Ich muss nur an den Rändern zu den Felsen aufpassen. Dort ist der Schnee von unten her geschmolzen und wenn ich den ersten Schritt nicht groß genug macht, breche ich schnell mal bis zur Hüfte ein. Das ist nicht gefährlich, kostet aber viel Kraft, sich mit samt dem schweren Rucksack wieder freizustrampeln. Überhaupt findet mein „kaputter“ Fuß das Gehen im Schnee nicht so toll. Da der Schnee keinen all zu festen Tritt bietet, müssen die Füße die Instabilität durch viele Microbewegungen ausgleichen.

Inzwischen ist das Verhältnis Felsen zu Schnee gekippt. Immer seltener finde ich noch die üblichen rot-weißen Wegmarkierungen, die auf die Felsen gemalt sind. Statt ihrer dienen aufgestellte Holzstangen der Orientierung. Sie ragen weit aus dem Schnee, dafür stehen sie viel weiter auseinander, soweit, dass ich sie irgendwann im Nebel nicht mehr erkennen kann. So kommt es, dass ich in dem weiß-grauen Einerlei aus Schnee und Nebel den Weg verliere. Ahnungslos, wo es lang gehen soll, klettere ich auf einen Felsgrat. Nach einer viertel Stunde dann sehe ich endlich wieder das vertraute rot-weiße Zeichen und beruhigt kann ich meinen Weg fortsetzen.

 

In Bestzeit

Ich bin ganz traurig, dass ich vom Steinernen Meer nichts zu sehen bekomme. Die kleinen Einblicke, die mir der Nebel gewährt, lassen mich erahnen, wie schön es hier bei Sonne und ohne Schnee wohl ist. Denn der Name Steinernes Meer beschreibt die Landschaft wirklich sehr gut!

Inzwischen schafft es allerdings fast kein Stein mehr, aus dem Schnee-Meer hervorzulugen. Plötzlich, gegen viertel vor zehn, taucht es im Nebel auf, mein heutiges Tagesziel, das Riemannhaus. Somit habe ich mit zwei-dreiviertel Stunden die angegebene Zeit erstmals unterboten!

 

Ein weiterer Orientierungsloser

Noch bevor ich die Hütte betrete, ziehe ich mich im Windfang komplett aus und schlüpfe voller Genuss in trockene Klamotten rein. Die nassen Sachen kommen erst mal in Trockenraum, der allerdings nicht beheizt zu sein scheint. Egal, jetzt brauche ich erst mal einen Tee zum Aufwärmen! Und den gibt es im Halbe-Liter-Humben!
Im Gastraum treffe ich zwei Gruppen an. Die eine quetscht mich über den Weg von bzw. zum Kärlingerhaus aus, die andere Gruppe hatte gestern am Kärlingerhaus Mittagspause gemacht und ist gestern noch hier her gegangen. Aha, dann waren es deren – vom Regen bis zur Unkenntlichkeit verwaschenen – Spuren, die ich immer wieder in Schnee erahnen konnte. Kurz nach mir kommt noch ein Solo-Wanderer, der vom Ingolstätter Haus herübergekommen ist. Er hatte noch mehr Schnee gehabt und hat des Öfteren die Orientierung verloren. Jedes Mal, wenn das der Fall war, ist er wieder zurück an die letzte Wegmarkierung und hat sich dann kreisförmig auf die Suche nach der nächsten Stange gemacht – eine kräftezehrende Prozedur. Mit Inbrunst rät er allen ab, bei diesen Bedingungen zum Ingolstädter Haus zu gehen und so beschließen beide Gruppen, lieber zum Kärlingerhaus zu gehen.
Er war vor ein paar Jahren schon mal da, hatte damals aber nicht viel vom Steinernen Meer gesehen und hat sich diesmal auf eine Genuss-Tour gefreut – vergebens, wie sich heute zeigt.

 

Wenn Zeit sich dehnt

Zwischendurch gehe ich mal raus um mit der Touristeninfo in Kaprun zu telefonieren. Dorthin möchte ich mir von meiner Partnerin Bianca ein Päckchen mit neuen Führern und Karten für das Glockner- und Großvenediger-Gebiet schicken lassen. Die alten Unterlagen und eventuell noch ein bisschen unnützen Ballast schicke ich im selben Karton wieder zurück. Die nette Dame am Telefon willigt ein und nun muss ich nur noch Bianca anrufen und ihr die Adresse durchgeben. Sie hat in der Zwischenzeit versucht, von unserem Postboten Insiderwissen zu dem derzeit andauernden Poststreik herauszufinden. Denn jeden Tag, den das Päckchen später ankommt, ist eine ungewollte Verzögerung meines Vorankommens. Genaues konnte sie aber auch nicht in Erfahrung bringen, aber wir einigen uns darauf, es zu probieren.

Zurück in der warmen Stube setzte ich mich wieder zu zwei Jungs, Anfang bis Mitte Zwanzig, die schon die ganze Zeit gelangweilt herumsitzen und einen sehr betrübten Eindruck machen. Sie erzählen mir, dass sie hier sind, um eine neue Kletterroute in der Südwand des Mitterhorns anzulegen. Doch seit zwei Tagen schon zwingt das Wetter sie zum Nichtstun. Das erklärt ihre gedämpfte Stimmung!

Plötzlich kommt Bewegung in die Stube. Während die beiden Gruppen im Begriff sind aufzubrechen, betritt eine weitere Gruppe den Raum. Ah, bekannte Gesichter! Es sind die Berliner von gestern.

Als wieder Ruhe einkehrt, hole ich meine nassen Klamotten aus dem kalten Trockenraum (die Technik will nach dem Winter noch nicht so recht spuren) um sie vor den knisternden Kachelofen zu hängen.

Der Nachmittag und Abend wird sehr gesellig. Mal wird erzählt, mal spielen wir gemeinsam Karten, zwischendurch gibt’s Essen. Es fühlt sich an, als ob wir uns alle schon eine Woche kennen würden.

Auch wenn wir alle heute keine langen Touren gemacht hatten, sind alle müde und um 9 Uhr löst sich die Runde langsam in Richtung Bett auf. Mein Solo-Kompagnon und ich sind im Lager im Dachgeschoss einquartiert. Wärme hat in den letzten Tagen noch nicht den Weg bis hier oben gefunden. So mummeln wir uns bei 8 C° mit mehreren Decken dick ein und gleiten schnell hinüber ins Reich der Träume.

 

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