Tag 9: lieber fünf Minuten feige als ein Leben lang tot

Mi., 17. Juni 2015, vom Riemannhaus nach Saalfelden

 

Freie Sicht
Freie Sicht
Heute kann ich das Riemannhaus vor dem Sommerstein sehen.
« 1 von 17 »

 

Um fünf Uhr werde ich das erste Mal wach. Es ist immer noch kalt im Matratzenlager, so dass ich keine Lust habe, meine warme Höhle zu verlassen. Doch meine Blase ist da ganz anderer Meinung und am Ende hat sie die besseren Argumente. So spielt das Leben eben: mal verliert man, mal gewinnen die anderen! Mit meiner Stirnlampe irre ich also in Unterhose und T-Shirt durch das Riemannhaus zu den Toiletten. Anschließend gibt es noch mal ne Mütze Schlaf, bevor es gegen halb Acht Frühstück gibt.

Das Wetter sieht zumindest deutlich besser aus als gestern und jeder ist guter Laune, die beiden Jungs, weil sie endlich Dübel in die Wand bohren können, die Berliner, weil sie guten Gewissens zum vorreservierten Ingolstädter Haus gehen können, mein Solo-Kollege, weil er heute gute Chancen haben wird, doch noch ein wenig vom Steinernen Meer zu sehen, und ich, weil meinem Ziel, nach Saalfelden zu kommen, nichts mehr im Wege steht.

 

Bauch besiegt Ehrgeiz

Bevor ich runter gehe, überlege ich, ob ich noch einen Abstecher auf das nahegelegene Breithorn machen soll, in der Hoffnung, auch noch etwas vom Steinernen Meer zu sehen. Ich lasse meinen Rucksack in der Hütte stehen und mache mich – ob der 0 C° vor der Hütte kräftig eingemummelt – auf den Weg. Herrlich, so ganz ohne Last unterwegs zu sein. Doch allzuweit komme ich nicht. Zum einen hätte ich besser Steigeisen und Stöcke mitnehmen sollen, denn der Schnee ist über Nacht ziemlich vereist. In dem Zustand flößen mir die recht abschüssigen Schneefelder ordentlich Respekt ein. Dazu kommt, dass inzwischen Wolken vom Tal hochgezogen sind und den Gipfel vollkommen eingehüllt haben. Ich merke, wie mir mein Bauchgefühl sagen will, dass ich das Ganze abblasen soll. Ich muss ja keinem etwas beweisen und so beschließe ich, auf meinen Bauch zu hören.

 

Fatale Gruppendynamik

Gerade gestern Abend hatten wir es von diesem Thema: Einer aus der Berliner Runde erzählte von einem Experiment, in dem man zwei Gruppen Probanden zusammenstellte. Von Gruppe eins musste jeder alleine ein definiertes Ziel auf der Zugspitze erreichen und war dabei auf sich alleine gestellt. Von dieser Gruppe sind nur zwei Personen am Ziel angekommen, die anderen haben unterwegs das Handtuch geworfen. Die zweite Gruppe hingegen durfte gemeinsam gehen. Von dieser Gruppe hat jeder das Ziel erreicht.

Fazit: die Gruppendynamik kann ungemein motivierend wirken. Sie kann aber auch dazu führen, dass einzelne Gruppenmitglieder sich gezwungen fühlen, weit über ihre – vor allem psychischen – Grenzen hinauszugehen. Die zweite Gefahr lauert darin, dass eine Gruppe Sicherheit vorgaukelt, die in Wahrheit gar nicht existiert. Denn jeder denkt, solange die anderen nichts sagen, wird das, was das Kollektiv tut, schon richtig sein. Der Einzelne gibt gerne die Verantwortung für sich selbst an die Gemeinschaft ab.

Das wiederum belegt ein Versuch, von dem ich mal gelesen hatte: man hat eine Person zum Warten in einen Raum gesetzt und die Türe geschlossen. Nach einigen Minuten hat man Rauch in den Raum geleitet. Der Proband hat bereits nach wenigen Sekunden reagiert und versucht, sich bemerkbar zu machen. Im Parallel-Experiment hat man eine Kleine Gruppe Menschen in diesen Raum gesetzt. Wieder wurde Rauch eingeleitet, doch diesmal reagierte keiner. Wohl hatte jeder den Rauch bemerkt. Jedoch gaben alle bei der späteren Befragung an, dass sie nicht sicher waren, ob es wirklich eine bedrohliche Situation gewesen sei und dass sie sich nicht vor der Gruppe fremder Menschen blamieren wollten. Und da auch kein anderer im Raum reagierte, ging man davon aus, dass die Situation unter Kontrolle sei.

Diesen Effekt habe ich jetzt schon mehrmals an mir selbst festgestellt. Als Solo-Wanderer bin ich hier oben ganz alleine für mich und mein Leben verantwortlich. Ich kann keinen um Rat fragen und schon gar nicht kann ich die Verantwortung für mein Handeln an jemand anderes abgeben. Das wird der Grund sein, weshalb ich mir manches alleine nicht traue, obwohl ich in Gruppen schon ganz andere Herausforderungen gemeistert habe. Da mir aber nun mal mein Leben teuer ist, bin ich gerne mal fünf Minuten feige und kehre um.

 

Und es wird doch noch spannend!

Zurück an der Hütte sattle ich meinen Rucksack und mache mich auf, 1.500 Höhenmeter über die Ramseider Scharte nach Saalfelden abzusteigen. Wenige Minuten später stelle ich fest, dass die Ramseider Scharte doch noch genug Nervenkitzel für mich bereit hält. Technisch ist sie für mich überhaupt kein Problem, aber der Steig ist meinem Geschmack nach schon reichlich ausgesetzt, so dass ich wunderbare Gelegenheit bekomme, wieder das in meinem Höhenangst-Coaching Gelernte anzuwenden. Die Spitze meiner heutigen Übung war ein Schneefeld, das mir den Weg versperrt. Rechts wartete eine ein Meter breite und drei Meter Tiefe Spalte zwischen Schnee und Felswand, links geht es im 60°-Winkel auf hartem Schnee Berg ab und was hinter dem Schneefeld kommt, kann ich nicht sehen. Für mich bleibt ein schuhbreiter Steg übrig, auf dem ich hochsteigen muss, bevor mein „Weg“ in eine sauber in Schnee getretene Spur übergeht. Puh, geschafft!!!

Von da an ist der Abstieg nur noch eine Sache der Kondition. Kurze Zeit später kommen mir zwei junge Männer leichtfüßig entgegen. Als sie weiter oben am Einstieg zur Ramseider Scharte ankommen, dienen sie mir eine Zeit lang als Größenvergleich, denn mit zunehmenden Abstand fällt es mir zunehmend schwerer, die tatsächlichen Dimensionen richtig einzuschätzen. Ich bin selbst überrascht, wo ich eben runtergegangen bin!

Doch plötzlich ist es vorbei mit der Sicht. Wie bei einem Kamineffekt kommt in rasender Geschwindigkeit Nebel hochgezogen und innerhalb von drei Minuten reduziert sich meine Sicht auf unter zwanzig Meter! Wohl dem, der jetzt auf einem erkennbaren Weg unterwegs ist.

Langsam kehrt die Vegetation wieder zurück und später am Tag führt mich ein schmaler Pfad durch schöne Wälder bis hinab ins Tal. Der Weg bis zum Zentrum zieht sich dann doch ziemlich. So langsam merke ich meine Füße wieder. Sowohl meine alte Verletzung als auch meine nicht mehr ganz neue Blase melden sich wieder. Egal, denke ich, Zähne zusammenbeißen und bis zur Touristeninfo durchgehen. Dort wird mir freundlich und gut geholfen. Es gibt aber leider nur noch etwas außerhalb des Ortes, zur Auswahl steht ein teures Hotel und ein Bio-Bauernhof. Ich entscheide mich für den Hinterkasbichlhof. Doch bevor ich die letzten vier Kilometer in Angriff nehme, muss ich mir erst mal meine Blase anschauen. Der Anblick, der sich mir bietet, als ich die Socke ausziehe, ist kein schöner. Das Blasenpflaster hat sich gelöst und zum Vorschein kommt das saftige Rot einer ausgewachsenen Blase. Notdürftig versorge und verklebe ich sie, damit ich den Rest des Weges ordentlich gehen kann.

 

Von so viel Herzlichkeit bin ich total ergriffen

Was ich bei dem Blick auf den Stadtplan, den ich mitbekommen habe, nicht bedacht hatte ist, dass hier fast alles, was außerhalb des Ortes liegt, automatisch weiter oben liegt. So darf ich mich auf dem letzten Kilometer noch über ein paar zusätzliche Höhenmeter freuen!

Ich nähere mich dem, was ich für „meinen“ Hof halte, bin aber recht irritiert, da der so gar nicht aussieht wie auf dem Bild. Mein Zweifeln wurde offensichtlich schon bemerkt denn es kommt ein Mann Mitte Zwanzig auf mich zu. Seine Mutter erwarte mich schon, heißt es und werde mit einem herzlichen Händedruck begrüßt. Ich gehe also an das andere Ende des Anwesens und werde dort vom Altbauern ebenso herzlich begrüßt, bevor auch dessen Frau kommt. So viel Herzlichkeit wirft mich glatt um. Als erstes werde ich auf die Bank vor dem Haus gelotst und schon kommt die Bäuerin mit einer Flasche Bier, einer Limo und einem Glas, so dass ich mir erst mal ein Radler machen kann. Dann werde ich ausführlich über das woher und wohin interviewt. Witzigerweise kann man beides vom Hof aus gut sehen.

Während die Männer wieder zurück zu ihrer Hofarbeit gehen, sitze ich mit der Bäuerin noch eine ganze Stunde vor dem Haus. Wir unterhalten uns, als würden wir uns schon lange kennen. Es ist wirklich eine Kostbarkeit, so herzlich aufgenommen zu werden. Das macht es mir etwas einfacher, von zu Hause und meinen Lieben getrennt zu sein.

Jetzt freue ich mich nur noch auf eine warme Dusche! Anschließend verarzte ich noch meine Blase, bevor ich in die am wenigsten müffelnden Klamotten schlüpfe. Alles andere bringe ich der Bäuerin, sie ist so liebenswürdig und wäscht mir alles mal gründlich in der Waschmaschine durch.

Nun fehlt nur noch was Warmes im Magen. Dafür muss ich allerdings noch mal eine viertel Stunde laufen. In meinen superleichten Hüttenschuhe macht das aber sogar meine Blase ganz gut mit. Zurück vom Essen lasse ich mich nur noch ins Bett fallen und bin im nächsten Augenblick auch schon eingeschlafen.

 

< Tag 8 | Tag 10 >

facebooktwittergoogle_pluspinterestmailfacebooktwittergoogle_pluspinterestmail

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>